Der Nato-Gipfel in Ankara ist harmonischer verlaufen als erwartet. Wladimir Putin wird ihn genau beobachtet haben.
Der Nato-Gipfel in Ankara ist harmonischer verlaufen als erwartet. Wladimir Putin wird ihn genau beobachtet haben.
Ulrich Speck10.07.2026, 05.30 Uhr

Jonathan Ernst / Reuters
Der Nato-Gipfel in Ankara war trotz allem ein Erfolg. Die Hoffnung der Europäer bestand darin, dass Donald Trump kein Drama machen würde. Diese Hoffnung wurde weitgehend erfüllt.
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Zwar liess der amerikanische Präsident immer wieder verlauten, dass er den Anspruch auf Grönland aufrechterhalte. Er machte ebenso deutlich, dass er mit dem Verhalten der Europäer nicht zufrieden sei. Und Spanien, das sich offen geweigert hat, die neuen Nato-Ziele bei der Aufrüstung zu verfolgen, drohte er mit einem Handelskrieg.
Und doch dominierten diese Themen nicht den Gipfel, sie waren vielmehr ein Hintergrundrauschen. Im Zentrum stand, dass sich Trump in unerwartet klarer Weise hinter die Ukraine und die Nato stellte.
Im Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski überhäufte Trump die Ukraine nicht nur mit Lobpreisungen. Er verkündete auch, Amerika sei bereit, der Ukraine die Lizenz zum Bau von dringend benötigten Patriot-Raketen zu geben. Das ist eine langfristige Investition in die Sicherheit der Ukraine. Trump sagte auch, er sei grundsätzlich bereit, die Ukraine zu besuchen.
Darüber hinaus unterzeichnete der amerikanische Präsident eine Abschlusserklärung, welche die klassische Rolle der Nato als Solidaritätspakt gegen die russische Aggression bestätigte: Wir «sind in Ankara zusammengekommen, um unser unerschütterliches Bekenntnis zu unserer kollektiven Verteidigung gemäss Artikel 5 des Washingtoner Vertrags sowie zum transatlantischen Bündnis zu bekräftigen. Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle.»
Auch die Ukraine erhielt einen prominenten Platz in der Erklärung. Das Land «trägt zur transatlantischen Sicherheit bei», und die Alliierten «stehen vereint in unserer unerschütterlichen Unterstützung für die Ukraine bei der Verteidigung ihrer Freiheit, Souveränität und territorialen Integrität».
Trumps Fazit über den Gipfel: «Wir hatten ein grossartiges Nato-Treffen, da war viel Liebe im Raum, viel Einheit.»
All das ist weitaus mehr, als die Europäer im Vorfeld hoffen konnten. Und es ist ein klares Signal an Moskau: Die Nato ist nicht «hirntot», wie der französische Präsident Emmanuel Macron 2019 verkündet hatte, und auch nicht «obsolet», wie Trump 2017 gesagt hatte. Der amerikanische Präsident hat seinen Groll darüber, dass die Europäer teilweise die Nutzung amerikanischer Basen im Iran-Krieg verweigert hatten, in Ankara hinuntergeschluckt.
Trump scheint den Wert der Europäer als enge Verbündete zu erkennen. Das ist nicht zuletzt ein Sieg des amerikanischen Aussenministers Marco Rubio, der in der Regierung für die traditionelle Linie der Republikaner steht.
All das dürfte Moskau durchaus beeindrucken. Die Nato sendet ein Signal der transatlantischen Einigkeit und bekräftigt ihre Unterstützung für die Ukraine. Zugleich investieren die Europäer massiv in militärische Fähigkeiten, sie werden also immer stärker.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Europäer sorgenfrei in die Zukunft schauen können, was ihre militärische Sicherheit angeht.
Die prägenden Entwicklungen im transatlantischen Verhältnis gehen weiter. Europa verliert die Rolle als zentraler Ort amerikanischer Aussen- und Sicherheitspolitik. Die machtpolitische Herausforderung durch China, das weitaus stärker als Russland ist, zwingt die Amerikaner zur Verlagerung des Fokus auf den Indopazifik.
Das erfordert eine Neuordnung des transatlantischen Bündnisses. Der Nato-Generalsekretär Mark Rutte definiert das Ziel als «ein stärkeres Europa in einer stärkeren Nato». Es geht darum, dass die Europäer in wesentlichen Teilen die konventionelle Verteidigung Europas selbst übernehmen. Die Rolle Amerikas soll erheblich reduziert werden.
Der Pentagon-Stratege Elbridge Colby hat diese Zielvision als Nato 3.0 bezeichnet. Anfang Juni hat er eine Gruppe von Nato-Mitgliedern in der norwegischen Stadt Bergen versammelt, um über einen geordneten Übergang zu beraten. Eingeladen waren die Länder, die aus Washingtoner Sicht eine zentrale Bedeutung bei dieser Neuordnung haben: Deutschland, Polen, Finnland, Schweden, Norwegen und die Niederlande.
Unklar ist jedoch weiterhin, wie weit der amerikanische Rückzug gehen wird. Der ehemalige Pentagon-Mitarbeiter Matthew Kroenig fasst zusammen, was Europa braucht: «Man benötigt nach wie vor die Führung der USA, hochmoderne amerikanische Fähigkeiten, nukleare Abschreckung sowie ausreichend konventionelle amerikanische Streitkräfte vor Ort.»
Wie auch immer der Übergang zur grösseren Verantwortung der Europäer aussehen wird: Klar ist, dass es nicht ohne Spannungen gehen wird. Die Europäer sind in vielem mit den Amerikanern uneins. Ebenso uneinig sind sie untereinander.
Die Bedrohung durch Russland wird im Osten und Westen, im Norden und Süden Europas unterschiedlich bewertet. Dementsprechend verschieden ist die Bereitschaft, in die eigene Rüstung zu investieren. Auch der Blick auf Amerika unterscheidet sich. Was für die einen ein lästiger Hegemon ist, der zu viel fordert, ist für die anderen ein Partner von existenzieller Bedeutung.
Zudem ist die Führungsfrage in Europa ungeklärt. Kein Land ist stark und einflussreich genug, um die USA in ihrer Rolle als Führungsnation der Nato zu ersetzen. Europa könnte das gemeinsam angehen. Doch eine kollektive Führung stösst an Grenzen, wenn es um existenzielle Fragen wie die nationale Sicherheit geht – oder wenn schnell gehandelt werden muss.
Auch wenn vom Nato-Gipfel in Ankara das Signal der Entschlossenheit und Einigkeit ausgeht, tritt die Nato in eine Periode erhöhter Fragilität ein. Die Phase der Transformation hin zu mehr europäischer Selbständigkeit wird anstrengend werden.
Kurzfristig dürfte der Nato-Gipfel gegenüber Moskau ein wichtiges Zeichen der Abschreckung setzen. In Moskau dürfte man alles andere als erfreut über das Treffen sein. Nicht nur, dass sich Trump wieder klarer hinter die Allianz gestellt hat. Amerikaner und Europäer haben gemeinsam auch die Ukraine gestärkt.
Doch längerfristig könnte Russland neue Chancen sehen, Zwietracht in der Allianz zu säen. Oder sogar mit einer begrenzten Militäraktion im Baltikum oder in Polen testen, wie weit die Nato-Solidarität in der Praxis reicht. Die Spannungen und Brüche, die mit der transatlantischen Lastenverlagerung verbunden sind, könnten von Moskau als Gelegenheit gesehen werden, die Nato auf die Probe zu stellen und sie gegebenenfalls als Papiertiger zu entlarven.
Im Umfeld des Nato-Gipfels hat insbesondere Polen immer wieder davor gewarnt, Russland könne bald in diese Richtung aktiv werden. Der polnische Aussenminister Radoslaw Sikorski sagte, dass Europa auf russische Provokationen vorbereitet sein müsse. Und laut einem Bericht der «Washington Post» hat auch die CIA die Nato-Alliierten davor gewarnt, dass der Krieg von Russland ausgeweitet werden könnte.
Dieser „Liebe“- Spruch kommt mir vor wie bei „The Night of the Hunter“ (1955, Charles Laughton) dem mörderischen Wanderprediger und seinem L-O-V-E und H-A-T-E auf die Knöchel der rechten und linken Faust tätowiert. Wenn Russland die Ukraine überrollt ist Polen dran, das ist doch selbstverständlich.
Es braucht keine Auslegung aus Moskau, um zu erkennen, dass die Nato geschwächt ist. Wie Trump sich gegen die Ukraine und damit die Interessen Europas gestellt hat, sein Handelskrieg gegen alle Verbündeten sowie sein Fetisch mit Grönland zeigen den Zwiespalt deutlich. Dazu kommt, dass Europa nichts Willens ist, die USA im Krieg gegen den Iran aktiv zu unterstützten. Da geht es nicht um die Nato, aber Verbündet können auch ausserhalb festgeschriebener Abkommen zusammenarbeiten. Weiter kommt dazu, dass der Iran die Grenzen der Möglichkeiten der USA gnadenlos offengelegt hat. Es handelt sich um die Fähigkeit Kriege längere Zeit auf hohem Niveau führen zu können. Der Verbrauch von jährlichen Produktionsraten zeigt die Schwäche eindrücklich. Möglicherweise versuchen die USA jetzt, den Iran niederzugringen, indem sie den Konflikt auf geringem Level halten, um den Iran so zu strangulieren. Das Problem ist nur, dass das Raum und Zeit gibt, dass der Iran sich anpassen kann. Und Finanziell sieht es für die USA auch nicht gut aus. Wir sprechen gern über die Schwächen Russlands, Chinas oder dem Iran und übergehen die Bruchlinien in den eigenen Reihen. Europa muss sich selbst verteidigen und das bedeutet, dass Europa schwächer aufgestellt ist. Darüber beschweren hilft nichts, es ist eine Tatsache. Wir müssen lernen, mit dem Ist-Zustand umzugehen und nicht der Vergangenheit nachzuhängen. Das ist vor allem unangenehm, weil das unserem Ego im Weg steht ... Oder ist unserer Moralischen Überlegenheit, die nach wie vor wacker zelebriert wird. Das nicht nur von Linken, sondern auch Konservativen, womit sie fehlende eigene aussenpolitische Visionen rechtfertigen. Kurz: Russland begeht Kriegsverbrechen, wir verhandeln nicht, die Ukraine muss kämpfen. Gleichzeitig hält man sich bei Waffenlieferungen zurück und gesteht selbst ein, dass ein militärischer Erfolg nicht möglich ist. Macht entscheidet, was möglich ist. Was war führt meist nur in den Abgrund.
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