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Wie sich Europa auf den langen Weg zur eigenen Abschreckung macht

Дата публикации: 11-07-2026 03:30:00

Beim Nato-Gipfel in Ankara stand Donald Trump im Rampenlicht. Doch in seinem Schatten haben Europa und vor allem Deutschland die schärfste strategische Wende seit dem Kalten Krieg eingeleitet.

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Wie sich Europa auf den langen Weg zur eigenen Abschreckung macht

Beim Nato-Gipfel in Ankara stand Donald Trump im Rampenlicht. Doch in seinem Schatten haben Europa und vor allem Deutschland die schärfste strategische Wende seit dem Kalten Krieg eingeleitet.

Start eines Tomahawk-Marschflugkörpers von Bord des Lenkwaffenzerstörers USS «Frank E. Petersen Jr.» im März dieses Jahres während des amerikanischen Angriffs auf Iran.

Start eines Tomahawk-Marschflugkörpers von Bord des Lenkwaffenzerstörers USS «Frank E. Petersen Jr.» im März dieses Jahres während des amerikanischen Angriffs auf Iran.

DVIDS/Handout

Der Nato-Gipfel in Ankara war ein Wechselbad der Gefühle. Der US-Präsident Donald Trump polterte und drohte öffentlich, doch hinter den Kulissen sprach er von «unglaublicher Einigkeit und Liebe im Raum». Hängen bleibt jedoch etwas anderes.

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Das Treffen in der Türkei könnte als einer der wichtigsten Wendepunkte der europäischen Sicherheitspolitik in Erinnerung bleiben. Hinter der Kulisse der Streitigkeiten begann etwas, das weit über den Gipfel hinausreicht: Europa baut erstmals seit dem Ende des Kalten Kriegs eine eigene konventionelle strategische Schlagkraft auf.

Das am Montag verkündete Abkommen, bei dem Kanada dem deutsch-norwegischen Projekt zum Bau von U-Booten der Klasse U-212 CD beitritt, war der Anfang. Am Dienstag unterzeichneten die USA und Deutschland dann eine Absichtserklärung über den Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern. Im Frühjahr hatte Trump eine Zusage seines Vorgängers Joe Biden kassiert, in diesem Jahr amerikanische Tomahawks in Deutschland zu stationieren. Nun kauft Deutschland die Waffen selbst.

Welchen Preis die Amerikaner dafür aufrufen, ist bis jetzt nicht bekannt. Die Bundesregierung teilte lediglich mit, dass die USA im August das Geschäft genehmigen wollten. Zu den Stückzahlen äusserte sich Berlin nicht. Stattdessen kündigte die Bundesregierung in Ankara an, parallel zur Tomahawk-Beschaffung mit Partnern «unter Hochdruck» eigene weitreichende Deep-Precision-Strike-Waffen zu entwickeln.

Darauf haben die Amerikaner bis anhin das Fähigkeitsmonopol in der Nato. Deep-Precision-Strike-Waffen sind zielgenaue Raketen und Marschflugkörper, die auf Entfernungen von 1500 bis über 2000 Kilometer weit in das gegnerische Hinterland reichen. Sie sollen vor allem gegen strategische Ziele wie Flugplätze, Kommandoposten, Brücken, Depots, Raketenstellungen und Truppenansammlungen eingesetzt werden.

Begrenzte europäische Deep-Strike-Fähigkeiten

Europa besitzt derzeit nur begrenzte eigene Deep-Strike-Fähigkeiten. Dazu zählen der deutsche Taurus, der britische Storm Shadow und der französische Scalp. Ihre Reichweite liegt aber deutlich unter 1000 Kilometern. Um diese Lücke zu schliessen, hatten sich die USA und die vorige deutsche Regierung bereits 2023 auf eine Stationierung verständigt.

Das damalige amerikanische Angebot umfasste neben den Tomahawks auch Hyperschallraketen vom Typ Dark Eagle und SM-6-Flugkörper. Es spricht vieles dafür, dass die Entscheidung Trumps, von dieser Zusage abzurücken, überwiegend finanzielle Gründe hatte. Bei einer Stationierung hätten die Amerikaner für die Waffen gezahlt und eigenes Personal schicken müssen. Nun kauft Deutschland die Tomahawks und stellt das Bedienpersonal selbst.

Für Trump dürften auch politische Gründe eine Rolle gespielt haben. Wenn die Amerikaner die Waffen in Deutschland stationiert hätten, hätten sie auch die Entscheidung für ihren Einsatz treffen müssen. Nun steht die Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz in der alleinigen strategischen Verantwortung.

Die Tomahawks sind dann deutsche Waffen. Also ist es auch eine deutsche Entscheidung, sie einzusetzen. Das markiert eine dramatische Veränderung der deutschen Sicherheitspolitik.

Europa will unabhängig von den USA werden

Die Beschaffung amerikanischer Systeme löst das europäische Problem allerdings nur kurzfristig. Langfristig wollen und müssen die Europäer unabhängiger von den USA werden und eigene weit reichende Präzisionswaffen entwickeln.

Schon vor gut zwei Jahren haben Deutschland und Grossbritannien im sogenannten Trinity-House-Abkommen vereinbart, eigene Stealth- und Hyperschallwaffen mit einer Reichweite von mehr als 2000 Kilometern zu entwickeln. In Ankara wurde dieser europäische Kurs nun durch eine tiefe industrielle Vernetzung untermauert. Ein Dutzend europäischer Staaten will über die nächsten Jahre im grossen Stil in eigene Angriffsfähigkeiten auf grosse Entfernungen investieren.

Doch kann Europa tatsächlich das über Jahrzehnte aufgebaute amerikanische Fähigkeitsmonopol bei weit reichenden Präzisionswaffen brechen? Die Antwort führt zu einem Unternehmen, zu dem sich vor 25 Jahren italienische, britische, französische und deutsche Raketen- und Lenkwaffenhersteller zusammengeschlossen haben: Matra BAe Dynamics Aérospatiale, kurz: MBDA.

Modell eines Marschflugkörpers vom Typ Storm Shadow (britisch) und Scalp (französisch) des europäischen Rüstungsunternehmens MBDA, hier ausgestellt auf der Paris Air Show in Le Bourget im Jahr 2023.

Modell eines Marschflugkörpers vom Typ Storm Shadow (britisch) und Scalp (französisch) des europäischen Rüstungsunternehmens MBDA, hier ausgestellt auf der Paris Air Show in Le Bourget im Jahr 2023.

AP

Dieses Unternehmen produziert unter anderem die Marschflugkörper Taurus, Storm Shadow und Scalp sowie den französischen Marine-Marschflugkörper MdCN. Storm Shadow und Scalp wurden in der Ukraine eingesetzt. Sie fliegen allerdings in den Exportvarianten nicht weiter als etwa 500 Kilometer.

Anders ist es beim Marine-Marschflugkörper MdCN. Er wird von Schiffen und U-Booten abgefeuert und fliegt bis zu 1300 Kilometer weit. Er ist damit die bisher einzige europäische Waffe für die weite Distanz. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass es MBDA trotz vorhandener Expertise kaum gelingen wird, vor Beginn des nächsten Jahrzehnts einen einsatzfähigen und über 2000 Kilometer weit reichenden, landgestützten Präzisionsflugkörper zu bauen.

Ein Rheinmetall-Startup drängt in den Markt

Doch die klassische Rüstungsindustrie ist nicht mehr allein. Wie bei den Drohnen drängen auch im Raketenbau Startups in den Markt. So gründeten Rheinmetall und das frühere Schweizer und heutige niederländische Unternehmen Destinus im April dieses Jahres das Joint Venture Rheinmetall Destinus Strike Systems. Nach eigenen Angaben will der Zusammenschluss noch in diesem Jahr die «Lieferbereitschaft» für einen in Deutschland produzierten Flugkörper erzielen.

Destinus setzt auf modular aufgebaute Marschflugkörper und arbeitet bereits eng mit der Ukraine zusammen. Die Firma baut dort Drohnen, die immer weiter reichen und immer wirksamer geworden sind. Es sind nicht zuletzt jetgetriebene Drohnen von Destinus, die seit Monaten im russischen Hinterland der ukrainischen Front einschlagen. Rheinmetall will vor allem Sprengköpfe und Feststoffbooster beisteuern, die das Unternehmen bereits in Massen produziert.

Eine Drohne des Rüstungsunternehmens Destinus, ausgestellt auf einer Rüstungsmesse in Brüssel im März dieses Jahres.

Eine Drohne des Rüstungsunternehmens Destinus, ausgestellt auf einer Rüstungsmesse in Brüssel im März dieses Jahres.

Omar Havana / Getty Images Europe

Doch die eigentliche Frage ist, welche Philosophie die Europäer für ihre Verteidigung verfolgen. Wollen sie einen teuren Marschflugkörper in vergleichsweise geringer Stückzahl, wie ihn etwa MBDA liefern könnte? Oder eine massenhaft verfügbare Jetdrohne von Rheinmetall Destinus, die im Schwarm eine ähnliche Wirkung im Ziel erreicht wie ein komplexes System?

Präzisionswaffen bestehen nicht nur aus Raketen

Weit reichende Präzisionswaffen bestehen allerdings nicht nur aus Raketen. Europa braucht auch Satelliten für Kommunikation, Zielerfassung und Zielverfolgung. So weit ist es aber noch nicht. Die Bundeswehr beispielsweise wird erst in den nächsten Jahren eigene Aufklärungssatelliten ins Weltall bringen, um Raketenstarts zu registrieren und eigene Flugkörper präzise ins Ziel zu navigieren.

Doch die Zeit drängt. Die USA wollen sich aus der konventionellen Verantwortung in Europa zurückziehen und zwingen die Nato-Partner nicht zufällig zum Aufbau eigener Deep-Strike-Fähigkeiten. Für Washington ist die Fähigkeit, tief im gegnerischen Hinterland präzise zuzuschlagen, künftig vor allem im Indopazifik gegen China entscheidend. Europa muss diese Aufgabe gegen Russland selbst übernehmen. Der Gipfel in Ankara hat deshalb nicht nur den Umbau der Nato gezeigt, sondern auch eine neue Arbeitsteilung im Bündnis.

Zugleich rüstet Russland trotz dem Krieg in der Ukraine weiter auf, verbessert seine Raketen und erhöht ihre Produktion. Ukrainischen Angaben gemäss soll Russland in diesem Jahr monatlich allein 40 bis 50 Marschflugkörper vom Typ Kh-101 und 60 bis 70 Iskander-M-Raketen produzieren.

Jahrzehntelang war die Fähigkeit zu weit reichenden konventionellen Präzisionsschlägen ein amerikanisches Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Nato. Der Gipfel in Ankara markiert nun den politischen Beginn eines europäischen Gegenentwurfs. Die Tomahawk-Zusage der US-Regierung hat dafür etwas mehr Zeit verschafft.

Ob jetzt tatsächlich eine eigenständige europäische Abschreckungsfähigkeit entsteht, entscheidet sich allerdings nicht auf politischen Gipfeltreffen. Sondern in den kommenden Jahren in den Fabrikhallen und Verteidigungshaushalten.

Hendrik C.R. Lock

vor 1 Stunde

Wir sollten keine US amerikanischen Waffen kaufen, sondern sie in Lizenz fertigen wann immer möglich. Damit würden wir wahrhaftig unabhängig.

Nur nichts überstürzen. Bei Rheinmetall. Existiert diese Firma überhaupt wirklich ? Noch hält die Ukraine stand. Wahrscheinlich könnte in der Ukraine mit ukrainischer Expertise und europäischem Kapital was Substanzielles zusammengelötet werden. Israel verfügt ebenfalls über funktionierende Waffensysteme.

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