Während der laufenden Fußball-WM sind die Fälle häuslicher Gewalt in Berlin deutlich gestiegen. Experten nennen Enttäuschungen, Alkohol oder Hitze als mögliche Faktoren – doch die Ursachen liegen oft tiefer.
Fußball Mehr Gewalt im häuslichen Umfeld während der WM
Die Vorfälle häuslicher Gewalt in Berlin haben während der laufenden FIFA Fußball-Weltmeisterschaft zugenommen.
377 Fälle von Gewalt im häuslichen Umfeld verzeichnete die Polizei in der Woche vom 18. bis 24. Juni, wie sie auf rbb|24-Anfrage mitteilte. Das entspricht rund 22 Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres (309 Fälle).
Ein Anstieg familiärer oder partnerschaftlicher Gewalt während eines Fußball-Großevents – mal wieder. Die "Berliner Morgenpost" [Bezahlinhalt], die in der vergangenen Woche zuerst darüber berichtete, zitierte eine Statistik der Berliner Polizei, nach der die angezeigten Vorfälle in den drei Wochen vor der EM 2024 im Vergleich zu den ersten drei Turnierwochen von 869 auf 927 anstiegen.
Der aktuelle Datenbestand unterliegt einer fortlaufenden Änderung, teilte die Polizei rbb|24 mit. "Dadurch können unterschiedliche Abfragezeitpunkte zu voneinander abweichenden Ergebnissen führen".
Fest steht: Hinter den Zahlen steckt das Leid einzelner Menschen, denen körperliche, physische, psychische oder sexuelle Gewalt angetan wurde. Dass die Fallzahlen gerade während eines sportlichen Großturniers steigen, wirkt zunächst verwunderlich. Immerhin wird das Fußball-Event von Veranstaltern und Promotern als friedlich-fröhliches Gemeinschaftserlebnis verkauft, und für die allermeisten Fans trifft das auch zu.
Gleichzeitig ist die WM ein "Brennglas für Dynamiken, die ohnehin schon bestehen", sagt Jakob Filzen vom Berliner Zentrum für Gewaltprävention (BZfG), das Menschen berät, die in ihren Familien oder in ihrem nahen sozialen Umfeld Gewalt ausgeübt haben.
"Die WM ist emotionsgeladen für diejenigen, die in die Spiele involviert sind. Sie fiebern mit. Dann können Frust, Wut, Enttäuschung und Hilflosigkeit entstehen. Alles Gefühle, die auch im Zusammenhang mit Gewaltanwendungen stehen", sagt der Psychologe.
Fehlt es an einem guten Umgang damit, könne sich das in Gewaltverhalten gegenüber der Partnerin oder dem Partner zeigen. Auch Alkoholkonsum oder der Gebrauch anderer Substanzen könne eine Rolle spielen.
Während sich Frust, Wut, Kränkung, erlebte Hilflosigkeit oder eben der Alkohol als Auslöser von Gewalt zusammenfassen lassen, spielten laut Filzen auch tiefer liegende Dynamiken eine Rolle, die er als Ursachen zusammenfasst: in der Kindheit erlebte häusliche Gewalt, eine defizitäre Emotionsregulierung, aber insbesondere auch patriarchal-männliche Geschlechtersozialisierung können demnach einen Einfluss haben.
Dazu passt die Einschätzung der Neurowissenschaftlerin Charmayne Hughes. Anekdotische Berichte von Forschern würden darauf hindeuten, dass "die aufgeheizte Stimmung bei Sportveranstaltungen, insbesondere nach Niederlagen, ein besonders fruchtbarer Nährboden für gewalttätige Auseinandersetzungen ist", sagt sie im Interview mit dem rbb.
Sie schränkt allerdings ein, dass es "wenige Forschungsergebnisse" dazu gebe. "Natürlich ist es ein sensibles Thema, und für die Opfer mit Scham verbunden. Das erschwert eine Stichprobengröße, die man braucht, um wirklich aussagekräftige Ergebnisse und Schlussfolgerungen zu erzielen", so Hughes.
Eine enorme Stichprobengröße und ein aussagekräftiges Ergebnis lieferte vor gut zwei Jahren eine Studie aus Großbritannien [sciencedirect.com], auf die das Redaktionsnetzwerk Deutschland aufmerksam machte [rnd.de]. Als Datengrundlage dienten (Notfall-)Anrufdaten im Großraum Manchester über einen Zeitraum von acht Jahren. Der Untersuchung zufolge stieg häusliche Gewalt unmittelbar nach wichtigen Fußballspielen an und erreicht etwa zehn Stunden nach der Partie ihren Höhepunkt.
Eine ähnliche Methodik verfolgte Charmayne Hughes von der TU Berlin bei einer Untersuchung zu Gewalt in Paarbeziehungen. Ausgewertet wurden Kriminalitätsdaten des Los Angeles Police Departments über einen Zeitraum von vier Jahren. Eine Erkenntnis: "Häusliche Gewalt nimmt an den Wochenenden zu. Und auch während der heißen Monate des Jahres", so Hughes.
Die Forscherin weist in dem Zusammenhang auf die jüngste Hitzewelle in Deutschland hin, als die Temperaturen auf über 40 Grad kletterten. Diese Wetterbedingungen könnten körperliches Unbehagen, Reizbarkeit und Schlafstörungen verstärken, sagt sie. "In Umgebungen, in denen bereits unterschwellige Gewalt vorhanden ist, kann das dann überkochen."
Just zum Ausklang dieses Hitzerekord-Wochenendes flog das DFB-Team völlig überraschend gegen Paraguay aus der WM. Wie die Zahlen zur häuslichen Gewalt in diesen Tagen ausfielen, lässt sich erst Mitte dieser Woche feststellen, teilt die Polizei auf rbb|24-Anfrage mit. Noch liegt die Statistik nicht vor.
Sind Sie oder Ihnen bekannte Personen von physischer oder psychischer Gewalt in der Familie oder Partnerschaft betroffen? Folgende Stellen bieten Informationen, Unterstützung oder Hilfe an:
Beim Berliner Zentrum für Gewaltprävention (BZfG) wird der Zusammenhang zur aktuellen WM jedoch nicht explizit erfasst. Das hat einen Grund: Die Einrichtung nimmt wegen Überlastung schon seit Längerem gar keine neuen Klienten mehr auf. "Wir haben unsere Neuaufnahme geschlossen, weil es so einen hohen Bedarf gibt und wir zu wenig Ressourcen haben, um gerade neue Klient:innen aufzunehmen", sagt Jakob Filzen. Erst ab Herbst seien Neuanmeldungen wieder möglich. "Unsere Warteliste war so lang, dass wir das mit unseren Ressourcen nicht bedienen konnten", so Filzen. Häusliche Gewalt erscheint also - auch ohne die WM - als großes gesellschaftliches Problem.
Sendung: rbb|24, 07.07.2026, 10:08 Uhr
Audio: rbb|24, 07.07.2026, Shea Westhoff
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