Unverputzte Wände, weniger Vorschriften, niedrigere Kosten: Mit dem Gebäudetyp E wollen Verena Hubertz und Stefanie Hubig den Wohnungsbau beschleunigen. Eine neue Studie sieht in vereinfachtem Bauen enormes Potenzial.
Justizministerin Stefanie Hubig (r.), spricht neben Bauministerin Verena Hubertz (l., beide SPD) mit einer Bewohnerin in einem Mehrparteienhaus in Berlin, das als Gebäudetyp E errichtet wurde.
Foto: Elisa Schu/dpa/Elisa SchuBerlin · Unverputzte Wände, weniger Vorschriften, niedrigere Kosten: Mit dem Gebäudetyp E wollen Verena Hubertz und Stefanie Hubig den Wohnungsbau beschleunigen. Eine neue Studie sieht in vereinfachtem Bauen enormes Potenzial.
Bundesbauministerin Verena Hubertz und Bundesjustizministerin Stefanie Hubig fühlen sich sichtlich wohl. Die beiden SPD-Politikerinnen sind an diesem Dienstagvormittag in einer Wohnung im Berliner Stadtteil Neukölln zu Besuch. In der Kochecke gefällt Hubertz vor allem der Herd in der Mitte des Raums – und die Farben. Das Besondere daran: Die Wohnung, in der die beiden Ministerinnen stehen, ist laut Bauministerium nach einem vereinfachten Gebäudestandard errichtet worden. Sie soll ein Beispiel für den sogenannten Gebäudetyp E zeigen.
Ob unverputzte Wände oder dünnere Decken: Der Gebäudetyp E hat zum Ziel, Neubau effizienter und kostengünstiger zu gestalten. „Und merken Sie, dass Sie hier in einem Gebäudetyp E wohnen?“, fragt Hubertz die Bewohnerin bei der Wohnungsbegehung. „Also ich weiß nicht, woran man das merkt“, antwortet die Gastgeberin. „Man merkt es vielleicht daran, dass jeder zweite Besucher oder jede zweite Besucherin fragt, wann das Treppenhaus denn mal fertiggestellt ist“, führt sie aus. Die Ministerinnen lachen.
Geht es nach den SPD-Politikerinnen, soll bald überall im Land der Gebäudetyp E stärker zur Anwendung kommen. „E steht für mich für einfach, experimentell und effizient zu bauen“, sagt Hubertz. Das soll künftig auch rechtssicher möglich sein – mit einem Gesetz aus Hubigs Justizministerium, das bald zur Anwendung kommen soll. „Der Gesetzentwurf ist fertig“, verkündet die Justizministerin in Neukölln. An diesem Dienstag gehe das Gesetz innerhalb der Bundesregierung in die Frühkoordinierung, in den kommenden Tagen soll es der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Der Gebäudetyp E ermögliche es, dass die Vertragspartner in Zukunft „klare rechtliche Regelungen treffen können“, lobt Hubig. Hubertz ergänzt, der Gebäudetyp E werde mehr sein als ein technisches Konzept oder ein Gesetz. „Er ist ein Mentalitätswechsel“, erklärt die SPD-Politikerin: „Weg vom reflexhaften 'Das haben wir immer schon so gemacht', hin zu mehr Vertrauen in die Fachkompetenz, mehr Entscheidungsfreiheit und mehr Verantwortung.“
Aus Sicht von Experten ist es dabei überfällig, dass Standards beim Wohnungsbau abgesenkt werden. Eine ebenfalls am Dienstag vorgestellte Studie legt nahe, dass komplexe Auflagen den Neubau von dringend benötigten Wohnungen momentan ausbremsen. Damit seien Normen mitverantwortlich für Wohnungsnot, steigende Kaufpreise und explodierende Mieten, wie das Wohnungsbau-Institut Arge des Landes Schleswig-Holstein und das Institut für Bauforschung (IFB) des Landes Niedersachsen betonen. Mit weniger und besseren Normen könnten in Deutschland demnach rund ein Drittel mehr Wohnungen gebaut werden.
Zudem könnten die Kosten im Neubau um rund 1000 Euro pro Quadratmeter gesenkt werden. „Der Normen-Frust in der Bauwirtschaft ist enorm“, sagen Arge-Institutsleiter Dietmar Walberg und IFB-Direktorin Heike Böhmer. „Beim Neubau von Wohnungen hat es seit 2000 bundesweit eine Kostenexplosion um rund 245 Prozent gegeben“, so Walberg. Rund 20 Prozent des Anstiegs gingen dabei auf das Konto von mehr und komplexeren Normen. „Normen haben in den letzten 25 Jahren die Gesamtkosten beim Neubau um rund 600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche teurer gemacht.“
Auf die Neuköllner Wohnungsbegehung der beiden Ministerinnen schaut Walberg zugleich kritisch. „Das ist ein interessantes Stück Architektur, aber eben kein Gebäudetyp E“, sagt Walberg. Der Gebäudetyp E sei dafür da, einen Basisstandard zu definieren. Die Wohnung in Neukölln sei hingegen eine „bauliche Lösung an einer Stelle, die extrem kompliziert ist“ und damit nicht repräsentativ. Walberg kritisiert: „Das ist nicht ein Gebäude, was ich übertragen kann auf eine allgemeine Baupraxis.“
Auch wenn den Experten das Beispiel unpassend erscheint, plädieren beide Bauforschungsinstitute für ein rasches Umsetzen des Gebäudetyps E. „Es ist höchste Zeit, die Idee des Gebäudetyps E umzusetzen und einfaches, kostengünstiges Bauen wieder zu ermöglichen“, so IFB-Direktorin Böhmer.
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