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Tiere, Pflanzen, Felder und Wälder: Wie steht es um die Biodiversität in Deutschland?

Дата публикации: 19-10-2026 08:27:43

Die Weltgemeinschaft berät aktuell wieder einmal über den Schutz der Natur. Doch wie geht es Pflanzen und Tieren in Deutschland? Antworten liefert der Indikator für Artenvielfalt. Tendenz: stabil – aber ohne Entwarnung.

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Schwarm Stare

AUDIO: Wie geht’s der Natur in Deutschland? (5 Min)

Kennzahl für Artenvielfalt stagniert

Wie gesund ist die Natur in Deutschland?

Stand: 19.10.2026 10:27 Uhr

Es gibt diese besonderen Zahlen, die unsere Gesellschaft prägen: Wenn mehr Waren in Umlauf gebracht werden, steigt das Bruttoinlandsprodukt und die Wirtschaft wächst. Gut für die Konjunktur und die Stimmung im Land. Ob wir beim Klimaschutz vorankommen, zeigen die jährlichen Daten über die Treibhausgasemissionen. Und auch für den Zustand der Natur haben wir einen zentralen Messwert: Den Indikator für Artenvielfalt und Landschaftsqualität.

von Max Fallert

Wie misst man die deutsche Natur?

Deutschland hat im Norden die See, im Süden die Alpen. Dazwischen Felder und Flüsse, Moore und Wiesen, Wälder und Seen. Nicht zu vergessen Siedlungen und Großstädte. Denn auch sie sind Lebensraum für die schätzungsweise über 70.000 verschiedenen Pflanzen und Tiere in Deutschland. Wie soll man diese Vielfalt in einem einzigen Messwert unterbringen?

Das sei schon eine Herausforderung gewesen, erinnert sich Roland Achtziger von der sächsischen Bergakademie Freiberg. Im Jahr 2002 bekommt der Biologe vom Bundesamt für Naturschutz den Auftrag, so etwas wie das Bruttoinlandsprodukt für die deutsche Biodiversität zu entwickeln. So soll eine Wissenslücke in der Umweltpolitik geschlossen werden, denn einen zentralen Wert über die Entwicklung der Natur im ganzen Land gibt es bis dahin nicht.

Der Indikator soll beschreiben, wie sich unsere Flächennutzung auf Flora und Fauna auswirkt und abbilden, ob wir insgesamt nachhaltiger werden. All das in einer Zahl? Eine Herausforderung. Doch zum Glück gibt es Annäherungswerte, so genannte Proxys. Und die findet Roland Achtziger in der Luft.

Gefiederte Proxys: Vögel sind wählerisch und gleichzeitig überall

Der Kiebitz mag feuchtes Grünland, die Feldlerche brütet gerne am Boden weitläufiger trockener Wiesen. Grauspechte bevorzugen alte Habitatbäume auf Lichtungen im Wald. Manche Vögel stehen am obersten Ende der Nahrungskette – sind also angewiesen auf Kleinsäuger, die wiederum auf Insekten und insgesamt gute natürliche Grundlagen angewiesen sind.

Kurz: Vögel besetzen spezielle Nischen in unterschiedlichen Lebensräumen. Sie sind gleichzeitig überall und daher ein gutes Abbild der Natur. Sie eignen sich auch deshalb, weil wir sie gut beobachten können und viele Vogelfreunde im Land genau das seit langem machen: Vom Deutschen Dachverband der Avifaunisten gibt es valide Datenreihen über viele der mehr als 300 Vogelarten hierzulande.

Ein Haussperling an einer Wassertränke
Indikator will nachhaltige Nutzung abbilden

Auf dieser Grundlage haben Achtziger und seine Kollegen gemeinsam mit Vogelkundlern aus allen Teilen des Landes nach exemplarischen Vögeln für die großen Lebensraumtypen gesucht: Auf insgesamt 51 Arten konnte man sich am Ende einigen. Vögel, die mit mehr oder weniger intensiv genutzten Flächen zurechtkommen.

Danach haben die Forschenden die damalige Naturschutzpolitik mit ihren Zielen und Maßnahmen unter die Lupe genommen. Wenn die geltenden Naturschutzziele und Strategien auch wirklich umgesetzt werden: Welche Bestandszahlen der ausgewählten Vögel sind dann bis zum Zieljahr (damals 2015, heute 2030) realistisch? Für viele Vogelarten nehmen die Expertinnen und Experten eine hohe Regenerationsfähigkeit an, wenn Landschaften besser geschützt werden.

So entsteht der Indikator für Artenvielfalt und Landschaftsqualität: Er bündelt die Entwicklung der Bestandszahlen in einer einzigen Zahl. Vor kurzem ist er weiterentwickelt worden, denn auch die Datenverfügbarkeit über Vögel und die Naturschutzpolitik haben sich verändert. Und hier ist sein Verlauf bis zum aktuellen Stand im Jahr 2023:

Gesamtwert: Stark verringert, immerhin stabilisiert

Deutlich zeigt der Indikator: Der Rückgang der Arten und der Landschaftsqualität ist gravierend, der Handlungsbedarf groß. Spätestens seit den 1970er Jahren ist die Biodiversität geradezu eingebrochen. Sie hat sich nach einem absoluten Tiefpunkt 2018 immerhin stabilisiert und ist laut Einschätzung der Experten in der Nähe des Zielbereichs von 100 Prozent, der 2030 erreicht werden soll.

Ein Trend in eine Richtung lässt sich aktuell aber nicht ablesen. "Deshalb ist ein weiteres Umsteuern hin zu einer naturverträglichen Nutzung der Kulturlandschaft geboten", schreibt das Bundesumweltministerium (BMUKN) auf Anfrage von MDR WISSEN. Zwischen Rückgang und Verbesserung ist alles denkbar. Das liegt vor allem an einem Sorgenkind, denn der Indikator ist nach den Größenverhältnissen der Lebensräume gewichtet:

Ackerland: Artenkollaps auf den Feldern

Die Ackerflächen machen in Deutschland rund die Hälfte des Landes aus. Ihr Einfluss ist dementsprechend groß, und der Zustand unserer Ackerflächen katastrophal: Der Kiebitz gehört zu den tragischen Beispielen: Sein Bestand ist seit 1990 um fast 90 Prozent geschrumpft: Seine Habitate – Nasswiesen und weitläufige Brachen – sind vielerorts aus der Landschaft verschwunden.

Die intensive, monokulturelle Landwirtschaft mit großen Flächen und wenigen unterschiedlichen Nutzungsformen gilt als Hauptgrund für den Artenkollaps. Das Bundesumweltministerium (BMUKN) schreibt dazu, dass "bei der Bewirtschaftung zahlreiche Nester direkt zerstört und die Zahl überlebender Jungvögel verringert" würden.

Auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die Insekten und Wildkräuter im Visier haben, ist ein wesentlicher Treiber. Laut dem Indikator ist die Landwirtschaft weit entfernt vom Zielbereich, also einer nachhaltigen Nutzung.

Was hat den Rückgang zumindest aufgehalten? Insgesamt sei es schwierig, die Ursachen für die Entwicklungen konkret zu benennen, betont Vogelexperte Sven Trautmann vom Dachverband Deutscher Avifaunisten. Für den Agrarbereich könnten folgende Aspekte relevant sein: Der Anteil der Biolandwirtschaft steigt (aktuell 12 Prozent), finanzielle Anreize fördern langsam aber stetig Blühstreifen und Hecken und damit strukturreiche Elemente auf dem Feld: Die Zahl der Ackerflächen mit hohem Naturwert hat sich stabilisiert. Der Überschuss an Stickstoff aus Dünger geht zurück.

Doch noch immer gibt es zu wenig Brachflächen, zu gering sind die Fruchtfolgen und zu viel Monokultur wächst auf den Feldern. Weiterhin hoch ist außerdem die Menge an Pflanzenschutzmitteln, die jedes Jahr verstreut wird.

Blühgasse inmitten eines Ackerfeldes
Wälder: Besserung unter Buchen

Die Wälder sind in einem wechselhaften Zustand – und das seit langer Zeit. Früher war es der saure Regen, heute sind es Borkenkäfer, Brände, Dürre und Stürme. Aber laut Einschätzung der beteiligten Wissenschaftler liegen die Wälder im Zielbereich und es gibt eine positive Tendenz:

Der deutsche Wald wächst und er wird immer durchmischter: Immer häufiger teilen sich Laub- und Nadelbäume den Platz (Stichwort: Waldumbau). Mehr Wald steht unter Schutz, immer häufiger bleibt das Holz einfach im Wald liegen (Stichwort: Totholz).

Besonders interessant für die Artenvielfalt: Der Anteil sehr alter Bäume (älter als 100 Jahre) steigt seit der Jahrtausendwende kontinuierlich an – und mit ihm die Indikatorarten der Wälder.

Baumpieper und Schwarzspecht haben sich ordentlich stabilisiert; Kleiber, Mittelspecht und Sumpfmeise wachsen sogar leicht – obwohl der Großteil der Bäume nicht vollends gesund ist. Anfälligkeit und Schäden durch Dürre und Schädlinge zeigten sich vor allem in den nicht naturnah bewirtschafteten Wäldern, teilt das BMUKN mit.

Siedlungen: Haben Städte jetzt ein Herz für Vögel?

"In Siedlungen finden sich sowohl Gebäudebrüter als auch Arten, die auf Grünanlagen, Brachen, Obstwiesen und bäuerlichen Strukturen angewiesen sind", heißt es vom Umweltministerium. Ihre Entwicklung zeigt in die richtige Richtung.

Mögliche Ursachen sind ein verändertes Grünflächenmanagement: So ruft der 'Masterplan Stadtnatur' Kommunen dazu auf, ihre Brachen und Parks mit weniger Pestiziden zu bewirtschaften, Wiesen seltener zu mähen und kleine Naturoasen zu schaffen oder unscheinbare Flächen aufzuwerten.

Auch Dachgrün in Wohn- und Gewerbegebieten kann heimische Arten unterstützen. Laut dem Dachverband Deutscher Avifaunisten sind Siedlungen insgesamt grüner geworden und auch hier ist der Baumbestand älter geworden.

Gleichzeitig sei es wichtig, "bei der dringend gebotenen energetischen Sanierung ausreichend Ersatz für Höhlen von Gebäudebrütern und beim Neubau neue Nisthilfen" zu schaffen, so das BMUKN. Auch Licht- und Lärmemissionen müssten zum Schutz der Vielfalt verringert werden.

Binnengewässer: Stabilisiert, aber ohne Trend

Die Gewässerarten kommen aus einem Tief, zeigen aber keinen wirklichen Trend. Das könnte mehrere Ursachen haben, überlegt der Vogelschutzexperte Sven Trautmann vom Dachverband Deutscher Avifaunisten:

Gewässer werden stark geprägt durch die Nährstoffe, die aus der Landwirtschaft eingetragen werden. Zu viele Nährstoffe sind ungesund für die Gewässer und die Indikatorarten der Flüsse und Seen. Gleichzeitig gibt es mit der Wasserrahmenrichtlinie seit dem Jahr 2000 eine EU-weit einheitliche Wasserschutzpolitik, die erste Früchte tragen könnte. So wurden einige Flussauen wie an der Elbe erfolgreich renaturiert, kleine Bäche werden wiederbelebt.

Der DDA sieht noch einen weiteren Grund, warum sich einzelne Arten positiv entwickeln: Gerade in Ostdeutschland hätten sich durch Flutungen der Bergbaufolgelandschaften viele neue Seen und damit Lebensräume entwickelt, in denen Vögel heimisch werden könnten.

Der Fischadler gehört zu den Arten, denen es heute besser geht: In den 70er Jahren gab es nur noch 70 Brutpaare, nun sind es deutschlandweit 850.

Ende Oktober sollen die Werte für das Jahr 2024 aktualisiert werden. Laut den beteiligten Institutionen sind erhebliche Anstrengungen notwendig, um den Zielwert für 2030 zu erreichen. Immerhin zeigen einige Teilbereiche, dass eine nachhaltige Nutzung und konkrete Naturschutzmaßnahmen Erfolge zeigen können. Der Indikator für Artenvielfalt und Landschaftsqualität soll diese Entwicklungen langfristig sichtbar machen.

Gleichzeitig betonen Wissenschaftler seit langem, dass das Monitoring der Biodiversität in Deutschland noch ausbaufähig ist.

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