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Willkommen im Flüsterabteil: Ikea-Kunst und die Sehnsucht nach Ruhe

Дата публикации: 13-10-2026 03:00:00

Der schwedische Möbelkonzern verkauft Stimmung als globales Bildprogramm. Ein Rundgang durch die Filiale in Pratteln.

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Die wohl erfolgreichste Kunstausstellung der Welt ist kostenlos und findet gleichzeitig an über 470 Orten statt. Das Publikum schlendert unbekümmert an den Bildern vorbei, es plaudert, ist sich uneins, es nimmt die Werke in die Hand! Kein Alarm, kein Aufsichtspersonal, denn wir sind hier in der Ikea-Filiale im Prattler «Grüssen»: Berühren ausdrücklich erlaubt.

An den Wänden der Rahmen- und Bilderabteilung hängt auf den ersten Blick alles durcheinander: hier ein Blumenbouquet, dort ein Zebra aus flirrenden Schwarzweiss-Streifen. Ein farbenpraller Pop-Art-Apfel hängt neben abstrakter Hard-Edge-Malerei, eine Kinderzeichnung neben der Reproduktion von Claude Monets «Die Seine bei Giverny».

Museum oder Möbelhaus? Bei Ikea wird der Einkauf zum Ausstellungsbesuch.Museum oder Möbelhaus? Bei Ikea wird der Einkauf zum Ausstellungsbesuch.

Bild: Hannes Nüsseler

Die wolkigen Umrisse zweier Vögel sehen nach Joan Miró oder Jean Arp aus, das Schild zeigt nur einen Verkaufspreis an. Ein blau-weisses Wellenknäuel wirkt, als wäre es aus einem japanischen Holzschnitt von Hokusai geschwappt, trägt aber den Namen der portugiesischen Küstenstadt Nazaré. Eine Online-Suche weist Joni Whyte als Künstlerin aus. Joni wer?

Die Recherche ergibt kaum mehr, als dass sie nebenberuflich Kunst produziert. Ausserhalb der Branche dürften nur wenige ihren Namen oder den der meisten anderen Ikea-Designschaffenden kennen. Dennoch haben Millionen von Menschen ihre Werke schon gesehen und gekauft. Sei es, weil sie die Bilderrahmen brauchen oder ihnen das Motiv gefällt: der Hase mit Erdbeere im Rucksack fürs Kinderzimmer, die botanische Tafel fürs Entrée, der Buchstabe Ä wofür auch immer.

Stimmung als Wandbehang

Einen Grossteil seiner Bildmotive lässt Ikea intern herstellen. Der Möbelkonzern bietet auch Reproduktionen gemeinfreier Kunstwerke an, deren Urheberrechte abgelaufen sind, beispielsweise der Werke Monets. Ein Teil des Sortiments besteht aus Illustrationen und Fotografien, die Ikea bei Agenturen oder Verlagen lizensiert.

Dazu gehört auch eine Fotografie aus dem Basler Solitude-Park, mit Nikki de Saint Phalles Skulptur «Gwendolyn» (1966) im Vordergrund. Dem Museum Tinguely ist das Ikea-Motiv nicht bekannt. Da die Skulptur im öffentlichen Raum steht, gilt die sogenannte «Panoramafreiheit»: Nach Schweizer Recht darf sie jederzeit fotografiert werden. Auch hier ist die Urheberschaft nicht ersichtlich.

Mit «Konstrunda» präsentiert Ikea seit diesem Sommer auch eine Kunstkollektion.Mit «Konstrunda» präsentiert Ikea seit diesem Sommer auch eine Kunstkollektion.

Bild: Ikea

Der scheinbare Stilwirrwarr der Sammlung Ikea folgt einem kuratorischen Programm. Der Konzern konfektioniert Stimmung wie einen Wandbehang. Was die Einheitlichkeit in der Vielfalt ausmacht, ist das Fehlen von Menschen: Der Solitudepark ist leer, niemand läuft durch den impressionistisch gemalten chinesischen Garten. Stadtansichten sind verwaist, im Wald äsen nur Rehe.

Das ist keine Post-Apokalypse, sondern post-human: Wo keine Menschen sind, gibt es kaum Konfliktpotenzial. Politische Botschaften, Mehrdeutiges oder sogar Verstörendes? Fehlanzeige. Auch Erotik sucht man vergebens, der künstlerische Ruhepuls liegt unter 50. Nebel wabert auf vielen Bildern wie Wasserdampf aus dem Wellnessbereich, die wenigsten Farben schreien. Willkommen im Flüsterabteil.

Das Werk als Werkzeug

Bilder aus der Ikea werden nicht erworben, weil es sich um Kunst handelt. Kunst schreckt aber auch nicht vor einem Kauf ab. Die Werke sind Werkzeuge, die nicht die Menschen verändern sollen, sondern den Raum: Als ästhetische Identitätsbausteine sind sie Teil einer Lebenswelt, die emotional gestimmt wird. Im Zentrum steht die Sehnsucht nach Handgemachtem, Folk Art, natürlichen Farben und minimalen Dekors.

Diese Stimmung hat einen Namen: Japandi. Ikea greift den Einrichtungsstil auf, ein Amalgam aus japanischer Design-Ästhetik und skandinavischer Gemütlichkeit, aus der sympathischen Unvollkommenheit des «Wabi-Sabi» und dem wohligen «Hygge». Die mit Kunst gefüllten Rahmen haben keine Passepartouts, sie sind das Passepartout selbst. Sie öffnen die Türen zu Wohnzimmern rund um den Globus.

Natürlich wird man den Schnappschuss der Rheinfähre in der Ikea Spreitenbach vergeblich suchen, aber das gehört zur Strategie eines Grossunternehmens, das sich zwischen länderübergreifender Standardisierung und lokaler Anpassung bewegt.

Die vertiefende Nachttischlektüre zum Thema liefert übrigens Nelly Janotka: In ihrer neu erschienenen Publikation «Kunst-Reproduktionen von Ikea» untersucht die Kulturwissenschaftlerin das Bildprogramm des global wohl grössten Kunsthändlers.

Buch

Nelly Janotka: «Kunst-Reproduktionen von Ikea», Transcript Verlag 2026, 290 S.

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