Wenn am 14. Oktober der Düsseldorfer Literaturpreis im Forum der Stadtsparkasse vergeben wird, werden die ankommenden Besucher große Augen machen. Die Textinstallation von Vera Vorneweg ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.
13.10.2026 · 14:44 Uhr
Vera Vorneweg hat mehr als 100 Stunden benötigt, um ihr Werk an den Aufzügen der Sparkasse zu beenden.
Foto: Marc IngelDüsseldorf · Wenn am 14. Oktober der Düsseldorfer Literaturpreis im Forum der Stadtsparkasse vergeben wird, werden die ankommenden Besucher große Augen machen. Die Textinstallation von Vera Vorneweg ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.
Vera Vorneweg ist fast fertig, die letzte Lücke auf den beiden Glasaufzügen im dritten Stock der Stadtsparkasse an der Berliner Allee hat sie sich für den großen Abend der Verleihung des Düsseldorfer Literaturpreises aufgespart. Mehr als 100 Stunden hat sie gebraucht, um die Aufzüge mit Schrift zu füllen, unzählige Worte wurden mit weißem Acrylstift auf den durchsichtigen Untergrund geschrieben. Nicht irgendwelche natürlich, denn die Wortkünstlerin ist erstmals der ihr anvertrauten Vorgehensweise untreu geworden und hat nicht eigene Texte für ein solches Projekt verwendet.
Der Grund war naheliegend, denn der Literaturpreis wird zum 25. Mal durch die Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse verliehen. „Also habe ich mir die Texte aller Preisträger vorgenommen und jeweils die erste und letzte Seite der Bücher rezitiert, die interessieren mich ohnehin immer besonders“, erklärt Vorneweg. Die Mitte zwischen beiden Aufzügen bleibt Auszügen der jeweiligen Laudationes vorbehalten. Das Gesamtbild ist mehr als beeindruckend. „Und es ist immer wieder erstaunlich, wenn der Aufzug hält, die Tür sich öffnet und Menschen aus den Wörtern herauskommen“, sagt die Konzept-Künstlerin.
Im öffentlichen Raum hat Vera Vorneweg schon mehrere solcher Projekte durchgeführt, zuletzt auf einem Rolltor mitten in der Altstadt, davor hat sie den Sockel des Rübsam-Denkmals an der Tonhalle beschriftet. Doch während in der Stadt stets die Gefahr lauert, dass ihr Werke verunstaltet werden, ist dieses Risiko im Forum der Sparkasse gleich null. Das Geldinstitut wird 24 Stunden am Tag bewacht, Vera Vorneweg und die Security sind sich im Verlauf des Prozesses mehrfach noch nach Einbruch der Dunkelheit begegnet, „denn ich habe ganz gerne nachts gearbeitet“, sagt sie.
Eingefädelt hat die Kunst-Aktion Katharina Wettwer, Geschäftsführerin der Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse. „Anfangs war nicht so ganz klar, wo wir die Text-Installation verwirklichen wollten. Die Nähe zum Veranstaltungsraum der Preisvergabe, der Reiz von Glas als Untergrund und die Tatsache, dass jeder der Gäste diesen Bereich zwangsläufig passieren wird, hat uns dann zu den Aufzügen geführt“, erläutert sie. Eigentlich nur als temporäres Werk gedacht, reift zunehmend die Idee, die literarische Lift-Kunst möglichst lange zu erhalten, „denn auch unsere Mitarbeiter, die gerne hier nach oben in die dritte Etage kommen, um auf der Terrasse ihre Pausen zu verbringen, sind ganz fasziniert“, sagt Wettwer.
Die Langlebigkeit, die der Acrylstift garantiert, würde das allemal hergeben. Bisweilen muss Vorneweg die Betrachter nach Fertigstellung einer Arbeit davon überzeugen, dass es sich nicht um eine aufgeklebte Folie handelt, sondern hier tatsächlich ein Mensch Zeile um Zeile per Hand geschrieben hat. Dass sie dabei nicht in Schieflage gerät und die Ebene hält, beruht auf jahrelanger Übung. „Ich habe immer Notizbücher ohne Linien benutzt und versucht, alles in einheitlicher Größe aufzuschreiben“, erzählt sie. Und wenn es dann doch mal leicht bergab geht, „kann das in der nächsten Zeile damit ausgeglichen werden, dass ich eine etwas größere Schrift wähle, das fällt gar nicht auf“.
Wichtiger ist ihr ohnehin die Authentizität. Ein bisschen schief ist nicht weiter schlimm, auch Flüchtigkeitsfehler lässt sie normalerweise stehen. „In diesem Fall habe ich aber doch besonders darauf geachtet, dass mir das nicht passiert. Wenn die Preisträger nachher womöglich ihre eigenen Texte auf den Aufzügen suchen und Rechtschreibfehler in ihren Texten entdecken, das wäre mir peinlich“, räumt Vorneweg ein. Da ist abwaschbares Glas natürlich ein dankbarer Untergrund.
Auch ein bisschen Arithmetik war notwendig, damit am Ende wirklich alle vorgesehenen Texte von Patrick Roth (Preisträger 2002) bis zum aktuellen Gewinner Elias Hirschl Platz finden auf den Aufzügen. Ist letztlich alles gut gegangen, obwohl auf dem ersten Lift 15 Literaten verewigt wurden, auf dem zweiten durften sich zehn ausbreiten. „Mit dem Aufzug ist es ja auch so ein bisschen wie in der Literatur. Man manövriert sich in eine neue, unbekannte Welt, weiß nicht so recht, wohin die Reise geht und landet zum Schluss doch wieder in der Realität“, bilanziert Vera Vorneweg.
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