Özge Inan ist Juristin, Journalistin und Schriftstellerin. Das merkt man auch ihrem zweiten Roman „Die Dichterin“ an, dessen Perspektiven sich zwischen Literaturbetrieb und Medienbranche bewegen. Zurück bleibt die Frage, was wichtiger ist: Eine gute Geschichte oder die Person, die sie erlebt hat?
14.10.2026 · 14:00 Uhr
Düsseldorf · Özge Inan ist Juristin, Journalistin und Schriftstellerin. Das merkt man auch ihrem zweiten Roman „Die Dichterin“ an, dessen Perspektiven sich zwischen Literaturbetrieb und Medienbranche bewegen. Zurück bleibt die Frage, was wichtiger ist: Eine gute Geschichte oder die Person, die sie erlebt hat?
Jede gute Geschichte, das hat Nazanin Esfahani schon als Kind gelernt, braucht einen Konflikt. Damals las sie ihrem Vater eigene Kurzgeschichten vor, heute steht sie am Ende ihrer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung in Berlin. Ob sie danach übernommen wird, weiß sie nicht. Umso wichtiger ist Nazanin diese eine letzte Geschichte, ein Porträt über die etwa gleichaltrige Emma Rodenstock, die in ihren Gedichten schonungslos darüber schreibt, wie es sich anfühlt, in Armut aufzuwachsen. Dafür wird Emma bewundert, teils vergöttert und eingeladen auf Bühnen. Davor sitzen Menschen, die es lieben, Perspektiven der Unterschicht in Lyrikform zu lauschen. Niemand hinterfragt das, was Emma erzählt, auch Nazanin nicht. Dann entdeckt sie doch einen Konflikt, einen, der weit über das Porträt hinausgeht.
Der Spannungsbogen, den Özge Inan mit ihren Romanfiguren Nazanin und Emma da schafft, zieht sich bis ans Ende. Zurück bleiben Fragen, die sich von der Handlung lösen: Wer darf sich eine Geschichte zu eigen machen? Für wen werden Geschichten geschrieben? Wie viel zählt Talent, das nicht verkörpert werden kann?
Inan beherrscht das Wechselspiel zwischen der Perspektive von Nazanin und Emma, wahrscheinlich, weil sie selbst beide Seiten kennt. Nach ihrem ersten juristischen Staatsexamen absolvierte die Berlinerin eine journalistische Ausbildung, schon davor veröffentlichte sie ihr erstes Buch. Auch ihr zweiter Roman „Die Dichterin“ trägt autobiografische Züge. Eine Rolle spielt darin Emmas beste Freundin Berit, eine Jurastudentin, die sich für die Herkunft als Anwaltstochter schämt. Für Emma ist Berit „ihr Stückchen Wahrheit in der Welt“, in Berits Augen ist Emma „jemand, dem Geheimnisse grundlegend fremd sind.“ Die Figuren sind nahbar, nach jedem Erfolg kommen die Selbstzweifel, bei Emma und bei Nazanin. Inan spielt mit dem, was wir als Wahrheit vermuten und entlarvt Mechanismen, die unser Denken formen.
„Früher“, sagt Nazanin, „dachte ich, ich habe echt Glück, dass die Leute intellektuelles Kapital nicht verstehen. Oder jedenfalls denken, das hätten irgendwie nur Deutsche und bei mir müsse man diesen Nachteil ausgleichen.“ Inan lässt Nazanin einen Professoren-Vater haben und ihren Kollegen Felix eine Mutter, die bei Deichmann arbeitet. „Als der zum ersten Mal das Wort Feuilleton gehört hat, war er schon im zweiten Praktikum“, sagt Nazanin über Felix, feststellend. „Das hat er mir selber erzählt“, fügt sie trotzdem hinzu, damit es nicht falsch verstanden wird. Eigentlich macht sie alles richtig. Der Erfolg ist am Ende dennoch bei denen, die die beste Geschichte erzählen. Vor allem von sich selbst.
Özge Inan: „Die Dichterin“, Piper Verlag, 224 Seiten, 24 Euro.
Eine Lesung mit anschließendem Gespräch mit der Autorin findet am Dienstag, 20. Oktober, um 20.15 Uhr in der Thalia Mayersche an der Königsallee statt. Tickets sind ab elf Euro unter www.adticket.de erhältlich.
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