Härteres Durchgreifen oder mehr Prävention und Unterstützung? Nach dem Überfall auf drei Potsdamer Jugendliche setzen zwei Leser unterschiedliche Schwerpunkte im Umgang mit Jugendgewalt.
Nach dem Überfall auf drei Potsdamer Jugendliche in Berlin-Kohlhasenbrück fordern Kommunalpolitiker ein entschlosseneres Vorgehen gegen Jugendgewalt. „Es ist traurig, dass man kein gutes Gefühl mehr hat, wenn das eigene Kind abends in Potsdam unterwegs ist“, schreibt Tagesspiegel-Nutzer MH83 und fordert harte Konsequenzen für Gewaltdelikte. Bei dem Angriff wurde ein 18-Jähriger von einer Gruppe von 15 bis 20 Jugendlichen schwer verletzt.
Eine andere Community-Stimme warnt davor, vor allem auf Polizei und Strafen zu setzen, und plädiert für mehr Prävention, gute Ganztagsschulen und langfristige Investitionen in junge Menschen. Wie lässt sich Jugendgewalt wirksam eindämmen? Zwei unterschiedliche Perspektiven aus der Tagesspiegel-Community:
1 @MH83Das kommt leider dabei heraus, wenn schon in den Schulen nicht durchgegriffen werden darf. Fragen Sie mal, was in den Gesamtschulen in den Klassen abgeht, warum massiv auffällige Schüler einfach geduldet werden. Über einen kurzzeitigen Verweis oder mal ein Vor-die-Tür-Stellen lachen die doch. Und wenn man trotz unzähliger Fehlzeiten trotzdem weiterkommt… Es ist eine Schande.
Und ja, es muss über die Herkunft gesprochen werden, sonst tun es die Parteien, von denen wir das nicht einseitig thematisiert haben wollen. Man tut doch auch den vielen gut integrierten und engagierten Jugendlichen mit Migrationshintergründen keinen Gefallen, wenn man solche Gruppen duldet und damit zunehmend alle in Verruf kommen lässt.
Da muss durchgegriffen werden und zwar schon mit harten Konsequenzen
Tagesspiegel-Nutzer/in MH83
Seit Monaten gibt es Diebstähle und Gewaltdelikte von Jugendlichen in Potsdam. Es war immer wieder zu lesen und keineswegs nur am Schlaatz, auch in Potsdam West. Da muss durchgegriffen werden und zwar schon mit harten Konsequenzen an den Schulen und zwar gemeinsam mit Schulamt, Jugendamt und Polizei. Es ist traurig, dass man kein gutes Gefühl mehr hat, wenn das eigene Kind abends in Potsdam unterwegs ist.
2 @CocohollywoodNatürlich müssen solche Taten schnell aufgeklärt werden. Betroffene brauchen Schutz, und wer andere überfällt oder verletzt, muss konsequent zur Verantwortung gezogen werden. Aber die reflexhafte Antwort „mehr Polizei, härtere Strafen“ greift zu kurz. Sie sagt nichts darüber, warum sich Gewaltgruppen, Mackergehabe, Revierdenken und die Lust am gemeinsamen Losziehen überhaupt immer wieder bilden.
Jugendgewalt ist kein neues und schon gar kein ethnisches Phänomen
Tagesspiegel-Nutzer/in Cocohollywood
Jugendgewalt ist kein neues und schon gar kein ethnisches Phänomen. Ich erinnere mich gut an die 90er: Hunderte Jugendliche trafen sich etwa auf dem Tacheles-Gelände und zogen los. Viele davon hatten keinen Migrationshintergrund. Auch damals gab es Orientierungslosigkeit, fehlende Perspektiven, Gruppendruck und den Wunsch nach Anerkennung. Heute erleben wir wieder eine Zeit, in der vieles unsicher ist.
Das entschuldigt keine Gewalt. Aber wer sie verhindern will, muss aufhören, nur über Sanktionen zu reden. Seit Jahrzehnten wird an Bildung gespart. Gleichzeitig werden benachteiligte Familien und Gruppen oft in dieselben Quartiere gedrängt. So entstehen Räume, in denen Ausgrenzung, schlechte Bildungswege und fehlende Teilhabe sich gegenseitig verstärken.
Prävention wirkt nicht über Nacht. Die Rechnung für Sparpolitik bekommen wir aber heute präsentiert
Tagesspiegel-Nutzer/in Cocohollywood
Wir brauchen gute, verbindliche Ganztagsschulen als Lebensorte: mit kleinen Gruppen, multiprofessionellen Teams, Schulsozialarbeit, Sport, Musik, Werkstätten, Projekten, Sprachförderung und echter Beteiligung. Jugendliche brauchen nachmittags Orte, die attraktiv genug sind, dass sie dort Anerkennung, Freundschaften, Kompetenzen und Verantwortung finden – statt Status über Gewalt zu organisieren.
Dazu gehören auch klare Regeln, frühe Hilfen für Familien, gute Arbeits- und Bildungsangebote für Eltern sowie konsequente Reaktionen, wenn Grenzen überschritten werden. Prävention wirkt nicht über Nacht. Die Rechnung für Sparpolitik bekommen wir aber heute präsentiert. Wer Sicherheit will, muss endlich dauerhaft in junge Menschen investieren – bevor sie auffällig werden.
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