Zum dritten Jahrestag des Hamas-Überfalls auf Israel erinnern Leser an das Leid der Geiseln und ihrer Familien. Zugleich schildern sie die Not der Menschen in Gaza und ringen um eine Haltung zwischen Empathie, Kritik und Verantwortung.
Das brutale Massaker der Hamas und die Verschleppung Hunderter Menschen am 7. Oktober 2023 haben Israel traumatisiert. Einen Tag später begann der Krieg in Gaza. Auch drei Jahre später wird die Debatte von der Gewalt des Hamas-Massakers, dem Schicksal der Geiseln und dem Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung geprägt. „Sucht Lebensmöglichkeiten für alle! Macht Kompromisse!“, fordert Tagesspiegel-Nutzerin Anne52.
Ihr Appell steht für den Versuch, das Leid auf beiden Seiten anzuerkennen und trotzdem eine politische Haltung zu finden. Zwischen Sicherheitsbedürfnis, Kollektivschuldvorwürfen und der Frage nach deutscher Verantwortung fällt es vielen schwer, eine eindeutige Position zu finden.
In der Tagesspiegel-Community treffen diese Perspektiven aufeinander. Die Leserinnen und Leser verurteilen den Terror der Hamas und die israelische Regierungspolitik, warnen vor pauschalen Schuldzuweisungen und fordern, das Lebensrecht und die Sicherheit von Israelis und Palästinensern gleichermaßen anzuerkennen. Lesen Sie hier redaktionell ausgewählte Stimmen aus unserer Community:
1 Ulla.MeierAuch an diesem traurigen Jahrestag ist mein Herz schwer. Schwer mit Trauer und Empathie für die ehemaligen Geiseln, die Toten und ihre Hinterbliebenen. Aber auch schwer für die Region, in der Frieden so unendlich weit entfernt scheint. Ich denke an meine Freunde und Weggefährten, die es mittlerweile so sehen, wie Herr Har. Unsere europäische Sicht der Dinge scheint da nur noch komplett naiv. Niemand sollte glauben, dass eine andere Regierung automatisch zu einer Annäherung führen wird.
2 Anne52Vorhin habe ich diesen und andere Artikel zum Thema „Gedenken an den Hamasüberfall am 07. Oktober“ gelesen und war erfüllt von Empörung und Mitleid mit den schlimmen Schicksalen der israelischen Geiseln und ihrer Familien.
Mein Verständnis für die eine oder die andere Seite schwankt mit jeder neuen Information
Tagesspiegel-Nutzerin Anne52
Jetzt lese ich diese Berichte vom Überlebenskampf der Menschen in Gaza und mich erfasst wieder diese Mischung aus Wut, Mitgefühl und Entsetzen. Genau diese emotionale Melange begleitet mich bei dem Versuch, eine klare Meinung zu finden, eine deutliche Position einzunehmen zu dem „Konflikt“ zwischen Israel und Palästina. Ich verurteile die Hamas und die Politik Netanjahus gleichermaßen.
Mein Verständnis für die eine oder die andere Seite schwankt mit jeder neuen Information. Jeder Versuch, aus der einen oder der anderen Perspektive auf die Situation zu blicken, endet mit Ratlosigkeit. Dass die Menschen in Israel ein Leben in Sicherheit und ohne Angst führen wollen, ist absolut berechtigt.
Sucht Lebensmöglichkeiten für alle!
Tagesspiegel-Nutzerin Anne52
Die Existenz der Menschen in Gaza ist täglich dermaßen fundamental bedroht, dass der einzige Appell an Verantwortliche lautet: Sucht Lebensmöglichkeiten für alle! Macht Kompromisse! Macht keine Unterschiede, wem Sicherheit und Lebensmöglichkeiten mehr zustehen! Vergesst die Geschichte, sie hilft nicht! Bedenkt, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat!
3 DarkWiiPlayer @Anne52Vergesst die Geschichte, sie hilft nicht! Einfach nur vergessen reicht nicht, es müssen auch beide Seiten dazu beitragen, der jeweils anderen das Vergeben und Vergessen leichter zu machen. Für ein einfaches „Schwamm drüber!“ sitzt der Schmerz bei zu vielen Menschen zu tief.
Der Judenhass in Europa war und ist eine treibende Kraft in diesem Konflikt
Tagesspiegel-Nutzer DarkWiiPlayer
Und für meine Mitmenschen und die Politik hier in Deutschland gilt: Wenn ihr nicht konkret für Frieden und Hilfe sorgen könnt, haltet euch raus! Ich sehe das anders: Der Judenhass in Europa war und ist eine treibende Kraft in diesem Konflikt. Wir können nicht einfach über Jahrhunderte beweisen, dass Juden nicht sicher sind, wenn sie keinen eigenen Staat haben, und jetzt so tun, als würde uns das nichts angehen.
Besonders wir Deutschen müssen auch für das Handeln Israels Verantwortung übernehmen
Tagesspiegel-Nutzer DarkWiiPlayer
Besonders wir Deutschen müssen auch für das Handeln Israels Verantwortung übernehmen. Und außer uns steht auch England ganz besonders in der Verantwortung: Deren Kolonialismus und anschließender leichtsinniger Umgang mit fremden Kulturen ist, unter vielen anderen, auch für diesen Konflikt zu großen Teilen mitverantwortlich.
4 @AnnemieIch lehne jede kollektive Schuldzuweisung an „die Palästinenser“ ab. Dennoch vermisse ich eine breite, unüberhörbare öffentliche Verurteilung des Massakers vom 7. Oktober aus palästinensischen Gesellschaftskreisen und der arabischen Öffentlichkeit. Die vorhandenen Stimmen (ich fand im Netz zwei) verdienen Unterstützung.
Ich wünsche mir, dass viel mehr Menschen deutlich sagen: Diese Morde wurden nicht in unserem Namen begangen. Wer für die Würde und Freiheit der Palästinenser eintritt, muss auch die Würde und das Lebensrecht der Israelis anerkennen. Mitgefühl darf nicht an der Grenze der eigenen Zugehörigkeit enden.
5 Cherry_ColaIch halte diese Passage für sehr problematisch. „In Gaza gibt es keine Unschuldigen“ bedeutet letztlich, eine ganze Bevölkerung kollektiv verantwortlich zu machen. Dass eine solche Aussage inzwischen „nicht mehr nur Rechtsextreme“ vertreten, macht sie weder richtiger noch weniger problematisch. Es zeigt allenfalls, wie weit sich eine solche Haltung gesellschaftlich verbreitet hat.
Eine Friedensordnung kann kaum funktionieren, wenn eine Seite grundsätzlich als kollektiv schuldig betrachtet wird
Tagesspiegel-Nutzer/in Cherry_Cola
Eine Friedensordnung kann kaum funktionieren, wenn eine Seite grundsätzlich als kollektiv schuldig betrachtet wird. Hamas und die palästinensische Zivilbevölkerung sind nicht dasselbe, genauso wenig wie die israelische Regierung und alle Israelis. Umso widersprüchlicher finde ich es, wenn in Deutschland selbst Kritik an der israelischen Regierung oder an ihrem militärischen Vorgehen teilweise sehr schnell als Kritik an „den Israelis“ oder sogar als antisemitisch eingeordnet wird, während eine pauschale Aussage über die Schuld aller Menschen in Gaza hier offenbar mit dem Hinweis relativiert wird, dass sie inzwischen „nicht mehr nur Rechtsextreme“ vertreten.
Antisemitismus muss klar benannt und bekämpft werden. Aber daraus darf keine Immunisierung einer Regierung oder ihrer Politik gegen sachliche Kritik entstehen. Wer Frieden will, muss gerade die Unterscheidung zwischen Regierung, bewaffneten Gruppen und Zivilbevölkerung auf beiden Seiten aufrechterhalten.
6 GeruempelsynchronisiererIch glaube, dass sich Israel seit dem 7. Oktober in einer Art Echokammer befindet. In dieser Echokammer steckt leider auch die politische Elite Deutschlands – und erschwert somit der israelischen Gesellschaft die Auseinandersetzung mit der fatalen Politik ihrer Staatsführung: In den USA mehren sich die Forderungen nach Einstellung der Militärhilfe ja inzwischen selbst im republikanischen Lager.
Hier hat inzwischen eine große Mehrheit der Bevölkerung eine negative Einstellung zu Israel
Tagesspiegel-Nutzer Geruempelsynchronisierer
Und in Deutschland profitieren die politischen Ränder: Hier hat inzwischen eine große Mehrheit der Bevölkerung eine negative Einstellung zu Israel. Nach einer internationalen Umfrage des US-Think-Tanks Pew Research Center von Anfang Juli bewerten in unserem Land zwar nur 24 % der Befragten ihr Verhältnis zu Israel mit „very unfavourable“.
Das sind weniger als in allen anderen untersuchten Ländern Europas (dort führt die Türkei mit 91 %). Die Antwort „somewhat unfavourable“ wird dafür aber mit 49 % weltweit am häufigsten genannt. Nur noch drei Prozent der Deutschen bezeichnen sich als Israel gegenüber sehr wohlwollend („very favourable“) eingestellt.
Die geradezu hysterisch geführte Antisemitismus-Debatte in Deutschland verstärkt somit das Gefühl, unsere politischen Eliten hätten den Kontakt zu den „einfachen Leuten“ verloren. Das nutzt offensichtlich nur den politischen Rändern.
7 Pepperli @Geruempelsynchronisierer„Und in Deutschland profitieren die politischen Ränder: Hier hat inzwischen eine große Mehrheit der Bevölkerung eine negative Einstellung zu Israel.“ Das ist wirklich tragisch, weil sich so viele Israelis auch für eine Zweistaatenlösung aussprechen und selbst dafür kämpfen, dass sich die Lebensqualität der palästinensischen Bevölkerung verbessert. Aber Differenzierung scheint in Teilen der deutschen Bevölkerung keine Option mehr zu sein. Je komplexer das Problem, desto platter die Denkweise…
Aber wir müssen auch unterscheiden zwischen einem Teil der Social-Media-Konsumenten und dem Rest der Bevölkerung. Empirische Untersuchungen, wie etwa der Deutschlandtrend oder Studien von politischen Stiftungen, zeigen regelmäßig, dass die Haltung der deutschen Bevölkerung differenzierter ist, als es in den sozialen Medien oder bei zugespitzten Protesten den Anschein hat. Eine pauschale Ablehnung Israels teilt keine „große Mehrheit“.
Tatsache jedenfalls ist, dass die israelische Zivilgesellschaft traditionell extrem pluralistisch ist
Tagesspiegel-Nutzerin Pepperli
Studien (u. a. der Bertelsmann Stiftung) arbeiten häufig heraus, dass viele Deutsche scharf zwischen der Politik der aktuellen israelischen Regierung und dem Land oder dessen Bevölkerung als Ganzes unterscheiden.
Tatsache jedenfalls ist, dass die israelische Zivilgesellschaft traditionell extrem pluralistisch ist. Es gibt zahlreiche israelische NGOs, Aktivisten und Bürger, die sich seit Jahrzehnten für Menschenrechte, eine Annäherung und eine Zweistaatenlösung einsetzen – auch wenn dieser Weg durch die Eskalationen der letzten Jahre politisch so blockiert wirkt wie selten zuvor. Ich finde, diese Kräfte sollten unterstützt werden, auch von Deutschland aus.