Dass Kinderlose mehr in die Pflegekasse einzahlen sollen, erzürnt Intensivpfleger Ricardo Lange. Zudem meint er: Kinderlose werden Pflegekassen nicht retten.
Dass Kinderlose mehr in die Pflegekasse einzahlen sollen, empört den Intensivpfleger Ricardo Lange. Zudem meint er: Die Kinderlosen werden die Pflegekassen nicht retten.
Wer keine Kinder hat, zahlt in Deutschland bei der Pflegeversicherung einen Zuschlag. 2027 soll er weiter steigen. Noch ist das Gesetz dazu nicht in Kraft.
„Dass Kinderlose jetzt mehr für die Pflege zahlen sollen, ist für mich eine Unverschämtheit“, empört sich der Intensivpfleger Ricardo Lange im Gespräch mit FOCUS online. „Ich finde es absolut diskriminierend. Zudem werden die Kinderlosen die Pflegekassen nicht retten.“ Das Milliardenloch sei allein damit nicht zu stopfen.
Ricardo Lange ist Intensivpfleger in Berliner Kliniken, Autor und einer der bekanntesten Pflegeaktivisten Deutschlands. Während der Corona-Pandemie übte er deutliche Kritik an den Zuständen im Gesundheitswesen. Seitdem setzt er sich öffentlich für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege ein.
Die Vertreter der Bundesregierung betrachten das anders: Die Mehreinnahmen aus der Anhebung des Kinderlosen-Zuschlags geben sie im Gesetzentwurf für 2027 mit rund 3,3 Milliarden Euro an.
Den Zuschlag müssen Beschäftigte allein tragen, eine Beteiligung des Arbeitgebers gibt es nicht. Er gilt für kinderlose Mitglieder ab dem 23. Lebensjahr. Ausgenommen sind unter anderem bestimmte Menschen mit Behinderung sowie Bürgergeld-Beziehende. Warum jemand keine Kinder hat, spielt für die Beitragspflicht keine Rolle.
„Es gibt zum Beispiel auch Frauen, die missbraucht wurden und die deswegen keine Kinder mehr haben können oder gar nicht wollen“, gibt Ricardo Lange zu bedenken. „Jeder hat die intimsten Gründe, warum er keine Kinder hat. Und ich finde, in einer Solidargemeinschaft sollten wir den Beitrag nicht daran bemessen, wer einen größeren oder geringeren Nutzen für die Gesellschaft hat.“
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„Als jemand, der aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder bekommen kann, habe ich für den Kinderlosen-Zuschlag überhaupt kein Verständnis“, führt Lange weiter aus. Würde er seinen Kinderwunsch mit seiner Frau und künstlicher Befruchtung lösen, müsste er mehrere tausend Euro aus eigener Tasche bezahlen. Daher spricht der Pfleger sich dafür aus, dass es andere Mittel und Wege für die Pflegekassen geben müsse, „ohne dass man eine Gruppe bevorteilt oder benachteiligt“.
Denn natürlich seien Kinder teuer. „Aber im Umkehrschluss zu sagen, dass Kinderlose die Nutznießer des Systems sind und kein Geld investieren, stimmt so nicht, weil ein kinderloser Single hat heute schon eine der höchsten Steuerabgaben weltweit.“ Darüber hinaus würden Kinderlose diverse Posten mitfinanzieren, etwa die Familienversicherung, Elternzeit, Kindergeld oder Unterhaltsvorschuss.
Im Prinzip sei das geplante Gesetz keine Pflegereform, sondern „einfach ein Kürzungspaket“, urteilt der Pfleger. „Wir bräuchten den Mut, alles komplett neu aufzusetzen und umzustrukturieren, damit es funktioniert.“ Bedeutet für ihn konkret: Mehr in Prävention investieren, um Krankheiten vorzubeugen und nicht im Nachgang teils teuer behandeln zu müssen.
Die Zivilisationskrankheiten ließen sich zum größten Teil vermeiden. Wer mit einem bewussten, gesunden Lebensstil Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes vorbeugt, reduziert sein Risiko für schwere Folgekrankheiten wie Herzinfarkte, Schlaganfälle und viele Krebsarten.
In Deutschland sind rund 38 Millionen Erwachsene übergewichtig, etwa 20 Millionen Menschen leiden an Bluthochdruck und rund elf Millionen an Diabetes. Ein chronisch Kranker kostet das Gesundheitswesen viel Geld, betont Lange. Ein Umdenken mit dem Ziel, mehr Krankheiten zu verhindern, würde der Solidargemeinschaft also enorme Summen sparen. Geld, das der Pflege zur Verfügung stehen könnte.
Die Behandlung von Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und ihren Folgeerkrankungen kostet das deutsche Gesundheitswesen jedes Jahr viele Milliarden Euro. Allein die gesamtgesellschaftlichen Kosten von Übergewicht und Adipositas werden auf rund 63 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Für Diabetes gehen Experten von mindestens 21 Milliarden Euro pro Jahr aus, wenn auch Folgeerkrankungen berücksichtigt werden.
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