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Christoph Kramer: „Das Schreiben ist eine Art Sucht geworden“

Дата публикации: 02-10-2026 06:26:00




Der Fußball-Weltmeister und frühere Gladbach-Star veröffentlicht sein zweites Buch. Mit dem will er wieder auf Platz eins der Bestsellerliste. Ein Gespräch über einsame Abendessen im Lokal und das schöne Gefühl, gewollt zu sein.



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Christoph Kramer „Das Schreiben ist eine Art Sucht geworden“

02.10.2026 · 08:26 Uhr

Christoph Kramer.

Foto: Markus Tedeskino

Interview | Düsseldorf · Der Fußball-Weltmeister und frühere Gladbach-Star veröffentlicht sein zweites Buch. Mit dem will er wieder auf Platz eins der Bestsellerliste. Ein Gespräch über einsame Abendessen im Lokal und das schöne Gefühl, gewollt zu sein.

Christoph Kramer sieht froh aus. Vor wenigen Minuten hat er zum ersten Mal seinen neuen Roman in der Hand gehabt, der gerade erst aus der Druckerei gekommen ist: „Wolkenberührpunkt“ erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Sie beginnt in einer Buchhandlung in Düsseldorf. Dort wartet Kramer auf den ersten Kunden seines Debütromans. Es ist ein junger Mann, er sieht ein bisschen abgerissen aus, bezahlt mit Kleingeld, spricht Kramer an und erzählt ihm sein Leben. Und das schreibt Kramer dann auf.

Schon Kramers 2025 erschienenes literarisches Debüt, „Das Leben fing im Sommer an“, war eine Coming-Of-Age-Erzählung. Das Buch erreichte sofort Platz eins der Charts, verkaufte sich mehr als 100.000 Mal, wurde fürs Theater adaptiert, die Verfilmung ist in Arbeit.

Das Treffen findet in Kramers Kölner Verlag statt, direkt gegenüber dem Hauptbahnhof. Der TV-Kommentator, Fußball-Weltmeister und frühere Star von Borussia Mönchengladbach hat einen Rucksack dabei. Darin steckt sein großes, an den Rändern mit Metall verstärktes Notizbuch. Er schlägt es auf und zeigt mit säuberlicher Handschrift und Skizzen gefüllte Seiten. Der in Solingen geborene und in Düsseldorf lebende 35-Jährige hat es geschafft, nach seiner Fußballkarriere etwas völlig Neues zu beginnen und auch darin erfolgreich zu sein.

Sie sind berühmt. Nervt es, ständig von Fremden angequatscht zu werden?

Christoph Kramer Ich bin zum Glück unter der Schwelle, ab der man als superberühmt gilt. Ich bin glücklicherweise genau da, wo es nicht nervig ist. Ich kann mich relativ frei bewegen und bin darüber sehr glücklich. Wenn ich mit Mats Hummels unterwegs bin, ist das was anderes. Der ist ein bisschen über der Schwelle.

Sie haben schon wieder ein Buch übers Erwachsenwerden geschrieben. Warum hängen Sie so an der Jugend und Kindheit?

Kramer Ich denke häufig über die Jugend und Kindheit nach. Sie ist die prägendste Zeit des Lebens. Mein erstes Buch ist in großen Zügen biografisch, das zweite letztendlich auch, weil ich mich durch die Fragen, die das erste Buch aufgeworfen hat, damit auseinandergesetzt habe, was für ein Glück ich mit meiner Kindheit hatte. Ich wollte auf jeden Fall im zweiten Roman ein Leben darstellen, das nicht so leicht zu leben ist wie meins. Weil es das deutlich häufiger gibt, dass man nicht so viel Glück hat wie ich.

Ich habe Sie einmal in einem Lokal in Düsseldorf gesehen. Da kamen Sie rein, setzten sich in eine Ecke, holten ein Buch raus und lasen.

Kramer Ich gehe häufig alleine essen, und dann nehme ich meistens ein Buch mit. Bei mir hat in den letzten fünf, sechs Jahren das Buch den Fernseher abgelöst. Wenn ich fernsehe, dann nur Fußball.

Lesen Sie selbst gerne Coming-of-Age-Romane?

Kramer Eigentlich nur. Zurzeit lese ich das neue Buch von Caro Wahl. Davor habe ich Benedict Wells gelesen. Und davor Takis Würger, „Für Polina“.

War das nicht knifflig, direkt nach dem ersten Buch das zweite zu schreiben?

Kramer (blättert im Notizbuch) Also, ich muss sagen, ich nehme die Schriftstellerei schon ernst. Ich merke, dass ich dabei runterkomme. Klar ist es auch anstrengend, aber eine positive Anstrengung. Ich schreibe immer abends zwei, drei Stunden. Ich habe auch schon eine Idee fürs dritte Buch. Ich habe immer ein Notizbuch dabei und immer einen Block auf meinem Nachttisch liegen. Beim Einschlafen kommen mir die besten Gedanken.

In den letzten Monaten Ihrer Fußballkarriere war das Schreiben eine Überlebensstrategie, sagen Sie im neuen Buch.

Kramer Ich kannte immer nur die rauen Umgangsformen im Fußball. Das beste Kompliment, das du dort bekommst, ist „nicht schlecht“. Und das Feedback, das ich dann auf das erste Buch bekommen habe, hat mich richtig glücklich gemacht. Jugendliche haben mir handgeschriebene Briefe geschickt. Da kamen unerwartete Gefühle bei mir auf. Ich habe noch nie so viel Feedback auf irgendwas bekommen. Während meiner ganzen Karriere habe ich nie so viele Nachrichten bekommen wie auf dieses Buch – an die 30.000 bestimmt. Wahrscheinlich entstand dadurch eine Art von Sucht: weiterschreiben, um es wieder zu bekommen.

Per Mertesacker (l.) und Christoph Kramer nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschft 2014 in Brasilien.

Per Mertesacker (l.) und Christoph Kramer nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschft 2014 in Brasilien.

Foto: AP/Frank Augstein

Im Buch wird deutlich, wie wichtig es Ihnen ist, gewollt zu sein.

Kramer Dieses Gefühl, gewollt zu sein, habe ich im letzten halben Jahr meiner Fußballkarriere nicht mehr gespürt. Was ich in dieser Phase über mein Leben gelernt habe, ist, dass ich es ganz dringend brauche, dass Menschen Lust auf mich und meine Art haben und Lust haben, mit mir zu arbeiten. Wenn das so ist, fühle ich mich superwohl, dann kann ich mein bestes Tennis spielen, egal in welchem Bereich. Wenn es nicht so ist, gehe ich an dem Gefühl kaputt.

Die Zeit vorm Ende Ihrer Fußballkarriere war hart, oder?

Kramer Bei Gladbach habe ich irgendwann gemerkt, dass es sich dem Ende zuneigt. Das war eine Zeit, in der ich nicht sein wollte. Und dann habe ich mich übers Schreiben in eine andere Zeit gerettet.

Hatten Sie damals schon einen Roman im Kopf?

Kramer Ich habe mich an einem Abend hingesetzt und gedacht: So, jetzt fängst du an, ein Buch zu schreiben. Ich habe getippt, es chronologisch durchgeschrieben und war nach 500 Tagen fertig. Das zweite Buch war deutlich mehr schriftstellerisch geplant, ohne dass ich sagen würde, das wäre jetzt hochprofessionell verlaufen. Es hat auch 500 Tage gedauert. Ich habe also an 1000 Tagen in meinem Leben Romane geschrieben.

Wie arbeiten Sie?

Kramer Seit ich 13 bin, führe ich Tagebuch. Ich habe früher auch schon Kurzgeschichten geschrieben. Inzwischen habe ich folgende Routine: Ich mache mir vormittags oder tagsüber Notizen und formuliere einzelne Sätze aus, alles mit der Hand. Abends tippe ich sie am Laptop ab und formuliere sie komplett aus.

Christoph Kramer im Trikot von Borussia Mönchengladbach.

Christoph Kramer im Trikot von Borussia Mönchengladbach.

Foto: Jens Dirk Paeffgen (jdp)

Haben Sie die Tische in der Mayerschen Buchhandlung in Düsseldorf echt so umgeräumt, dass man mit der Rolltreppe direkt auf ihr erstes Buch zufuhr, wie Sie im neuen Roman schreiben?

Kramer Ja.

Und nachdem Sie das Buch in der Buchhandlung aufgestellt haben, kam dann wirklich der erste Käufer Ihres Buches auf Sie zu und wurde zur Hauptfigur des neuen Romans?

Kramer Ich finde es schön, wenn man nicht weiß, was stimmt und was nicht stimmt. In der Handlung ist auf jeden Fall auch viel fiktiv. Aber ich habe tatsächlich ein Role Model in meinem Kopf, der wirklich mit als Erster das Buch gekauft hat. Und er hat auch mit Kleingeld bezahlt.

Man merkt dem neuen Buch an, dass Sie ein gesellschaftliches Problem aufgreifen wollen, nämlich das der Ungleichheit. Zugleich wollen Sie klarmachen, dass Sie es aus der Warte eines Privilegierten schildern.

Kramer Mir ist es wichtig zu sagen, dass ich diese Zeilen so schreibe, wie ich sie schreibe, und dass ich das Leben so führe, wie ich es führe, und dass ich meine Ansichten nur habe, weil ich unfassbar viel Glück hatte. Ich kann jeden Tag drei Kreuze machen, dass ich der bin, der ich bin. Und diese Dankbarkeit habe ich in diesem Buch mitverarbeitet.

Ist Ihnen wichtig, wo ihr Buch in der Bestsellerliste steht?

Kramer Ich bin in Tabellen sozialisiert, für mich ist oben gut. Aber die Reaktionen, die ich bekommen habe, waren im Nachhinein der deutlich größere Erfolg als Spiegel-Bestsellerliste Platz eins. Trotzdem will ich mit dem neuen Buch natürlich wieder oben stehen.

Ihr Buch heißt „Wolkenberührpunkt“. Das Wort beschreibt einen Mast, auf dem Jugendliche sitzen und von oben in die Welt schauen. Wie sind Sie darauf gekommen?

Kramer Es gab in Langenfeld mal so einen Mast. Da sind wir als Jugendliche draufgestiegen. Der war die Inspiration dafür.

Und wie sind Sie auf die Bezeichnung „Wolkenberührpunkt“ gekommen?

Kramer Die habe ich im Halbschlaf geträumt und aufgeschrieben. Eigentlich sollte das Buch „Von hier oben sahen sie glücklich aus“ heißen. Aber „Wolkenberührpunkt“ gefällt mir besser.

Gut, dass Sie immer einen Block am Bett liegen haben.

Kramer Ja.

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