Die USA sind dabei, ihren Spitzenplatz in der Wissenschaft zu verlieren. Wir haben da zwar viel aufzuholen – trotzdem sind unsere Unis attraktiv für Forscher aus der ganzen Welt.
Während Konflikte, die sich auf den großen politischen Bühnen abspielen, die allgemeine Aufmerksamkeit bannen und unsere Sorgen um Lebenskosten und Rentenpunkte kreisen, gerät sie oft in Vergessenheit: die Wissenschaft. Dabei wäre sie ein Grund, etwas positiver durch den Tag zu gehen. Wenn Deutschland eine Chance hat, sich aus dem Wirtschaftstief herauszuarbeiten, dann mit Forschung, Bildung und Innovation. Mit Nachdenken und Experimentieren.
Die Voraussetzungen dafür sind da: Jeder kann hier studieren, ohne sich für horrende Studiengebühren verschulden zu müssen. Man kann als talentierte Doktorandin aus einem Nicht-EU-Land deutsche Fördergelder gewinnen, um hier zu forschen. Allein Berlin und Brandenburg haben eine Dichte von mehr als 100 Hochschulen und Instituten, um die uns andere Länder beneiden. Sie bieten fruchtbarsten Boden für Entwicklungen – etwa rund um Medizin und Gesundheit, Politik und Soziologie, Umwelt und Klima, Physik und Informatik, Architektur und Kunst, Chemie und Materialforschung.
Darin liegt eine enorme Chance. Umso mehr, als in den USA die Luft zum Atmen für Wissenschaftler:innen immer dünner wird. Etwa 100 Jahre lang führte das Land die Weltspitze der Wissenschaft an: auch mit aus Deutschland geflohenen Forschern wie Albert Einstein, den Elite-Unis der Ivy League, später mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und medizinischen Durchbrüchen, die die Heilung von Krebs oder ein gutes Leben trotz AIDS ermöglichten.
US-Regierung will Forschungsfreiheit beschneidenDoch die Versuche von US-Präsident Donald Trump, die Wissenschaft in die Knie zu zwingen, häufen sich. Schon lange möchte sich die Administration direkte Kontrolle über die Ausrichtung von Forschungsthemen verschaffen. Im September wurde ein neuer Kniff bekannt: Russ Vought, Chef der Haushaltsbehörde der Regierung, soll demnach ein Gremium einrichten, das über die Vergabe von Geldern der National Institutes of Health (NIH) entscheidet.
Bislang wird diese staatliche Förderung – ein Budget von jährlich etwa 47,5 Milliarden US-Dollar, von dem mehr als 80 Prozent in die Biomedizin fließen – in einem wissenschaftlichen Begutachtungsverfahren verteilt. In dem Gremium, das Trump anstrebt, bräuchte es künftig Einstimmigkeit, um einem Projekt grünes Licht zu geben. Das Problem: Neben dem NIH-Chef soll dort auch Vought selbst sitzen. Er könnte somit alles blockieren, das der Trump-Regierung nicht passt.
Ein ähnlicher Vorstoß war im Sommer im Kongress zwar gescheitert. Die Abgeordneten hatten gegen eine Verordnung gestimmt, die Beamten ein Vetorecht bei der Vergabe der NIH-Mittel verleihen sollte. Auch wenn Gerichte und der Kongress versuchen, zu verhindern, dass der Autokrat im Weißen Haus das Forschungsbiotop USA mit der Heckenschere nach seinem Bilde formt – es wächst dort gerade ein Klima der Angst und Unsicherheit.
Berlin ist schon heute sicherer HafenIn den kommenden Monaten und Jahren wird sich zeigen, ob es Deutschland gelingt, die Karrierewege von ambitionierten Studierenden, Nachwuchsforscherinnen und Spitzenprofs, die eigentlich in die USA geführt hätten, zu sich umzulenken. Das Potenzial ist groß. Denn Wissenschaftler:innen sind eine Spezies, die in vielen Ländern in Gefahr ist, ob im Iran, in der Ukraine, in Kolumbien oder der Türkei. Heute schon finden viele von ihnen hier einen sicheren Hafen, setzen in Berlin – wo sie Mehrsprachigkeit und Weltoffenheit vorfinden – ihre Arbeit fort.
Zwar ist etwa in Berlin noch bei Weitem nicht alles perfekt, hier bröselt eine Uni, dort eine Brücke, überall liegt Müll. Aber offenbar hat die Hauptstadt trotzdem Vorzüge, die kluge Köpfe anziehen. So arbeitet heute etwa die US-Bioingenieurin Karen Christman in Berlin, die das Herz nach einem Infarkt reparieren möchte, und der wohl ein Ortswechsel entgegenkam. Mit der Global-Minds-Initiative der Bundesregierung wurde sie abgeworben.
Auch Kreativität und Unternehmergeist beflügeln in der Hauptstadt so manchen. „Das kulturelle und wissenschaftliche Umfeld in Berlin ist eine meiner größten Inspirationen“, sagt etwa der Chemiker Christian Hackenberger, dem mit seinem Start-up für gezielte Krebstherapien kürzlich ein Milliardendeal gelang.
Um wirklich Weltspitze zu werden, müsste das Gesamtlevel natürlich noch gehoben werden. Da würde mehr Bundesgeld für die Universitäten helfen. Aber auch, wenn die Länder stärker zusammenarbeiten, als gegeneinander. Oder wenn die üppig ausgestatteten Forschungszentren, ob Fraunhofer oder Max-Planck, ihre Ressourcen mehr mit den Hochschulen teilen würden.
Nicht zuletzt gilt es zu verhindern, dass in Deutschland die Rechtspopulisten die Macht übernehmen: AfD-Mehrheiten wie in Sachsen-Anhalt sind auch eine Gefahr für die Forschung. Solange die Ministerpräsidenten sich nicht einig werden und nachjustieren, genügt übrigens ein einziges AfD-geführtes Bundesland, um wichtige Bund-Länder-Projekte für die Wissenschaft zu sabotieren.
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