Immer mehr Deutsche sichern sich eine zweite Staatsbürgerschaft als Plan B. Ein Experte erklärt die Gründe für diesen Trend und die Warnsignale.
Die Nachfrage nach Zweitpässen in Deutschland explodiert. Anlage-Experte Dobrauz-Saldapenna erklärt, warum immer mehr Menschen sich einen Plan B im Ausland sichern.
Deutschland rückt bei Henley & Partners, einem der weltweit größten Beratungsunternehmen für Investment Migration, immer weiter nach vorn: Innerhalb eines Jahres kletterte das Land von Platz 19 auf Platz 9 der wichtigsten Märkte.
Im Interview mit FOCUS online erklärt Managing Partner Guenther Dobrauz-Saldapenna, warum immer mehr wohlhabende Deutsche sich eine zweite Staatsbürgerschaft sichern – und was das für den Standort Deutschland bedeutet.
FOCUS Online: Die Zahl der Deutschen, die eine weitere Staatsbürgerschaft anstreben, ist in diesem Jahr bereits höher als im gesamten Jahr 2025. Woran liegt das?
Guenther Dobrauz-Saldapenna: Das ist Teil eines globalen Trends. Vermögende Familien schaffen sich zunehmend Optionen in mehreren Ländern. Deutschland punktet zwar weiterhin mit starker Rechtsstaatlichkeit, einem hoch entwickelten Finanzsystem und guter Bildung. Gleichzeitig haben wir bei steuerlicher Wettbewerbsfähigkeit und politischer Berechenbarkeit an Boden verloren. Dennoch leben 76 Prozent unserer deutschen Antragsteller weiterhin im Inland. Es geht also eher um Vorsorge als um eine akute Abwanderungswelle.
Was hat sich bei potenziellen deutschen Kunden so grundlegend verändert?
Dobrauz-Saldapenna: Wir sehen eine Summe aus geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheit in einem deutlich wettbewerbsintensiveren Umfeld. Länder wie Italien, Portugal und Zypern haben gezielt Angebote geschaffen, um internationales Vermögen anzuziehen. Die Deutschen beschließen nicht primär zu gehen, sie verschaffen sich vielmehr Handlungsoptionen, um im Bedarfsfall reagieren zu können.
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Welche Gründe und Zielländer stehen dabei im Fokus?
Dobrauz-Saldapenna: Es geht vor allem um langfristige wirtschaftliche Aussichten, die Bedingungen für Unternehmen, Steuern, Sicherheit und Bildung. Die meisten deutschen Anträge für Staatsbürgerschaften entfallen aktuell auf Nauru, St. Kitts und Nevis, Antigua und Barbuda sowie Grenada. Hinzu kommen Aufenthaltsprogramme in Australien.
Führen Sie den Anstieg auch auf politische Ereignisse oder Wahlen zurück?
Dobrauz-Saldapenna: Der Trend hat deutlich vor dem aktuellen Wahlzyklus begonnen; die Anträge deutscher Staatsangehöriger stiegen bereits in den letzten Jahren rasant an. Das Ergebnis einer einzelnen Wahl ist dabei weniger entscheidend als die erwartete langfristige Entwicklung. Wenn Menschen befürchten, dass die politische Stabilität abnimmt, stimmen sie mit den Füßen ab – oder zumindest mit dem Pass.
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Was bedeutet ein „Plan B“ für Ihre Kunden konkret?
Dobrauz-Saldapenna: Wir sprechen vom Aufbau eines „Sovereign Portfolio“. So wie ein Investor sein Vermögen nicht in einem einzigen Markt konzentriert, verteilen international mobile Familien ihre Aufenthaltsrechte, Staatsbürgerschaften, Investments und geschäftlichen Interessen auf mehrere Länder. Das ist in erster Linie Risikomanagement, keine automatische Exit-Strategie.
Die Nachfrage verschiebt sich hin zu Kunden mit etwas geringerem Vermögen. Wer sind diese neuen Kunden?
Dobrauz-Saldapenna: Die zweite Staatsbürgerschaft war nie ein reines Privileg der Ultrareichen. Strategische Planung wird nun für einen breiteren Kreis an Unternehmern und Familien relevant. Sie alle fragen sich, ob sie bei Mobilität, Geschäft und Sicherheit vollständig vom „Ein-Land-Modell“ abhängen sollten.
Kann man Ihre Zahlen schon als Beleg für einen deutschen „Brain Drain“ bezeichnen?
Dobrauz-Saldapenna: Das wäre verfrüht. Man erkennt aber, dass Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Auch starke Volkswirtschaften können zurückfallen, wenn andere Länder ihre Rahmenbedingungen aktiv weiterentwickeln. Und die Menschen, die aktiv nach besseren Bedingungen suchen, sind selten niedrig qualifiziert.
Ist die wachsende Nachfrage nach einem Plan B vor allem gut fürs Geschäft – oder ein Warnsignal für die deutsche Politik?
Dobrauz-Saldapenna: Für unser Geschäft ist das gut, für die Politik ist es ein Signal im Standortwettbewerb. Die Politik muss sich fragen, wie Deutschland für Unternehmen, Investoren und Familien attraktiv bleibt, die immer mobiler werden. Das Ziel muss sein, dass Leistungsträger hierbleiben und internationale Talente gerne hierherkommen – denn das sind am Ende die Menschen, die Steuern zahlen und Arbeitsplätze schaffen.
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