Im Umfeld von hohen Ölpreisen und steigenden Zinsen fühlen sich Anleger zunehmend unwohl. Doch sie glauben weiterhin an eine Wiederaufnahme der Aktien-Rally, zeigt die Handelsblatt-Umfrage.
Allerdings warnt Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, dass es sich nicht um eine Gegenbewegung handeln könnte, sondern um eine Pause in einem Abwärtstrend. Dabei bezieht er sich auf die Auswertung der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment.
Dafür befragt das Handelsblatt jede Woche mehr als 10.000 Privatanlegerinnen und -anleger nach ihrer aktuellen Markteinschätzung. Die Antworten wertet Heibel aus und ergänzt sie um weitere Indikatoren.
Daraus geht hervor, dass die Anlegerstimmung (Sentiment) im negativen Bereich verbleibt und sich minimal verschlechtert von minus 2,2 in der Vorwoche auf minus 2,3 Punkte. Negative Extremwerte beginnen bei minus 4,0 Punkten. Ab diesem Niveau spricht Heibel von „Angst und Panik“.
Von wirklich schlechter Stimmung lässt sich also nicht sprechen, sagt der Sentiment-Experte: „Aber es besteht ein ungutes Gefühl.“
Als Belastungsfaktoren nennt Heibel die hohen Ölpreise und das Zinsniveau. Ein Barrel Öl der Nordseesorte Brent kostet wieder mehr als 100 Dollar, die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist mit mehr als 3,6 Prozent so hoch wie zuletzt 2009.
Durch den Kursverlauf in Kombination mit den Belastungsfaktoren bleibt auch die Verunsicherung unter den Befragten hoch. Sie liegt unverändert bei minus 3,1 Punkten. Auch hier beginnen Extremwerte bei minus vier Punkten.
Schwankung im Rahmen einer Bodenbildung„So betrachtet passt meine Einschätzung, dass der leichte Anstieg im Dax im Wochenvergleich nicht als Gegenbewegung zu verstehen ist, sondern höchstens als Schwankung im Rahmen einer Bodenbildung, wenn alles gut geht“, sagt Heibel.
Die Verunsicherung wird gemessen, indem die Umfrageteilnehmer gefragt werden, ob sich ihre Erwartungen in der abgelaufenen Börsenwoche erfüllt haben. Je weniger das bejahen, desto größer ist die Verunsicherung.
Die aktuelle Verunsicherung schlägt allerdings nicht auf die Zukunftserwartungen durch. Der Wert sinkt zwar leicht von plus 4,2 auf plus 3,4 Punkte, bleibt damit aber nahe am Extrembereich. „Seit Mitte Juli messen wir kontinuierlich einen starken Bullenüberhang, Optimisten dominieren das Marktgeschehen“, sagt Heibel.
Eine solche optimistische Marktstimmung ist seiner Einschätzung nach hilfreich, wenn es sich bei der Marktschwäche um eine kleine „technische Korrektur“ handelt. „Sollten allerdings neue Marktbedingungen eingepreist werden müssen, wie beispielsweise das höhere Zinsniveau, so müssten die Optimisten zuerst aufgeben, bevor diese Schwächephase ihr Ende findet“, sagt Heibel.
Er bezieht sich dabei auf die Sentiment-Theorie. Diese geht davon aus, dass optimistische Anleger investiert sind. In einem Abwärtstrend wäre ein Kursboden daher erst erreicht, wenn mehr Anleger ihre Positionen auflösen und sich dadurch der hohe Optimismus abbaut. In diesem Fall gäbe es weniger potenzielle Verkäufer als Käufer und die Kurse könnten wieder steigen.
Die Investitionsbereitschaft zeigt allerdings, dass Umfrageteilnehmer noch weit davon entfernt sind, aufzugeben. Stattdessen steigt die Investitionsbereitschaft von 2,1 auf 2,3 Punkte. „Viele Anleger warten auf Kaufgelegenheiten“, sagt Heibel.
Der AnimusX‑Experte fasst daher zusammen: „Irgendwie fühlen sich Anleger unwohl in ihrer Haut, doch opportunistisch halten sie an ihren Positionen fest und rechnen mit einer baldigen Wiederaufnahme der Aktienmarktrally.“
Auf hohen Optimismus folgt nicht automatisch hohe RenditeOptimismus allein reiche aber nicht für eine Rally, sagt Heibels Blick auf die historischen Daten. Nach den 48 historischen Marktphasen mit vergleichbar großem Optimismus folgte ein Dax-Anstieg von 1,7 Prozent nach sechs Monaten. Das ist weniger, als der Dax durchschnittlich in sechs Monaten zulegt (plus 3,5 Prozent).
„Wir müssen jetzt also nicht panisch die Reißleine ziehen, aber es gibt seitens der Sentiment-Theorie keine Hinweise, dass die Konsolidierungsphase bereits zu Ende sein könnte“, sagt Heibel.
Gleichzeitig weist er auf die Grenzen der Sentiment-Theorie hin. Diese legt Ungleichgewichte im Markt offen, die zu einer Bewegung führen könnten, sofern keine nennenswerten Ereignisse den Markt beeinflussen. Neue Entwicklungen, beispielsweise im Iran, können die Lage also entscheidend verändern.
Solange es die aber nicht gibt, lautet Heibels Fazit: „Allein aus Sentiment-Sicht ist ein Ende der aktuellen Konsolidierungsphase noch nicht in Sicht.“
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Seit 2014 analysiert Stephan Heibel die Handelsblattumfrage. Foto: Matthias Martin, Berlin
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