Das Kunstzentrum Radialsystem wird 20 und trägt dazu bei, dass Berlin international als Tanzmetropole gilt. Doch viele der Tanzschaffenden in der Stadt können von ihrer Kunst kaum leben - einige verlassen sogar Berlin.
20 Jahre Radialsystem Wenn die Tanzstadt Berlin zu teuer wird
Von Christian Titze und Wiebke Keuneke
Durch die hohen Fenster fällt der Blick auf die Spree. Wo heute Tänzer:innen proben und auftreten, wurde früher Berliner Abwasser gepumpt. Roter Backstein trifft auf Glas und Stahl. Seit 20 Jahren ist das ehemalige Pumpwerk an der Holzmarktstraße das Radialsystem und seitdem ein fester Ort für Tänzer:innen.
Als es 2006 eröffnete, war Berlin bereits ein Magnet für Künstler:innen aus aller Welt. Die freie Tanzszene wuchs rasant, doch es fehlte an Bühnen für den Tanz. Das Radialsystem füllte diese Lücke und wurde schnell zu einem wichtigen Ort für den zeitgenössischen Tanz.
Was macht das Radialsystem so besonders, Matthias Mohr? () ()
Zu den Gründern gehörten die Choreografin Sasha Waltz und ihr Partner Jochen Sandig. Sandig hatte bereits zuvor die Berliner Kulturszene mitgeprägt, unter anderem als Mitgründer der Sophiensæle. 2005 gründeten Waltz und Sandig gemeinsam mit Folkert Uhde und Tilman Harckensee das Radialsystem, ein Jahr später wurde es eröffnet.
Waltz spricht rückblickend von einem "utopischen Ort für ganz viele unterschiedliche künstlerische Positionen". Das Konzept funktionierte, allerdings zunächst ohne öffentliche institutionelle Förderung. Elf Jahre lang wurde die Kunst unter anderem durch kommerzielle Vermietungen querfinanziert. 2018 erhielt das Radialsystem erstmals eine infrastrukturelle Förderung des Landes Berlin. 2019 kaufte das Land die Immobilie zurück, um ihre kulturelle Nutzung langfristig zu sichern.
Der Veranstaltungsort Radialsystem in Berlin, Kreuzberg (Bild: Phil Dera)
Das Radialsystem ist kein Haus mit einem großen festangestellten Tanzensemble, sondern in erster Linie vor allem eine Spielstätte für die freie Szene. Nur sechs Tänzer:innen sind bei der Compagnie Sasha Waltz & Guests fest angestellt.
Und das ist typisch für den Tanz in Berlin: Rund 2.500 Menschen arbeiten hier professionell, etwa 2.300 von ihnen soloselbstständig. Wie prekär die wirtschaftliche Lage vieler Tanzschaffender ist, zeigen Daten der Künstlersozialkasse: Freiberufliche Tänzer:innen kamen 2025 im Durchschnitt auf 12.618 Euro Jahresarbeitseinkommen, freiberufliche Choreograf:innen und Ballettmeister:innen auf 16.650 Euro.
Eine Künstlerin, die diese Realität kennt, ist Lina Gómez. Die in Kolumbien geborene und in Brasilien aufgewachsene Tänzerin und Choreografin hat derzeit eine zweijährige Basisförderung. Mit "VASTA" hatte sie eine erfolgreiche Produktion im Radialsystem. Eigentlich also eine Künstlerin, bei der es gerade gut läuft.
Trotzdem reicht ihre künstlerische Arbeit allein nicht zum Leben. Gómez unterrichtet zusätzlich an der Universität. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, erzählt sie, arbeiten in Cafés oder babysitten. Nebenjobs habe es in der freien Tanzszene immer gegeben, in den vergangenen drei Jahren habe sich die Situation aber deutlich verschärft.
Denn im freien Tanz gibt es kaum feste Stellen. Wer eine Produktion machen will, ist meist auf Projektförderung angewiesen. Bei manchen klassischen Förderprogrammen ist inzwischen nur ungefähr jeder zwanzigste Antrag erfolgreich.
Und selbst wer Geld bekommt, ist damit nicht für ein ganzes Jahr abgesichert. Eine Förderung decke in der Regel etwa drei Monate Gehalt ab, sagt Marie Henrion, Leiterin des Tanzbüros Berlin, der zentrale Beratungs- und Vernetzungsstelle für die Berliner Tanzszene: "Und dann ist die Frage, was ist eigentlich mit den anderen neun Monaten?"
Lange ließ sich diese Unsicherheit in Berlin leichter auffangen: Wohnungen und Arbeitsräume waren vergleichsweise günstig.
Heute kommen mehrere Probleme zusammen: gestiegene Lebenshaltungskosten, knappe Proberäume, Konkurrenz um Fördermittel und die Kürzungen im Kulturbereich.
Sasha Waltz spricht von einem "toxischen Cocktail". Berlin habe noch immer eine enorme Kreativität und ziehe internationale Künstler:innen an. "Aber der Durchfluss ist sehr viel schneller." Allein Waltz kann nach eigenen Angaben zehn Künstlerinnen und Künstler nennen, die nach Athen gezogen sind wegen der niedrigeren Lebenshaltungskosten und der dortigen Kunstszene.
Das Tanzbüro beobachtet seit zwei bis drei Jahren verstärkt, dass Tanzschaffende Berlin verlassen, vor allem in der mittleren Karrierephase. Mit ihnen gehen über Jahre gewachsene Kooperationen, Kontakte zu Spielstätten und internationale Netzwerke.
Matthias Mohr, künstlerischer Leiter des Radialsystems, spricht von einem "Ökosystem" des Tanzes. Wenn Teile davon wegbrechen, könne das langfristig ein kaum umkehrbarer Verlust für Berlin sein.
Zum 20. Geburtstag geht es deshalb auch um die Zukunft des Radialsystems selbst. Der Mietvertrag läuft jetzt aus und muss nach der Wahl neu verhandelt werden. Nach Sasha Waltz wünscht sich eine Sicherung für mindestens weitere 30 Jahre, zu besseren Bedingungen und mit niedrigeren Kosten, damit mehr Geld in die Kunst fließen kann.
Vor 20 Jahren ging es darum, in Berlin einen neuen Freiraum für Kunst zu schaffen. Heute stellt sich die Frage, wie dieser Freiraum erhalten werden kann und ob sich die Künstler:innen, die ihn mit Leben füllen, Berlin in Zukunft noch leisten können.
Sendung: rbb24 Abendschau, 18.09.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24 Abendschau, 18.09.2026, Christian Titze
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