Die Berliner Festspiele feiern am Wochenende ihr 75. Jubiläum. Unter anderem mit einem Kunstprojekt auf dem Berliner S-Bahn-Ring.
75 Jahre Berliner Festspiele In der Ringbahn von der Zukunft träumen
Das Theatertreffen, die Berlinale, das Musikfest, das Jazzfest, die Maerzmusik, der Martin Gropius Bau – alle sind sie Teil der Berliner Festspiele. Ihren Anfang genommen hat die Institution am 5. September 1951, als die ersten sogenannten Berliner Festwochen eröffnet wurden. Damals war Berlin eine von vier Siegermächten kontrollierte Stadt. Die Festwochen (mit Musik, Tanz, Theater, Kunst und sogar Segelregatten und Boxwettkämpfen) und auch die ersten Internationalen Berliner Filmfestspiele (heute die Berlinale) entstanden in der Hochphase des Kalten Krieges, als Reaktion auf die "Weltfestspiele der Jugend" im sowjetischen Sektor der Stadt – bezahlt von den Alliierten.
Der Wettkampf der Systeme wurde dabei über die Kultur ausgetragen. "Wir waren nicht nur ein Schaufenster des Westens, sondern auch ein Bollwerk im Kalten Krieg", sagt der heutige Intendant Matthias Pees bei der Pressekonferenz zum Jubiläum. Aber, auch das gehört zur Geschichte der Institution, und auch das benennt der Intendant: Die ersten Festivalleiter (Alfred Bauer, Heinz Tietjen und Gerhart von Westerman) waren Kulturgrößen der Nazi-Zeit. Inzwischen jedenfalls sind die Berliner Festspiele kein "Schaufenster des Westens" mehr, sondern eine Bundesinstitution, ein kultureller Leuchtturm fürs gesamte Deutschland.
Fürs pralle Jubiläumswochenende hat das Haus nun vieles gebündelt, was ohnehin im Jahresprogramm steht. Die Eröffnung des Musikfests in der Philharmonie und die Thementage "Reflexe und Reflexionen" zum Beispiel. Letztere haben der Historiker Meron Mendel und die Politologin Saba-Nur Cheema in den vergangenen drei Jahren zu einem der spannendsten und wichtigsten Diskussionsformate der Stadt entwickelt. Nirgendwo sonst wird so klug, ruhig und konstruktiv über die großen Themen der Geschichte gestritten.
In diesem Jahr soll nicht weniger als die "große Unordnung" der Welt im Zentrum stehen. Etwa mit der KI-Expertin Meredith Whittaker, dem jungen Ex- Präsidenten Chiles Gabriel Boric. Und mit Altkanzlerin Angela Merkel. Meron Mendel, so sagt er bei der Pressekonferenz, möchte Merkel unbedingt zum Thema "Staatsräson" und "Migration" befragen. Auf dem Dach des Martin Gropius Bau wird die Künstlerin Gabriele Stötzer zudem mit ihrer Kunstgruppe eine Performance zeigen.
Ausschließlich fürs Jubiläum konzipiert ist das Kunstprojekt "What If Berlin?". Der japanische Künstler Akira Takayama hat dafür hundert künstlerische Projektentwürfe für Berlin begutachtet, die nie realisiert worden sind. 27 davon hat er ausgewählt, um sie an einer S-Bahn-Station auf dem Berliner Ring zu präsentieren. Ihm sei, so sagt er bei der Pressekonferenz, aufgefallen, dass Berlin heute weniger in Ost und West geteilt sei, sondern zwischen Zentrum und Peripherie. Innerhalb des Rings und außerhalb. Beides möchte er stärker miteinander verbinden.
Konzipiert hat er sechs unterschiedliche S-Bahn-Stadtführungen auf dem Ring, bei der einige denen geplanten Projekte vorgestellt plus Ideen gegeben werden, wie man sie ins Heute weiterdenken könnte.
Das Kunstprojekt anlässlich der Berliner Festspiele auf dem Berliner S-Bahn-Ring (Quelle: rbb/F.Pohst)
Einen kurzen Presse-Einblick gibt‘s auf der Tour "Dürfen Kommunisten träumen?". Entlehnt ist der Titel einer bekannten Kunstserie im damaligen Palast der Republik. Dabei wurden 16 Bilder von 16 Künstlern zum Thema präsentiert. Heute werden die Kunstwerke nur noch selten ausgestellt, da sie nun mal auch staatsnahe Propaganda-Kunst zeigen.
Die Idee des Künstlers Takayama ist nun, so erklärt es die Stadtführerin an der Station Greifswalder Straße, diese 16 Kunstwerke frei zugänglich zu machen und mit neuen Berliner Antworten auf die Frage "Dürfen Kommunisten träumen?" zu konfrontieren. Das ist eine nette, aber auch recht naive und simple Idee – die mit "unverwirklichten Stadtprojekten" wenig zu tun hat. An der Schönhauser Allee geht es dann um die Frage, ob man das frühere "Haus der Jungen Talente" der DDR wieder aufleben lassen sollte. Mit den jeweiligen S-Bahn-Stationen stehen die Projekte nur lose in Verbindung.
Interessanter klingt, was Akira Takayama bei der Pressekonferenz über die Station Hermannstraße erzählt. Hier soll ein Kiosk die Berlin-"Zugehörigkeit" in Form eines Stickers ausstellen: Man kann sich bekennen: "Ich bin Berliner!" Angelehnt ist das Projekt an eine unrealisierte Plakataktion des Künstler Martin Mlecko aus dem Jahr 1986. Ob das die Berliner:innen an der Neuköllner S-Bahn-Station interessieren wird? An den kommenden vier Wochenenden laden alle 27 Stationen auf sechs Touren jedenfalls auf unterschiedliche Art zum visionären Denken ein.
Sendung: rbb24 Inforadio, 25.08.2026, 16:50 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 25.08.2026, Jessica Wiener im Gespräch mit Barbara Behrendt
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