500 Meter zum Besprühen, mitten in Berlin-Mitte – ein Traum für Menschen, die sich hier kreativ ausleben. Aber die Zukunft der North Side Gallery ist ungewiss, denn es gibt einen Konflikt um den Müll.
Legale Graffiti-Wände in Berlin Steht die North Side Gallery vor dem Aus?
Von Henrike Möller und Tamy Daum
Ein Augustvormittag im Park am Berliner Nordbahnhof. Die 19-jährige Nele legt ihren Rucksack auf die Wiese, schnappt sich eine Spraydose und tritt dann an die Wand. Die sogenannte North Side Gallery ist einer der wenigen Orte in Berlin, an denen legal Graffitis gesprayt werden dürfen. "Es ist einfach ein Raum, wo man sich künstlerisch ausleben kann."
Vor Nele entstehen nach und nach die Konturen eines großen Schriftzugs in Braun und Lila. "Aber es ist auch ein sozialer Ort", ergänzt sie. Mehrmals die Woche ist Nele hier. "Ich spraye nicht illegal." Genau deswegen sei die North Side Gallery wichtig für sie. 2023 hat sie eröffnet.
Wie viele dieser legalen Graffiti-Wände es in Berlin gibt, weiß keiner so richtig. Auf Anfrage des rbb heißt es von Seiten der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, ihnen liege keine Gesamtzahl vor.
Fakt ist: Mit ihren 500 Metern Länge ist die North Side Gallery eine der längsten in der Stadt. Die Wand ist auch wegen ihrer guten Lage attraktiv. "Es geht ja um Fame. Fame, also Bekanntheit, ist die Hauptantriebskraft bei Graffiti", erklärt Jurij Paderin von der Graffiti-Lobby Berlin. Die Graffiti-Lobby setzt sich für legale Wände zum Sprühen ein und vermittelt zwischen Politik und Szene.
Hinweis auf die Graffiti Wand der North Side Gallery. (Quelle: rbb/Henrike Möller)
Dass der North Side Gallery die Schließung droht, kam für Jurij Paderin unerwartet. Einen entsprechenden Antrag hatte die CDU-Fraktion im Umweltausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Mitte gestellt. Anlass dafür waren wiederholte Beschwerden von Anwohner:innen.
Laut CDU gibt es vor Ort weiterhin zu viel Vermüllung. Die Fraktionsvorsitzende Daniela Fritz führt aus: "Es wird auch unabhängig der Wände gesprayt. Also Bäume werden beschmiert, Böden werden beschmiert, Bänke werden beschmiert. Und das ist genau das, was nicht passieren sollte."
Die Grünen-Fraktion der BVV Mitte hat sich bei dem Antrag mehrheitlich enthalten. Man wolle einen Kompromiss finden, sagt Anna Heidenreich, Sprecherin für Ordnung. Sie hält die Situation allerdings auch für nicht länger tragbar. "Wir finden es wichtig, dass Graffiti einen Platz hat in Berlin", sagt sie. Der liegengelassene Müll stelle jedoch eine Gefahr für die Umwelt dar. "Dosen können auslaufen."
Das Problem sieht auch die Graffiti-Lobby. Man fordere schon lange Müllcontainer, wie die an der legalen Graffiti-Wand im Mauerpark, sagt Jurij Paderin. Dort sei es sauber, da gebe es das Problem der Vermüllung nicht, so wie es sich an der North Side Gallery zeige: "Es fehlen einfach diese Container und die sollten hier hin. Dann wird sich die Situation auch beruhigen."
Container wird es aber wohl in absehbarer Zeit nicht geben. Das Bezirksamt Mitte erklärt auf rbb-Anfrage: "Eine Aufstellung von entsprechenden Behältern auf öffentlichen Flächen wurde mit BSR und ALBA geprüft, ist aber leider nicht möglich, weil die Dosen als Sondermüll zu entsorgen sind." Sondermüll werde von Entsorgungsfirmen aber nur dann abgeholt, heißt es sinngemäß weiter, wenn auch nur dieser Sondermüll im Container sei. Das könne bei öffentlich bereitgestellten Behältern aber nicht garantiert werden.
Aufgeräumt wird an der North Side Gallery aber schon: Das Bezirksamt verweist auf ein Reinigungskonzept, das auch die Sprayer-Szene einbindet. Jugendliche, die beim illegalen Sprayen erwischt wurden, räumen ein- bis zweimal die Woche rund um die North Side Gallery den Müll weg.
"Schadenswiedergutmachung" heißt das soziale Projekt der pad GmbH. Leiter Taima Rinne-Wolf ist in Sachen North Side Gallery von sich aus aktiv geworden: "Ich bin damals, als ich diesen Konflikt zwischen Anwohnerschaft und der Graffiti -Szene hier mitbekommen habe, aufs Grünflächenamt und auf die Graffiti Lobby zugegangen mit dem Gedanken, auf diese Weise ein bisschen Druck aus der Situation zu nehmen."
Die Müllsituation hat sich seiner Meinung nach seitdem deutlich verbessert: "Früher mussten wir zwei, drei Schubkarren mitnehmen und auch mehr in die Gebüsche klettern, um die Dosen herauszuholen und die Farbeimer." Mittlerweile liege schon alles vorsortiert da, mit einer Schubkarre sei es meistens getan. Das stimme, sagt Jurji Paderin: "Wir kommunizieren mit der Szene, dass sie ihr Zeug mitnehmen soll. Und das passiert auch."
Es ist aber nicht nur der Müll, der der CDU und manchen Anwohner:innen Sorge bereitet. 2022 haben Forschende der FU rund um die Graffitiwand am Berliner Mauerpark eine hohe Mikroplastik-Belastung im Boden festgestellt. Ähnlich könnte es auch an der North Side Gallery aussehen, befürchtet die CDU. Genau weiß man das nicht, denn Untersuchungen an dieser Stelle gab es bisher nicht.
Falls die North Side Gallery tatsächlich schließen sollte, wäre das für die Graffiti-Szene ein tragischer Verlust, sagt Nele. "Ich müsste dann aufhören, weil ich mache das wie gesagt nicht illegal. Und das ist sehr schade, denn das hier ist ein großer Teil meines Lebens." Vor allem für Frauen in der Sprayer-Szene seien legale Walls wie die North Side Gallery wichtig, sagt die 19-Jährige. In der Szene gebe es auch viele etwas unangenehme Gestalten: "Da ist es schön, so einen sehr öffentlichen Raum zu haben, wo man auch von außen gesehen wird, falls irgendwas passiert."
Der Umwelt-Ausschuss hat dem Antrag der CDU-Fraktion zugestimmt. Am 17. September entscheidet die Bezirksverordneten-Versammlung final über die Zukunft der North Side Gallery. Sollte das Sprayen dort tatsächlich wieder illegal werden, wollen sich CDU und Grüne für eine Ausweichfläche einsetzen.
Jurij Paderin von der Graffiti Lobby ist da wenig optimistisch: "Wir sind rumgefahren und haben alles abgesucht. Es gibt keine Ersatzfläche in dieser Größe in Berlin-Mitte."
Sendung: rbb24 Inforadio, 13.08.2026, 07:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 13.08.2026, Henrike Möller
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