GEW will Lehrkräfte ermutigen, ihre Arbeitszeit zu dokumentieren – mit einer App. Die Daten könnten für Klagen gegen den Senat genutzt werden.
Kann auch mal kompliziert werden: Dienstplanung für Lehrkräfte
Foto: IMAGO/Funke Foto Services
Mittags Feierabend, nachmittags seine Ruhe und dann noch drei Monate Urlaub – so stellen sich viele das Arbeitsleben als Lehrer vor. Doch die Realität sieht anders aus. »Auf das eigentliche Deputat kommen noch ganz viele Aufgaben hinzu«, sagt Maximilian Tessenow, Lehrer an der Clay-Schule in Berlin-Neukölln. Unterrichtsvorbereitung, Klausurkorrekturen oder Elternabende sind da nur der Anfang. »Wir sind gezwungen, selbst Schulsozialarbeit zu machen«, so Tessenow. Ihn belasteten aber vor allem die zahlreichen Verwaltungsaufgaben, die Lehrkräfte nebenbei erledigen müssten.
Wie viele Stunden Lehrkräfte wirklich arbeiten, weiß kein Mensch. Denn eine Arbeitszeittabelle, wie sie in vielen Berufen üblich ist, gibt es für sie nicht. Die Bildungsgewerkschaft GEW will sich nun selbst helfen. Am Dienstag stellt sie in ihrer Zentrale in Schöneberg eine App vor, mit der Lehrkräfte selbst ihre Arbeit dokumentieren können. »Solange wir nicht erfassen, wie viel gearbeitet wird, bleibt Überlastung unsichtbar«, sagt der GEW-Landesvorsitzende Gökhan Akgün.
An einem ausgestellten Laptop kann die App »Lehrzeit« ausprobiert werden. Mit einer Stoppuhr kann hier einfach die in einer bestimmten Tätigkeit eingesetzte Arbeitszeit gemessen werden. Stundenpläne können mit wenigen Handgriffen integriert werden, auch Krankentage können einfach eingetragen werden. »Wir haben auf Einfachheit gesetzt«, sagt Akgüns Ko-Vorsitzende Felicia Kompio. Die App wolle man nun, zum Beginn des neuen Schuljahres, auf Personalkonferenzen bewerben.
Mit der Arbeitszeit-App will die GEW den Druck auf den Senat erhöhen. Denn dieser weigert sich bislang, eine eigene Arbeitszeiterfassung aufzulegen. Bundesweit gibt es eine solche bislang nur in Bremen. »Der Senat hat es selbst in der Hand«, sagt Akgün. »Er kann jetzt eine vernünftige und rechtssichere Lösung finden.« Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshof ist die Arbeitszeiterfassung eigentlich in allen Branchen Pflicht.
»Berliner Lehrkräfte schieben zwei Millionen Überstunden im Jahr.«
Felicia Kompio Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Sollte das nicht passieren, lässt die App der GEW auch eine andere Option offen. Man bereite Musterverfahren vor, kündigte Akgün an. »Die Rechtslage ist klar«, sagt er. Man werde Kollegen juristisch beraten, damit sie für geleistete Mehrarbeit entlohnt würden. In Niedersachsen gab es im vergangenen Jahr einen vergleichbaren Fall: Dort sprach ein Gericht einem Grundschulleiter 31 000 Euro finanziellen Ausgleich für in einem Zeitraum von fünf Jahren zu viel geleistete Arbeit zu. Auf ähnliche Urteile hofft man auch bei der GEW.
Dass es an den Schulen teils massive Mehrarbeit gibt, daran haben die Gewerkschafter wenig Zweifel. »Unsere Studie hat gezeigt, dass Berliner Lehrkräfte zwei Millionen Überstunden schieben«, sagt Kompio. Im vergangenen Jahr hatte die Universität Göttingen eine Studie vorgestellt, die von der Berliner GEW in Auftrag gegeben worden war. Zwei Drittel der Berliner Lehrkräfte arbeiten demnach zu viel. Im Durchschnitt summiere sich die Mehrarbeit auf 94 Stunden im Jahr. Auch für die Studie war für die Erfassung der Arbeitszeit eine App genutzt worden.
Um die Berliner Lehrkräfte zu entlasten, hatten die GEW und Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) im Mai eine Übereinkunft unterschrieben. Die Vereinbarung sieht vor, dass Lehrkräfte ab dem 63. Lebensjahr eine zusätzliche Ermäßigungsstunde erhalten. Schulleiter müssen ebenfalls eine Stunde weniger unterrichten. Vereinbart wurde zudem, dass die Schulklassen schrittweise verkleinert werden sollen.
»Es gab ein bisschen Gesprächsbereitschaft«, erinnert sich Kompio. Zuvor hatte die GEW jahrelang immer wieder gestreikt, um tariflich eine Entlastung zu erreichen. Man werde nun eng begleiten, wie die Vereinbarung umgesetzt werde. Mit Grünen und Linken habe man bereits vereinbart, dass die Maßnahmen auch in der nächsten Legislatur Bestand haben würden. Gespräche mit dem gleichen Ziel führe man nun auch mit der SPD. »Wir werden interessiert zusehen, wie die Wahl ausgeht und wer uns am Ende am Verhandlungstisch gegenübersitzt«, so Kompio.
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