Als Reaktion auf Lehrermangel und Haushaltslage kündigt Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) eine Kürzung der Stundentafel an.
Brandenburgs Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) hat für mehr Schüler zu wenig Lehrer.
Foto: dpa/Sebastian Christoph Gollnow
Ursprünglich sei das Ludwig-Leichhardt-Gymnasium als vierzügige Schule geplant gewesen, nun sei es aber sechszügig und werde vielleicht sogar noch siebenzügig, berichtet am Mittwoch Schulleiter Mario Kaun. Das bedeutet, dass es pro Klassenstufe sechs Klassen gibt und es noch mehr werden könnten. Mit 50 Lehrkräften muss Kaun zurechtkommen. Es fehlen ihm zur Abdeckung des vorgesehenen Unterrichts sechs Kollegen. »Am Ende hilft es nicht zu klagen, sondern wir müssen irgendwie machen«, sagt der Schulleiter.
19 Lehrkräfte haben im vergangenen Jahr eine bis vier Stunden mehr pro Woche unterrichtet, als sie müssten. Kaun kann auch auf vier Lehrer vertrauen, die schon das Rentenalter erreicht haben, aber dennoch aushelfen. Einer davon sei »älter als die DDR«, also vor dem 7. Oktober 1949 geboren, erzählt Kaun und verrät damit, dass der Mann mindestens schon 76 Jahre alt ist. Das reicht aber nicht aus, um den Unterricht so zu organisieren, dass niemand wegen nicht erteilter Stunden kein Abitur machen könnte.
Weil es an Physiklehrern mangelt, hat sich das Leichhardt-Gymnasium überlegt, dass die Schüler im Grund- und im Leistungskurs Physik zusammen unterrichtet werden. Die Schüler, die den Leistungskurs belegt haben, erhalten dann noch zwei Stunden zusätzlich. Aber die drei anderen Stunden haben sie gemeinsam mit den Schülern im Grundkurs. In Japanisch, das einmalig in Ostdeutschland am Leichhardt-Gymnasium als zweite Fremdsprache angeboten wird, werden die Schüler der elften und zwölften Klassen nun zusammen unterrichtet, damit die zwei Japanisch-Lehrerinnen zurande kommen.
Die Verhältnisse an dieser Schule sind bei allen Besonderheiten doch typisch für Brandenburg. Bei einem Termin zum bevorstehenden Schuljahresbeginn gibt Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) im Leichhardt-Gymnasium unumwunden zu: »Wir dürfen uns nichts vormachen. Dieses Schuljahr bringt schwere Belastungen für die Lehrkräfte mit sich. Es bringt auch Einschnitte bei der Qualität mit sich.«
»Dieses Schuljahr bringt schwere Belastungen für die Lehrkräfte mit sich. Es bringt auch Einschnitte bei der Qualität mit sich.«
Gordon Hoffmann (CDU) Bildungsminister
Die höchste Schülerzahl seit 20 Jahren – sie steige gegenüber dem Vorjahr um 1000 auf 324 000 – treffe auf den größten Lehrermangel, erläutert Hoffmann. 1253 Lehrkräfte sind entweder neu eingestellt worden oder ihre befristeten Arbeitsverträge wurden entfristet. Aber es treten ja auch immer Lehrer in den Ruhestand. Die Landesregierung sparte im vergangenen und im laufenden Jahr insgesamt 455 Stellen für Lehrer ein – und das macht sich bemerkbar. Kompensiert werden sollte die Kürzung dadurch, dass 60 Prozent der Lehrer seit Februar eine Pflichtstunde pro Woche mehr unterrichten müssen. Die anderen 40 Prozent der Lehrer unter anderem an Berufs- und Förderschulen sind davon ausgenommen. Aber genau dort fehlen jetzt Lehrer noch mehr als anderswo. Darum hat Bildungsminister Hoffmann entschieden, dass auch diese Kollegen ab Februar 2027 eine Stunde mehr unterrichten müssen. Dies mache 290 Lehrerstellen aus, rechnet er am Mittwoch vor.
Dies sei ein »Haushaltskonsolidierungsmanöver auf dem Rücken der Lehrkräfte«, beschwert sich der brandenburgische Pädagogenverband. »Währenddessen warten wir vergeblich seit einem Jahr auf die wirksamen Entlastungen, die im Rahmen der Pflichtstundenerhöhung angekündigt wurden.«
Das war noch unter dem alten Bildungsminister Steffen Freiberg (SPD) geschehen. Hoffmann übernahm das Amt erst im März, nachdem Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) im Januar die Koalition mit dem BSW aufgekündigt und eine neue mit der CDU ausgehandelt hatte.
Mit der Bemerkung, es könne womöglich nicht überall der für Schulabschlüsse erforderliche Unterricht garantiert werden, hatte Hoffmann für Wirbel gesorgt. Aber er wollte ehrlich sein und Probleme offen ansprechen, auch wenn ihm bewusst ist, dass die Probleme allein dadurch nicht gelöst werden. Jetzt gibt Hoffmann insoweit »Entwarung«, dass die Schulabschlüsse doch abgesichert werden. Dazu seien aber einige einschneidende Maßnahmen notwendig. Mittel, die eigentlich für Förderunterricht, Leistungsdifferenzierung, Arbeitsgemeinschaften und dergleichen mehr vorgesehen sind, dürfen für den regulären Unterricht zweckentfremdet werden. Wenn das nicht ausreicht, dürfen Schulen eine Ausnahmegenehmigung beantragen, die Stundentafel in den Klassen sieben bis zehn zu reduzieren. In diesen Klassen besteht nach Darstellung von Minister Hoffmann noch ein Spielraum, weil Brandenburg dort mehr Stunden vorsieht, als von der Kulturministerkonferenz der Länder als Minimum angesehen wird.
Mittelfristig möchte der Minister die brandenburgische Stundentafel generell auf das niedrigere Niveau Sachsens absenken – voraussichtlich zum Schuljahr 2027/28. Ihm ist klar, dass es doof aussieht, weniger Unterricht zu erteilen, wo Brandenburgs Schüler in Leistungsvergleichen bereits jetzt mäßig abschneiden. Aber es bringe auch nichts, Stunden vorzusehen, die mangels Personal dann doch ausfielen, argumentiert Hoffmann. Sachsen fährt mit seiner Stundentafel übrigens nicht schlecht. Seine Schüler sind mit denen aus Bayern in Bundesvergleichen Spitze.
Indessen will Hoffmann teilzeitbeschäftigte Lehrer motivieren, ein paar Stunden mehr zu geben. »Jede Stunde Unterricht zählt«, sagt er und bedankt sich bei den über 400 Kollegen, die sich nicht dagegen gesperrt haben, an eine Schule versetzt zu werden, an der sie dringender gebraucht werden als da, wo sie bisher waren. Nur in wenigen Fällen habe man Lehrkräfte dazu zwingen müssen.
314 Lehrerstellen sind zurzeit nicht besetzt, weil es an geeigneten Bewerbern fehlt. Ohnehin sind nur knapp die Hälfte der 1253 neu eingestellten oder entfristeten Kollegen regulär ausgebildete Lehrer. Die anderen sind Seiteneinsteigende. Dem Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zufolge fehlen Pädagogen vor allem da, wo bereits in der Vergangenheit zu wenige Kollegen eingestellt werden konnten. »Dort liegen fast keine Bewerbungen vor«, sagt GEW-Chef Günther Fuchs am Mittwoch im RBB-Inforadio.
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