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Vom Lenkrad zum Lenkeck: Warum das runde Autosteuer langsam ausgedient hat

Дата публикации: 16-08-2026 12:57:13

Erst war das Lenkrad rund, dann wurde es eckig. Nun verabschieden Mercedes und Peugeot den Klassiker ganz. Eine kleine Geschichte der großen Lenkrad-Revolution.

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Alfred Vacheron gehört zu den unbekannten Pionieren der Automobilgeschichte – und das vollkommen zu Unrecht. Denn der Franzose steht für einen Meilenstein in der Geschichte der Mobilität. 1894 hatte der Ingenieur eine Idee, die bis heute unverzichtbarer Teil der Automobiltechnik ist. Damals stellte er seinen Panhard 4hp, den er selbstbewusst „Vacheron“ benannt hatte, an die Startlinie des Rennens Paris–Rouen und überraschte seine Konkurrenten mit einem Detail, das man bis dahin noch nicht gesehen hatte.

Weil ihm die bis dahin üblichen Lenksysteme nicht zusagten, hatte Vacheron erstmals ein Lenkrad für seinen Boliden entwickelt – in der Hoffnung, das Fahrzeug schneller steuern zu können. Viel genutzt hatte es ihm am Ende leider nicht. Trotz seiner bahnbrechenden Entwicklung beendete er das Rennen auf dem elften Platz.

Vorsicht! Lenken kann tödlich sein

Die damaligen Hersteller erkannten jedoch schnell die praktischen Möglichkeiten der Innovation und übernahmen Vacherons Erfindung, ließen sich mit der Einführung aber einige Zeit. Erst vier Jahre nach der Premiere brachte das damals renommierte französische Unternehmen Panhard & Levassor seine Modelle mit der modernen Lenkhilfe auf den Markt, und in den USA reagierten Packard und Peerless 1901 mit den ersten so ausgerüsteten Modellen.

Später wurde diese Form des Lenkens Allgemeingut und setzte sich bei allen anderen Herstellern durch, weil die Automobile wesentlich einfacher zu dirigieren waren. Bis zu Vacherons Erfindung wurden die ersten Automobile mit schwerfälligen Lenkhebeln wie beim legendären Dreirad von Carl Benz oder mit Kurbeln gesteuert, was das Dirigieren nicht gerade einfach machte. Auch die zunehmende Leistung der Modelle verlangte nach einer neuartigen Form der Lenkung.

Bevor das Lenkrad erfunden war: Ein Panhard & Levassor, vermutlich aus dem Jahr 1890.

Bevor das Lenkrad erfunden war: Ein Panhard & Levassor, vermutlich aus dem Jahr 1890.

© Imago

Verbunden waren die Lenkräder und Vorderräder lange Zeit mit einer massiven Lenkstange, die sich bei einem Umfall im wahrsten Wortsinn als mörderisch erweisen und den Menschen auf dem Fahrersitz tödlich verletzen konnte. Erst mit der Erfindung der geteilten und bei einem Unfall kollabierenden Lenkstange durch den Mercedes-Entwickler Béla Barényi wurde diese Gefahr gebannt. Die damals noch runden Lenkräder erhielten zudem sogenannte Pralltöpfe, die den Aufprall des Menschen auf dem Fahrersitz abmilderten und so einen weiteren Beitrag zur Sicherheit lieferten.

Vacheron definierte mit seiner Erfindung gleichzeitig auch die bis heute weitgehend gängige Form des Lenkrads: Es war rund – und sollte auch lange Zeit so bleiben. Die Kreativen spielten lediglich mit Materialien. Das zuerst eingesetzte Holz wurde durch Kunststoff abgelöst, für die Hupe kam ein silberner Ring ins Spiel, die Zahl der Speichen variierte. Und in Frankreich überraschten die Citroën-Designer die automobile Welt mit einem Ein-Speichen-Lenkrad samt Bediensatelliten für die wichtigsten Modelle, die allerdings vor allem bei den deutschen Motorjournalisten nicht gut ankamen.

Als aus dem Runden etwas Eckiges wurde

Doch ausgerechnet die Kreativen der British Motor Corporation – die bis dahin nicht mit besonders kreativen Einfällen aufgefallen waren – kamen 1973 auf eine Idee, deren Folgen sich bis heute auswirken. Der sonst so wenig reizvolle Austin Allegro kam als erstes Großserienmodell mit einem oben und unten abgeflachten Lenkrad auf den Markt. Aus dem Runden war nun etwas Eckiges geworden. Dass ein britisches Allerweltfahrzeug zum ungewollten Trendsetter wurde, ist schon eine gewisse Ironie der Automobilgeschichte.

Das erste Serienmodell mit einem oben und unten abgeflachten Lenkrad: der Austin Allegro

Das erste Serienmodell mit einem oben und unten abgeflachten Lenkrad: der Austin Allegro

© Imago

Warum die Briten ausgerechnet den biederen Allegro mit diesem Lenkrad ausgestattet hatten, ist bis heute ihr Geheimnis geblieben. Schließlich waren bis dahin abgeflachte Lenkräder lange Zeit allein sportlichen Modellen und Rennwagen vorbehalten, um so Platz im Innenraum zu sparen und dem Piloten gleichzeitig eine bessere Position im Cockpit zu ermöglichen. So weit, so logisch.

Dort hatten eckige Lenker tatsächlich ihre Berechtigung. Irgendwann müssen sich die Designer jedoch darauf geeinigt haben, auch dem bewährten Lenkrad eine neue Form zu verpassen. Schließlich hatten die Scheinwerfer schon ihre ursprünglich runde Form verloren, wurden eckig, und Tachometer und andere Instrumente ebenfalls wurden neugestaltet.

Allerdings antworteten die Kreativen damals mit ihren Designs auf Fragen, die niemand gestellt hatte. Selbst biedere Familienkutschen kommen aktuell mit dieser abgeflachten Form auf den Markt, und die Verantwortlichen der Hersteller haben immer wieder Probleme, die neue Form zu erklären. Eigentlich müsste man heute von einem „Lenkeck“ sprechen.

Im Laufe der Jahre und vor dem Einzug digitaler Bildschirm-Befehlszentralen überfrachteten die Entwickler die Lenkräder zudem mit einer Vielzahl von Schaltern, die alle möglichen Einstellungen – vom Tempomat bis Radio – ermöglichten. Und außerdem wurde der Airbag zur unverzichtbaren Einrichtung.

Die abgeflachte Form orientiert sich wenigstens noch weitgehend an der von Vacheron erfundenen Gestaltung – die beiden Seiten sind noch rund. Doch die Zukunft der Lenkung bringt vollkommen neue Designs ins Spiel, mit denen der Mensch auf dem Fahrersitz eine ganz andere Art des Manövrierens erleben wird. Hatten die bisher eingesetzten Lenksysteme noch eine mechanische Verbindung zu den Vorderrädern, so wird in Zukunft die neue Technologie „Steer by Wire“ diese Kombination kappen. Die Lenkbefehle werden dann von der Elektronik weitergegeben.

Neue Technologien bei Mercedes und Peugeot

Diese neue Technologie verlangt nicht zwingend nach einer neuen Form, doch in den Designbüros erkannte man die Möglichkeit, das seit Urzeiten runde Rad in den Ruhestand zu schicken und vollkommen neue Gestaltungen zu entwickeln. Bei Mercedes-Benz kommt die neue Lenkungstechnik in der aktuellen S-Klasse zum Einsatz, wo die Kunden hinter einem Lenkhebel sitzen, der an den Messerschmitt-Kabinenroller erinnert. Dort gab es allerdings keinen Raum für ein konventionelles Lenkrad, man musste eine neue Form finden.

Gleichwohl ermöglicht Mercedes seinen Käufern, diese neue Technologie auch mit einem gewohnten runden Lenkrad zu bedienen. In der Tat ermöglicht „Steer by Wire“ deutlich exaktere Manöver mit weniger Lenkumdrehungen als die bisher eingesetzte mechanische Servolenkung.

Die neue „Steer by Wire“-Technologie soll ein völlig neues Lenkgefühl garantieren – verspricht zumindest Mercedes.

Die neue „Steer by Wire“-Technologie soll ein völlig neues Lenkgefühl garantieren – verspricht zumindest Mercedes.

© Mercedes-Benz AG – Communications & Marketing

Ganz anders geht Peugeot in diese neue Epoche. „Seit über einem Jahrhundert nutzen Autofahrende ein traditionelles, rundes Lenkrad. Peugeot bricht mit dieser Tradition und erfindet mit dem Hypersquare das Lenkrad neu“, erklärt die älteste Automobilmarke der Welt. Wobei sich in die Mitteilung ein Fehler eingeschlichen hat, denn tatsächlich ist „Hypersquare“ kein Lenkrad mehr, sondern vielmehr ein rechteckiges Teil, mit dem im kommenden Jahr die nächste Generation des 208 auf den Markt rollen wird.

Und im Gegensatz zu Mercedes, wo die Kunden noch die Wahl haben, an einem herkömmlichen Lenkrad zu kurbeln, sind die Franzosen konsequent: Wer den neuen 208 haben möchte, bekommt „Hypersquare“. Und wer sich verweigert, für den steht der bisher angebotene 208 noch zeitweilig bei den Händlern – mit konventioneller Lenkungstechnik.

Ein Lebewohl an das runde Lenkrad

„Hypersquare“ ist allerdings auch mehr als nur eine neue Form für die Lenkung. Dank Steer-by-Wire werden Vibrationen ausgeblendet und gleichzeitig liefert die neue Technik – das zeigte eine erste kurze Testfahrt – exakte Rückmeldungen über den Straßenzustand, sodass die aktuellen Verhältnisse vom Menschen auf dem Fahrersitz entsprechend wahrgenommen werden.

Das rechteckige Steuerinstrument besitzt außerdem vier Öffnungen, in denen die wichtigsten Bedienelemente untergebracht sind. Sie können genutzt werden, ohne dass der Pilot die Hand von der Lenkung nehmen muss. Das ist in der Tat ein Fortschritt. Ablenkungen, die die Bedienung über den Bildschirm mit sich bringt, werden vermieden.

Das „Lenkeck“ im Peugeot Polygon Concept soll dem kommenden 208 bereits die neue Formsprache vorwegnehmen.

Das „Lenkeck“ im Peugeot Polygon Concept soll dem kommenden 208 bereits die neue Formsprache vorwegnehmen.

© Tibo - The Good Click

Zurzeit ist das neue „Lenkeck“ bei Peugeot noch in einem Konzeptfahrzeug montiert, wobei das „Polygon Concept“ tatsächlich schon die neue Formensprache des kommenden 208 vorwegnimmt. Neben der seriennahen Lenkung zeigt das „Polygon“ eine Windschutzscheibe, die als Bildschirm fungiert und die Anzeigen im Armaturenbrett ersetzt. Doch diese Technik ist noch Zukunftsmusik. Gegenwart ist der Abschied vom runden Lenkrad.

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