Die Deutsche Bahn bekommt mehr Konkurrenz: Künftig dürfen nicht mehr als 60 bis 75 Prozent der Kapazität auf der Schiene an ein Unternehmen vergeben werden. Der private Betreiber Italo hatte bereits angekündigt, in den deutschen Fernverkehr einsteigen zu wollen.
Ab 2028 Bundesnetzagentur bestätigt Pläne für mehr Wettbewerb auf der Schiene
Die Bundesnetzagentur hat trotz Bedenken aus den Ländern ihre Entscheidung für einen stärkeren Wettbewerb im Schienennetz bestätigt. "Mehr Wettbewerb hat das Potenzial, bessere Angebote für die Fahrgäste zu schaffen", sagte Behördenchef Klaus Müller am Freitag. Die jetzt endgültige Entscheidung könne Bewegung in den Fernverkehr in Deutschland bringen.
Die Infrastrukturtochter der Bahn - die DB Infra Go - wird verpflichtet, auf stark genutzten und jetzt schon ausgelasteten Streckenabschnitten künftig nicht mehr als 60 bis 75 Prozent der Kapazitäten an ein einzelnes Unternehmen zu vergeben. Das zielt auf die Deutsche Bahn, die im Fernverkehr einen Marktanteil von 95 Prozent hat. Vor allem die Strecken zwischen den Metropolen sind besonders begehrt.
Den genauen Prozentwert muss die DB Infra Go bei ihrer jährlichen Aufstellung des Fahrplans festlegen. So werde sichergestellt, dass es mindestens einen Wettbewerber gebe, so die Bonner Behörde. "Die Bundesnetzagentur ist sich bewusst, dass die Entscheidung einen Umbruch im Schienenpersonenfernverkehr einleiten kann."
Bereits am Mittwoch begrüßte die Monopolkommission die Pläne eines Markteintritts des italienischen Zugunternehmens Italo als Wettbewerber im Fernverkehr. Wettbewerb sei gut für die Fahrgäste, erklärte der Vorsitzende des Beratergremiums der Bundesregierung, Tomaso Duso.
Die Monopolkommission befürwortet zudem geplante Vorgaben der Netzagentur zur Vergabe von Flächen in Bahnhöfen an neue Wettbewerber. "Wer im Bahnhof mitspielen will, muss auch Fahrkartenschalter und Lounges anbieten können", erklärte Duso. "Ohne diskriminierungsfreien Zugang zu Vertriebs- und Serviceflächen bleibt jeder Wettbewerb auf der Schiene halbherzig."
Brandenburg warnt vor Verdrängung auf weniger ausgelasteten Strecken
Die DB Infra Go müsse dies nun in ihre Nutzungsbedingungen einbauen. "Die Wettbewerberklausel wirkt dann bei der Erstellung des Netzfahrplans für 2028, die im Jahr 2027 stattfindet", so die Bundesnetzagentur. In den vergangenen Tagen hatten mehrere Bundesländer in Schreiben, die der Nachrichtenagentur Reuters vorliegen, versucht, die Entscheidung noch in eine andere Richtung zu lenken.
Brandenburgs Infrastrukturminister Robert Crumbach (SPD) kritisierte dementsprechend die heutige Entscheidung: "Ich bin ehrlich gesagt entsetzt und enttäuscht über diese Entscheidung", sagte er. Es werde seit über 20 Jahren über Wettbewerb auf der Schiene geredet und man wisse inzwischen, dass Wettbewerb nicht automatisch ein besseres Angebot bedeute. "Wenn klare Vorgaben fehlen, wird aus Wettbewerb schnell Rosinenpickerei", so Crumbach. Die lukrativen Metropolenachsen würden weiter ausgebaut, während die Regionen in der Fläche das Nachsehen haben. Hintergrund ist, dass längere Verbindungen für Schnellzüge der DB InfraGo höhere Einnahmen bringen.
Crumbach: Quersubventionierung entfalle
Für Brandenburg befürchte Crumbach: weniger Halte, schlechtere Anschlüsse,
dünnere Takte – gerade dort, wo Menschen auf die Bahn angewiesen sind. "Erst muss die Infrastruktur stabil und leistungsfähig gemacht werden. Dann können wir über zusätzlichen Wettbewerb reden." In einer Stellungnahme Brandenburgs hieß es vorab: "Ein zentrales Problem besteht darin, dass sich der Fernverkehr künftig verstärkt auf wirtschaftlich attraktive Strecken und Trassen fokussieren dürfte." Die bisherige Quersubventionierung schwach ausgelasteter Fernverkehrsverbindungen durch Einnahmen aus lukrativen Strecken entfalle dadurch. Deswegen sei die Gefahr einer Verdrängung konkret.
Hintergrund der Entscheidung der Netzagentur sind die Pläne von Italo. Der private Betreiber von Hochgeschwindigkeitszügen will ab April 2028 auch in den deutschen Fernverkehr einsteigen.
Italo fordert langfristige Verträge
Das Vorhaben hängt maßgeblich davon ab, welchen Zugang die Italiener zum bereits jetzt überlasteten Netz in Deutschland erhalten. Über die Trassenzugänge entscheidet die DB Infra Go, die wiederum unter der Aufsicht der Netzagentur steht. Italo fordert wegen Investitionen von rund 3,6 Milliarden Euro langfristige Perspektiven - konkret Rahmenverträge für bis zu 15 Jahre. Dazu dürfte es aber bis 2031 nicht kommen.
Strecken in Deutschland, die Bahnunternehmen Italo ab 2028 bedienen will (Quelle: Map Tiler / OpenStreetMap)
Sendung: rbb24 Inforadio, 17.07.2026, 12:20 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 17.07.2026, Jonas Ziegler
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