Jüngst wurde die sozial-ökologisch erbaute Waldsiedlung Unesco-Welterbe. Anwohner kritisieren kommerzielle Interessen des Eigentümers Vonovia.
Leuchtende Haustüren, blühende Vorgärten und viel Grün machen die zum Unesco-Welterbe erklärte Berliner »Papageiensiedlung« besonders.
Foto: dpa/Sebastian Gollnow
An einem warmen Montag Anfang August liegt die Zehlendorfer Waldsiedlung zwischen hohen Kiefern still und friedlich da. Nur wenige Menschen sind unterwegs – hier ein Handwerker, da ein Paketbote. Es gibt Fahrradwege, aber keine Radfahrer*innen und nur wenige Kinder. Die dreigeschossigen, blau, weiß, grün oder gelb gestrichenen Häuser sind rund 100 Jahre alt und haben jeweils eine Terrasse mit Garten. Die Hintergärten entlang schmaler Gassen sind geprägt von Sträuchern, Blumen, Obstbäumen und Spielgeräten. Viele sind durch hohe Hecken und blickdichte Zäune abgeschirmt. Die Tore sind verschlossen, Verbotsschilder machen klar: Man bleibt hier lieber unter sich.
Vergangene Woche wurde die »Papageiensiedlung« im Südwesten Berlins zum Unesco-Welterbe ernannt. Auf die Ernennung angesprochen, winkt ein älteres Paar mit Hund ab: Das seien sie schon oft gefragt worden. »Kann man sich angucken, muss man aber nicht«, sagt ein Mann, der gerade ein Päckchen abgeholt hat. »Ich glaube nicht, dass sich hier was ändern wird«, ergänzt er.
»Man kann ja sagen, man kann stolz sein«, sagt eine alte Dame trocken, »aber für mein Wohnen bedeutet das nichts«. Ob sie Angst vor einer Mieterhöhung habe? »Na, die hatte ich ja erst.« Aber an eine zusätzliche Mieterhöhung wegen der Ernennung zum Welterbe glaubt sie nicht, außerdem sei sie im Mieterverein. »Ich wohne gern hier«, sagt sie dann noch. Nur die jungen Leute täten ihr leid.
1995 wurde die Siedlung unter Ensembleschutz gestellt, nun erfolgte die Würdigung als Welterbe. Am 27. Juli feierten Patrick Steinhoff (CDU) und Christian Gaebler (SPD) die Entscheidung des Unesco-Komitees vor Ort. Anwohnerin Barbara von Boroviczeny kritisiert Gaeblers Aussage, Bewohner*innen seien beteiligt worden: »Wir Mieter*innen wurden im Grunde überall ausgespart.«
Von Boroviczeny ist derzeit eine gefragte Person. Die resolute ältere Dame ist nicht nur langjährige Bewohnerin der Waldsiedlung, sie ist auch Mitglied im Beirat des Berliner Mietervereins und Sprecherin der Mietergruppe Mieter*innen Südwest. Zwar würde Vonovia regelmäßig die Mieten erhöhen, das hätte jedoch mit dem Weltkulturerbe nichts zu tun. »Wir sind so sauer, weil hier ein Konzept geehrt wird, das heute als absolutes Gegenteil praktiziert wird«, sagt von Boroviczeny im Gespräch mit »nd«.
Erbaut wurden sozial gedachte Siedlungen wie die Zehlendorfer Waldsiedlung, auch Onkel Toms Hütte genannt, vom gemeinnützigen Wohnungsunternehmen Gehag. Bruno Taut entwickelte gemeinsam mit Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg ein bis heute wegweisendes Wohnquartier. Seine Bauten wurden auch durch ihre Naturnähe und soziale Ideale wie »Licht, Luft und Sonne« bekannt – ein Zitat, das Taut zugeschrieben wird und als prägend für diese Bauweise gilt. Zur Siedlung gehören rund 1100 Mietwohnungen und 800 Eigenheime, errichtet zwischen 1926 und 1932. Während der NS-Zeit waren die bunten Zeilenbauten und Reihenhäuser mit ihren flachen Dächern umstritten. Sie bekamen den zunächst geringschätzig gemeinten Spitznamen »Papageiensiedlung« verpasst und wurden von ansässigen Villenbesitzern und nationalkonservativen Architekten wie Paul Schmitthenner abgelehnt, der an der Straße Am Fischtal einen »nordischen« Gegenentwurf errichten ließ. Während Schmitthenner 1933 der NSDAP beitrat, musste Bruno Taut ins Exil flüchten.
»Dass Vonovia sich jetzt auf die hundertjährige Tradition beruft, das ist geradezu eine Satire – die sind genau fünf Jahre hier zugange und haben sich nur unbeliebt gemacht!«
Barbara von Boroviczeny Mieterin in der »Papageiensiedlung«
»Taut war eigentlich gegen Privateigentum an Grund und Boden«, sagt von Boroviczeny. »Er war human orientiert und nicht gewinnorientiert und hat auch nicht die Siedlung zu einem Wertobjekt bauen wollen.« Die Mieterin kennt die Siedlung seit 1959. »Damals waren das viele Altmieter, die da schon immer wohnten oder wieder zurückgekehrt sind; es waren kleine Angestellte, Beamte, also keine sehr wohlhabenden Leute. Das nähere Umfeld bei meiner Mutter waren alles Normalverdiener beziehungsweise eher unteres Level.« Das habe sich »radikal geändert durch die vielen Verkäufe«. Die Gehag wurde 1998 zum ersten Mal verkauft und ging 2007 an Deutsche Wohnen.
Deutsche Wohnen wiederum wurde 2021 vom Immobilienkonzern Vonovia übernommen, dem damit der Großteil der rund 1100 Wohnungen in den Mehrgeschosshäusern der Siedlung gehört. Mit einem Bestand von über 530 000 Wohnungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Vonovia mit einer »Marktkapitalisierung« von rund 45 Milliarden Euro und einem Immobilienwert von rund 90 Milliarden Euro das größte private Wohnungsunternehmen des Kontinents.
Das Geschäftsmodell von Vonovia steht immer wieder in der Kritik. Der Wohnungskonzern habe »es geschafft, sich bei den Mieter*innen mit überzogenen Mieterhöhungen, horrenden Nebenkostenforderungen, verschleppten Instandsetzungen, teuren Modernisierungen und schlechtem Service unbeliebt zu machen«, fasste der Mieterverein zusammen. »Gegenüber der Politik hat das Wohnungsunternehmen seine Versprechen reihenweise gebrochen, Steuern vermeidet Vonovia, wo immer es geht, und mit all ihrem Tun lässt sie keinen Zweifel daran, dass ihr der Gewinn ihrer Aktionäre wichtiger ist als das Wohl der Allgemeinheit.«
Auch für von Boroviczeny ist der Hauptkritikpunkt »die reine Gewinnorientierung« des Unternehmens. Mieter*innen müssten für alles zahlen, was diese Gesellschaft erwirtschaftet. Sie hofft auf eine andere Art der Wohnungswirtschaft, etwa indem die Wohnungen von großen, profitorientierten Immobilienkonzernen in Berlin zu vergesellschaftet und so rund 220 000 Wohnungen in Gemeineigentum zu überführt werden. Die Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen ist gerade dabei, ein solches Vergesellschaftungsgesetz für Berlin als Volksbegehren einzubringen.
Vonovia ist seit der Ernennung der Waldsiedlung zum Welterbe im Besitz von fünf der sieben Welterbe-Siedlungen der Berliner Moderne. Das Unternehmen kann die Kritik der Mieter*innen nicht nachvollziehen. »Meine Kolleginnen und Kollegen kümmern sich vor Ort behutsam und professionell um die Gebäude ebenso wie um die Mieter*innen und das Zusammenleben«, sagt Vonovia-Sprecher Matthias Wulff zu »nd«.
Die Miethöhe werde gesetzlich geregelt, man halte sich an Mietspiegel und Mietpreisbremse, sagt Wulff. Die baulichen Maßnahmen als Voraussetzung für den Welterbestatus habe man selbst finanziert und nicht auf die Mieter*innen umgelegt. Über die Auszeichnung der Siedlung als Welterbe freut sich Vonovia. »Wir bedauern es, dass diese für alle Seiten positive Entscheidung nun von manchen einzelnen Akteuren zum Nörgeln und zur politischen Positionierung genutzt wird, mit leider verkürzten Vorwürfen und Unterstellungen«, sagt Wulff.
Ende August wollen Vonovia und das Landesdenkmalamt das hundertjährige Bestehen der Zehlendorfer Waldsiedlung mit einem Festival feiern. Für Barbara von Boroviczeny ein Witz: »Dass Vonovia sich jetzt auf die hundertjährige Tradition beruft, das ist geradezu eine Satire – die sind genau fünf Jahre hier zugange und haben sich nur unbeliebt gemacht!« Gut möglich, dass sie und ihre Mitstreiter*innen das Festival nutzen, um für eine Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen zu werben.
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