Ein Zaun und hohe Bußgelder verderben den Badespaß. Das Strandbad ist teuer, die Fischerpinte geschlossen. Dabei gibt es gute Ideen von Initiativen.
Andreas Hahn vom Verein Fischerpinte Plötzensee fordert, dass der seit Februar geschlossene Bootsverleih als Gastronomie- und Umweltbildungseinrichtung weitergeführt wird.
Foto: Louisa Theresa Braun
Die Sonne knallt auf den Plötzensee in Wedding. Bei fast 30 Grad tummeln sich an diesem Mittwochnachmittag Menschen im Wasser und am Ufer, sowohl vor als auch hinter dem 1,80 Meter hohen Zaun, der weite Teile des Ostufers umgibt. In einer kleinen schattigen Ecke des dortigen Steingartens hat die Linksfraktion der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Mitte ein rotes Lastenrad mit Parteiflagge und einen Klapptisch inklusive Flyern, Glückskeksen und Melonenscheiben aufgebaut.
Die Kundgebung »Plötzensee für Alle« spricht gezielt die vielen Menschen an, die auf dem schmalen Grünstreifen des Steingartens in Bikini oder Badehose in der Sonne liegen. Hier wird das Baden vom Ordnungsamt toleriert. Wenige Meter rechts und links des Steingartens weisen Schilder am Zaun darauf hin, dass es verboten ist – es drohen Bußgelder von rund 200 Euro. Dass, wie an den meisten heißen Tagen des Sommers, Wildbadende über den Zaun klettern und sich trotzdem ans unbefestigte Ufer legen, führt auf Dauer dazu, dass es abbricht und der See kippt.
»Hier werden zwei Themen gegeneinander ausgespielt: Naturschutz und soziale Kultur.«
Lara Böhland Linksfraktion der BVV Mitte
Natürlich sei der Umweltschutz wichtig und es werde zu wenig über die Folgen des Wildbadens aufgeklärt, sagt Lara Böhland zu »nd«, die für die Linksfraktion im Umwelt- und Naturausschuss der BVV sitzt. »Aber hier werden zwei Themen gegeneinander ausgespielt: Naturschutz und soziale Kultur«, sagt sie auf der Demo. Anwohner*innen sollten den See kostenlos nutzen dürfen. Die zehn Euro Eintritt für das gegenüberliegende Strandbad seien für viele Menschen, gerade für Familien mit Kindern, schlicht zu teuer.
Seit Jahren fordere Die Linke eine Lösung vom zuständigen Bezirksamt Mitte, sagt Denise Verch aus der BVV zu »nd«. Schon vor zwei Jahren brachte ihre Fraktion den Antrag ein, legale öffentliche Zugänge zum See zu schaffen. »Das wurde abgelehnt und stattdessen der Zaun immer weiter erhöht.« An diesem Mittwoch hätte es eigentlich einen Bürgerdialog geben sollen, der vom Bezirksamt jedoch kurzfristig auf den 21. September verschoben wurde – also auf einen Tag nach der Abgeordnetenhauswahl.
Auf nd-Anfrage begründet das Bezirksamt die Verschiebung mit den Sommerferien, die vielen Interessierten die Teilnahme erschwert hätte. Allerdings sei dann nicht nur der Wahlkampf, sondern auch die Badesaison vorbei, bedauert Verch. Obwohl Nachbarschaftsinitiativen schon seit Jahren gute Ideen einbringen. »Die liegen beim Bürgeramt auf dem Tisch und werden nicht weiter beachtet«, so Verch in ihrer Rede an die Menschen auf der Badewiese.
So schlägt die Initiative »Plötzensee für Alle« vor, als befestigte Zugänge zum Wasser mehrere Stege zu errichten. Das unbefestigte Ufer dazwischen könnte nach wie vor mit Zäunen geschützt werden. Er habe Christopher Schriner, den Bezirksstadtrat der Grünen von Mitte, schon mehrmals angeschrieben, um ihm den Vorschlag zu unterbreiten, berichtet Björn von der Initiative am Rande der Kundgebung dem »nd«. Nach und nach habe er auch anderen Bezirkspolitiker*innen geschrieben, aber außer von den Linken nie eine Antwort erhalten. »Ich werde einfach ignoriert. Ich finde das ein schwieriges Demokratieverständis«, sagt Björn.
Er wohne in Moabit, und der Plötzensee, in dem er seit 15 Jahren schwimmen geht, habe für ihn »eine Riesenbedeutung als Naherholungsgebiet«. Er findet: »Man kann den Leuten das Schwimmen nicht verbieten.« Und diejenigen, die die Umzäunung des Sees regelmäßig sabotieren, »halte ich für sehr engagiert«.
Das Bezirksamt schreibt zur Idee der Initiative: »Kostenfrei ist der Bau von Steganalagen im Landschaftsschutzgebiet leider nicht.« Auch Bezirksstadtrat Christopher Schriner halte die kostenlose Nutzung des Sees »für absolut richtig und wichtig, gerade in heißen Zeiten. Es sollte keine Frage des Geldbeutels sein, die entscheidet, ob man schwimmen oder sich abkühlen kann«. Allerdings könne das Bezirksamt offizielle Badestellen gar nicht selbstständig ausweisen. Dafür sei das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) zuständig. Böhland glaubt, dass der Steg durchaus eine machbare Lösung sei, die mit breiter Beteiligung der Bürger*innen umgesetzt werden sollte und zum Beispiel durch ein Fundraising finanziert werden könnte.
Der Zugang zum Wasser ist jedoch nicht das einzige Problem am Plötzensee. »Inzwischen sind hier viele Orte verwahrlost, wie die Fischerpinte und das Parkcafé Rehberge«, sagt Andreas Umgelter, Linke-Kandidat fürs Berliner Abgeordnetenhaus. Die Fischerpinte, ein Imbiss mit Bootsverleih, ist seit Februar geschlossen, weil der bisherige Pächter gestorben ist und niemand das Erbe angenommen hat. Zwar fahren an diesem Mittwoch einige Boote über den Plötzensee. »Aber die wurden offensichtlich nicht ausgeliehen, sondern entwendet«, sagt Andreas Hahn vom Verein Fischerpinte Plötzensee, der die Einrichtung gerne als Gastronomie- und Umweltbildungseinrichtung weiterbetreiben würde und dafür bereits eine Petition gestartet hat.
Ähnlich verhält es sich mit dem Parkcafé Rehberge: Dessen Pächter sei schon 2014 gestorben, berichtet Christel Björkman. Ihre Initiative Parkcafé Rehberge möchte die leerstehende Gaststätte gerne in einen selbstverwalteten Nachbarschaftsort umwandeln, hat dafür bereits ein Finanzierungskonzept vorgelegt und nutzt die Räumlichkeiten teilweise schon für Veranstaltungen wie Chor-Konzerte. Aber einen Pachtvertrag mit dem Bezirksamt abzuschließen, »ist wirklich der Horror«, sagt sie.
Zur Kundgebung gekommen ist auch Florian Heep, Mitarbeiter des Strandbads Plötzensee, allerdings sei er privat hier, erklärt er. Er habe selbst nicht immer fürs Schwimmen bezahlt, trotzdem rechtfertigt er den Preis des Freibads: 2019 sei es »als Drecksloch übernommen« worden, noch immer laufe es finanziell schlecht, über 100 Mitarbeitende müssten bezahlt werden. Inzwischen gebe es dort auch ein Biotop zum Erhalt von Fröschen, Insekten und Zauneidechsen. »Wir sind kein Kommerzverein«, beteuert er, aber das Bad müsse eben überleben.
Um die diversen Nutzungskonflikte rund um den Plötzensee schnellstmöglich lösen zu können, »müssen wir noch vor der Wahl Druck machen und auf die neue Legislatur mit neuen Mehrheiten hoffen«, sagt Verch.
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