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Flüchtlingstragödie: Ceuta rechnet mit dreistelligen Opferzahlen

Дата публикации: 03-08-2026 03:30:00

Spanien ist geschockt nach dem Migrantenansturm auf seine afrikanische Exklave. Ministerpräsident Sánchez fühlt sich von Europa alleingelassen, die Opposition wirft ihm eine Mitschuld vor. Nach einem kühlen Empfang kehren aber viele Migranten wieder um.

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Spanien ist geschockt nach dem Migrantenansturm auf seine afrikanische Exklave. Ministerpräsident Sánchez fühlt sich von Europa alleingelassen, die Opposition wirft ihm eine Mitschuld vor. Nach einem kühlen Empfang kehren aber viele Migranten wieder um.

Florian Haupt, Barcelona03.08.2026, 05.30 Uhr


Schuhe und Schwimmringe von Zehntausenden Migranten treiben vor dem Strand von El Tarajal. Aufnahme vom 31. Juli 2026.

Schuhe und Schwimmringe von Zehntausenden Migranten treiben vor dem Strand von El Tarajal. Aufnahme vom 31. Juli 2026.

Jon Nazca / Reuters

Das Ausmass der Flüchtlingstragödie um die spanische Exklave Ceuta wird immer dramatischer. Spaniens Regierung sprach am Sonntag von 72 Toten. Die lokalen Behörden gaben an, dass bereits 88 Leichen aus dem Wasser geborgen worden seien. Man rechnet mit noch Schlimmerem: Die Stadt hat inzwischen Kühlkammern für bis zu 200 Leichen improvisiert. Noch unbekannt ist zudem, wie viele Tote auf der marokkanischen Seite des Grenzwalls aus dem Meer gezogen wurden.

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Die Stimmung in Spanien schwankt zwischen Trauer, Schock und Zorn. König Felipe zeigte sich «indigniert» über den massiven Ansturm von bis zu 60 000 Menschen, die besonders am Donnerstag zu Wasser und zu Land aus Marokko die Grenze überwunden hatten. Die Opposition nutzte die Ausnahmesituation in der spanischen Stadt an der nordafrikanischen Küste zu Attacken auf die Regierung. Der Chef der oppositionellen Konservativen, Alberto Núñez Feijóo, warf Ministerpräsident Pedro Sánchez bei einem Besuch in Ceuta eine Mitschuld daran vor, dass Spanien «überfallen» worden sei.

Ruf nach europäischer Strafe für Marokko

Madrid hatte die Lage trotz wachsenden Alarmzeichen seit Wochenbeginn und anfangs sogar noch am Donnerstag unterschätzt. Innenminister Fernando Grande-Marlaska erklärte nun, die Geheimdienste hätten über keine Auffälligkeiten informiert. Zugleich sprach er das Nachbarland von jeder Mitschuld frei. «Marokko ist keine Bedrohung für Spanien. Es ist ein absolut vertrauenswürdiger Partner.»

Mit dieser Einschätzung steht die Regierung freilich ziemlich allein da im Land. Analysten quer durch alle Lager betonen, dass sich, zumal in einem autokratisch regierten Land wie Marokko, eine solche Masse kaum ohne Duldung des Regimes auf den Weg zur Grenze machen könne. Als Gründe der Permissivität werden Sánchez’ kürzlich erfolgter Besuch bei Marokkos Rivalen Algerien, eine Gesetzesinitiative des linken Koalitionspartners Sumar zur erleichterten Einbürgerung aus der von Marokko besetzten Westsahara oder sogar der Streit um die Austragung des Finals an der gemeinsam zu organisierenden Fussball-WM 2030 genannt.

«Die Munition, mit der Marokko gegen Spanien schiesst, ist seine eigene Bevölkerung», kommentiert die regierungsnahe Zeitung «El País». Santiago Abascal, Chef der rechtspopulistischen Vox-Partei, forderte am Sonntag in Ceuta, die Grenze «dauerhaft zu militarisieren» und so lange zu schliessen, «bis Marokko uns Garantien gibt, dass so etwas nicht wieder passiert». Von der EU verlangte Abascal, solange das Präferenzabkommen mit Marokko zu suspendieren.

Sánchez zeigte sich derweil enttäuscht über ein «egoistisches, spaltendes und rechtswidriges» Verhalten vieler EU-Länder, die Spanien mit dem Flüchtlingsandrang alleingelassen hätten. Vorwürfe einer zu laxen Politik Spaniens, das kürzlich den Status Hunderttausender Einwanderer – vor allem aus Lateinamerika – legalisiert hatte, wies Sánchez mit Zahlen der EU-Grenzagentur Frontex zurück. Danach gelangten in den vergangenen fünf Jahren weniger als halb so viele illegal einreisende Migranten über Spanien (234 760) wie über Italien (478 600) in die EU.

Kein Trinken, Essen oder Strom für Migranten

Die Flüchtlinge, die vergangene Woche nach Ceuta kamen, nahmen für den Traum von Europa teilweise eine riskante, kilometerlange Schwimmstrecke in Kauf. Andere fanden nach Vermutungen der spanischen Behörden den Tod, als sie in der dichten Menschenmasse am Donnerstag ins Meer gestossen wurden. Ein grosser Teil der Todesopfer seien noch Teenager, fast alle männlich.

Überlebende bestätigten in zahlreichen Interviews, dass in Marokkos sozialen Netzwerken das Gerücht kursiert habe, Spanien stehe offen. Ein neues Gerichtsurteil ermögliche Schwimmern die legale Ankunft in einem Land, dessen Regierung derzeit Aufenthaltsgenehmigungen ausstelle, habe es geheissen. Die Bilder seit Donnerstagmorgen von jubelnden Menschen beim Übertritt taten offenbar ihr Übriges.

Doch die Annahmen konnten falscher kaum sein. Die Legalisierung gilt nur für Einwanderer vor dem 1. Januar 2026. Das Urteil des Obersten Gerichtshofs untersagte nur die sofortige Zurückweisung der Migranten, nicht jedoch die Ausschaffung nach einem Expressverfahren. Und ohnehin garantiert eine Ankunft in Ceuta noch nicht eine Weiterreise nach Spanien. Die Stadt hat einen Sonderstatus und gehört nicht zum Schengen-Raum. Zur Weiterreise auf die Mutterhalbinsel vom Hafen in Ceuta gelten ähnlich strikte Beschränkungen wie zum Übertreten der Grenze.

Konfrontiert mit der Wirklichkeit, zeigten sich die Menschen tief frustriert. Die Einwohner verrammelten alle Häuser und Geschäfte, es gab für die Migranten nichts zu trinken, nichts zu essen und keinen Strom zum Aufladen der Handys. Relativ schnell gelang es Polizei und Militär so, die grosse Mehrheit zurück über die Grenze nach Marokko zu geleiten. Am Wochenende machten die ersten Läden wieder auf, im Meer schreckt jetzt eine 500 Meter lange Schlauchbarriere vom Grenzübertritt ab. Daneben tauchen Polizisten weiter nach Leichen.

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