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Nach Massenansturm auf Ceuta: „Das übertrifft alles, was ich bisher erlebt habe“

Дата публикации: 13-08-2026 03:30:00

Zwei Wochen nachdem 80.000 Menschen in die spanische Exklave geschwommen sind, bleibt Ceuta im Krisenmodus. Tausende Migranten sind geblieben – und die Helfer fühlen sich von Madrid im Stich gelassen.

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Halima Ahmed bräuchte in diesen Tagen zehn Hände – und selbst dann käme sie der Arbeit kaum hinterher. Im Büro der NGO Luna Blanca in Ceuta huscht die Sozialarbeiterin zwischen Freiwilligen hindurch, gibt Anweisungen, telefoniert mit Lieferanten und Nachbarn gleichzeitig. Kaum ist ein Problem gelöst, steht das nächste vor ihr. Draußen wartet ein marokkanisches Mädchen mit Fieber, ruft ihr eine Mitarbeiterin zu. Eine Frau liege mit Schmerzen am Boden. Halima bringt sie in die Notaufnahme. 

Zurück im Büro bei der Sidi-Embarek-Moschee lässt sie sich erschöpft auf ihren Stuhl fallen. „Was wollte ich eigentlich machen?“, fragt sie. Ach ja, die Journalistin.

Halima Ahmed von Luna Blanca.

Halima Ahmed von Luna Blanca.

Seit 40 Jahren versorgt die muslimische Hilfsorganisation bereits Bedürftige in der spanischen Exklave in Nordafrika. Was sich derzeit in Ceuta abspielt, „übertrifft aber alles, was ich bisher erlebt habe“, sagt Halima zum KURIER.

Tausende sind geblieben

Ende Juli sind innerhalb weniger Stunden Zehntausende Migranten – inzwischen ist von 80.000 die Rede – von Marokko in die autonome Stadt geschwommen. Die allermeisten Menschen sind inzwischen zurückgekehrt oder abgeschoben worden, betont die Zentralregierung in Madrid. Tausende jedoch sind geblieben, irren noch immer in den Straßen umher. Schätzungen reichen von 8.000 bis 15.000. Elend und Notdürftigkeit begegnen einem an jeder Straßenecke.

Luna Blanca versorgt inzwischen bis zu 5.000 Migranten pro Tag. Auffällig sei die große Zahl an Frauen, Mädchen und Familien, sagt Halima. Weil die Ankunftszentren schon zuvor heillos überfüllt waren, wurden Sporthallen und Fußballplätze zu Notunterkünften, um ihnen Schutz zu bieten. „Es gab viele Fälle von sexuellem Missbrauch.“

SPAIN-MOROCCO-MIGRATION-CEUTA

Luna Blanca versorgt inzwischen bis zu 5.000 Menschen pro Tag. 

Gestemmt wird die Hilfe vor allem von den Bewohnern Ceutas: Vor Sabah Hameds Haus im muslimischen Viertel El Príncipe hat sich gegen Mittag eine lange Schlange gebildet. Schon während der Migrationskrise 2021 öffnete die Unternehmerin ihre Tür für Ankömmlinge. Nun kocht sie wieder, verteilt Spenden und lässt Migranten bei sich duschen. Anfangs seien 200 Menschen am Tag gekommen, inzwischen bis zu 2.000. Eigentlich wollen sie und ihre Helferinnen nachts um ein Uhr Schluss machen. „Aber was machst du, wenn dich danach eine Schwangere fragt, ob es noch Essen gibt? Du kannst sie doch nicht wegschicken!“

Doch auch Sabah kommt, wie so viele andere in der Stadt, zunehmend an ihre Grenzen. Bis Samstag will sie noch weitermachen, sagt sie. Dann sei Schluss. Auch ihr Geschäft, vor dem Migranten campieren, müsse sie irgendwann wieder aufsperren. Hier im Barrio El Príncipe sind, anders als in der Altstadt, kaum Polizisten oder Soldaten zu sehen.

Abdellah Mustafa, Präsident des Nachbarschaftsvereins von Sidi Embarek.

Abdellah Mustafa, Präsident des Nachbarschaftsvereins von Sidi Embarek.

Fühlen sich im Stich gelassen

 „Wir machen die Arbeit, die eigentlich die Regierung machen sollte“, sagt Abdellah Mustafa, Präsident des Nachbarschaftsvereins von Sidi Embarek. Auf einem Sportplatz haben sie ein notdürftiges Lager für rund 350 Frauen und Mädchen errichtet. Eng gedrängt sitzen sie unter den Planen, die kaum Schutz vor der sengenden Sonne bieten. Sanitäranlagen gibt es keine, aber Anrainer bewachen die Tür. „Viele haben mir gesagt, dass es die erste Nacht ist, in der sie ruhig schlafen konnten,“ so Abdellah.

Viele, vor allem junge Männer, sind jedoch noch immer auf der Straße, in Parks, an den Stränden, in Unterschlüpfen aus Zweigen, Tüchern und Kartons. An der Playa El Trampolín warten an diesem Abend mehr als 2.000 Menschen auf ihre erste Mahlzeit des Tages. Musa, 17 Jahre alt und aus dem Sudan, hat sein Nachtlager abseits aufgeschlagen. „Ich möchte hier keine Probleme“, sagt er. Auch seine Reise nach Ceuta hat er alleine bestritten. Durch Ägypten, Libyen, Algerien und Marokko führte sie ihn. Musa berichtet von Krieg, Misshandlungen und Demütigungen. Auf spanischen Boden gelangte er schließlich mit Flossen und Schwimmhilfe über die Grenze bei Belyounech, drei Kilometer schwamm er durch das Meer. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich es schaffe“, sagt er leise. Über 140 Menschen, so schätzen NGOs, haben ihr Leben dabei verloren. 

In Spanien wollte sich Musa eine Zukunft aufbauen, in einem Restaurant oder in der Landwirtschaft arbeiten. Inzwischen zweifelt er. „Ich dachte ehrlich gesagt, dass die Situation hier besser wäre. Vielleicht gehe ich zurück.“ Andere junge Männer, mit denen der KURIER gesprochen hat, wollen den Traum von Europa nicht aufgeben. Wenn nicht in Spanien, dann in Frankreich oder Deutschland, sagt eine Gruppe junger Marokkaner am Strand. In ihrer Heimat hätten sie keine Zukunft.

Spain's Ceuta crisis following border rush from Morocco

Auf der Playa El Trampolín übernachten viele Migranten.

Debatte um Minderjährige

Wie es für sie weitergeht, ist offen. Marokko hat sich mittlerweile öffentlich bereit erklär, die Rückkehr unbegleiteter Minderjähriger zu unterstützen. Jeder Fall müsse aber individuell geprüft werden, betont Ángel Madero von der Organisation Sur Acoge in seinem Büro beim Hafen von Ceuta. Um wie viele Fälle es geht, ist noch unklar. 1.400 Minderjährige sind bislang offiziell registriert, bei einer Zählung der Nachbarn von El Príncipe seien rund 5.000 erfasst worden. Musa gehört bislang zu keiner offiziellen Statistik.

Ist Ceuta mit ihrer Unterbringung überfordert, sieht das spanische Recht vor, Minderjährige auf andere autonome Gemeinschaften zu verteilen. Das hat einen politischen Streit entfacht, vor allem in Regionen, in denen die Rechtsaußen-Partei Vox und die konservative PP regieren. „Es wird Politik mit Kindern gemacht“, beklagt Madero. Auch die regierenden Sozialisten von Premier Pedro Sánchez würden die Situation instrumentalisieren, sagt der Politologe Enrique Ávila. Madrid betone gerne, dass die meisten Migranten Ceuta schnell wieder verlassen hätten. „Das ist nicht dank ihrer Maßnahmen passiert“, sagt Ávila. „Sondern weil die Stadt alles dicht gemacht hat.“

Mit jedem Tag wachsen in Ceuta Erschöpfung und Frustration. „Alle fragen sich, warum die Regierung darauf nicht vorbereitet war“, sagt Halima von Luna Blanca. Groß ist die Sorge, dass sich die Situation wiederholen könnte. In sozialen Netzwerken wurde zu einem erneuten Massengrenzübertritt am 15. August aufgerufen. Marokko habe diesmal offenbar Sicherheitsmaßnahmen getroffen, sagt Ávila, der lange als Soldat in Ceuta war. Auch Spanien reagiert: Das Verteidigungsministerium hat Urlaubssperren für in der Exklave stationierte Militärangehörige verhängt.

Doch die Ungewissheit bleibt. „Wir fühlen uns in unserer eigenen Stadt nicht sicher“, sagt Halima. Nachts könne sie kaum schlafen. Aus Angst, dass Konflikte eskalieren, dass ihrem Sohn etwas zustößt. Oder weil sich das Gedankenkarussell weiterdreht: die Menschen, die noch versorgt werden müssen, die Mädchen auf den Straßen – und alle Probleme, die am nächsten Morgen wieder auf sie warten.

kurier.at, ek  |  13.08.2026, 5:30

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