Der blitzartige und massenhafte Zustrom von rund 50.000 Migranten in Ceuta hat die Einwohner vor eine harte Probe gestellt. Nun sind viele der meist aus Marokko stammenden Menschen wieder weg, die Lage entspannt sich. Trotzdem hat die Exklave weiter ein Migrantenproblem.
Der blitzartige und massenhafte Zustrom von rund 50.000 Migranten in Ceuta hat die Einwohner vor eine harte Probe gestellt. Nun sind viele der meist aus Marokko stammenden Menschen wieder weg, die Lage entspannt sich. Trotzdem hat die Exklave weiter ein Migrantenproblem.
Die überwiegende Mehrheit der rund 50.000 Migranten, die vergangene Woche die spanische Enklave Ceuta gestürmt haben, ist schon nach wenigen Tagen von Polizei und Militär wieder nach Marokko zurückgebracht worden. Und doch reicht eine einzige Frage, um die Wut eines Bürgers zum Vorschein zu bringen. Der Mann ist sauer über das Chaos am Ende der vergangenen Woche.
„Das ist alles nur die Schuld von Premier Sanchez, diesem Gauner, ein Stück Sch....“, brüllt ein Kiosk-Besitzer am Hafen der spanischen Exklave in den Morgen hinaus, als ihn der Reporter fragt, wer denn aus seiner Sicht verantwortlich für diese Geschehnisse sei.
Der etwa siebzigjährige, kleinwüchsige Mann kriegt sich gar nicht mehr ein. Er schimpft lautstark über angebliche „Korruption“ und „Vetternwirtschaft“ in Madrid. Er wettert, die Regierung auf dem Festland habe die autonome Stadt an der marokkanischen Küste allein gelassen und die Migranten hätten „Angst und Schrecken“ verbreitet und „sogar Überfälle“ verübt.
Eine Gruppe von zehn Männern und einer Frau, die in einem Neubauviertel oberhalb des Hafens wohnt, ist weitaus entspannter. Sie genießen den Sonntagnachmittag in kurzen Hosen und T-Shirts auf der Veranda eines kleinen Ladens, von dessen Wellblechdach rot-weiße Lampions hängen. Sie essen Sandwiches, dazu gibt es Bier und Cola.
„Alle von uns hier sind entweder Soldaten oder Polizisten“, sagt Mohamed, ein Spanier mit marokkanischen Wurzeln, der seinen richtigen Namen nicht nennen will. Er selbst sei Soldat und dürfe sich zu politischen Themen und Sicherheitsfragen offiziell nicht äußern. „Ich halte diese Geschichten von marodierenden Migranten für völligen Unsinn. Der Premierminister ist aus unserer Sicht eher das Opfer dieser Katastrophe. Uns ist auch nichts von irgendwelchen Überfällen durch Migranten bekannt“, sagt er.
Allerdings sind sowohl ein Einbruchversuch von Migranten in eine Wohnung in Ceuta als auch Übergriffe von Einwohnern auf Migranten per Video dokumentiert. Das Material scheint echt zu sein und wurde von lokalen Medien vor Ort bestätigt.
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Natürlich, schiebt Mohamed hinterher, sei die Lage am Donnerstag und Freitag außer Kontrolle geraten. „Die waren auch hier oben bei uns, überall, es war wirklich der Wahnsinn. 50.000 Menschen – das ist mehr als die Hälfte der 83.000 Einwohner von Ceuta. Das hält keine Stadt aus.“ Da sei die öffentliche Ordnung fast zusammengebrochen.
Doch dies den jungen Marokkanern vorzuwerfen, sei „nicht fair“, finden er und seine Freunde, deren Wurzeln sowohl in Spanien als auch in Marokko liegen. „Man hat ihnen falsche Infos über eine angeblich offene Grenze gegeben. Sie hätten ohnehin nicht hierbleiben wollen, sondern wären weiter aufs europäische Festland gefahren.“ Die meisten von ihnen seien bestimmt gute Menschen. „Und alle hatten Hunger und Durst. Wir haben daher geholfen, wo und wie wir konnten. Dann mussten sie wieder zurück.“
Angst um die eigene Sicherheit hätte in Ceuta jedoch niemand haben müssen, da ist sich die Gruppe um Mohamed einig. „Sie sind ja auch fast alle wieder zurück, ohne großes Theater zu machen“, ergänzt der Soldat. Und die brennenden Autos und randalierenden Menschen, die habe es auf der anderen Seite der Grenze in Marokko gegeben, „nicht aber hier bei uns in Ceuta“.
Der 50-Jährige und seine Kumpel sind sich sicher, dass diese „Invasion“ von Migranten einen politischen Hintergrund auf hoher Ebene habe. „Wenn dem marokkanischen König etwas an Spaniens Verhalten in Bezug auf sein Land nicht passt, dann macht er einfach die Grenze auf. Das ist nicht das erste Mal so gewesen, und es wird auch nicht das letzte Mal sein.“
Dann bietet Mohamed dem Reporter spontan an, eine kleine Rundfahrt durch die Stadt zu machen. Denn in Bezug auf die große Menschenmasse aus Marokko sei die Lage zwar weitgehend unter Kontrolle. Doch ein Migrantenproblem habe Ceuta immer noch, sagt zumindest Mohamed.
Es geht vorbei an zwei Parkanlagen. „Die waren gestern noch total vermüllt, heute sind sie wieder sauber und hübsch“, sagt der Soldat. Am Strand von Ceuta sind zum ersten Mal nach den Chaos-Tagen wieder Sonnenschirme und Badegäste zu sehen. „Bis vor Kurzem war er noch voll von Migranten, voll mit Bergen von Müll. Jetzt sieht wieder alles so aus wie früher.“
Mohamed steuert seinen Wagen direkt zum Grenzübergang Tarajal, wo die Löcher in den Zäunen inzwischen geflickt sind und wieder ganz normaler Grenzverkehr zu herrschen scheint – auf beiden Seiten. Anschließend geht es vorbei am Barrio El Principe, „dem kriminellsten Wohnviertel in ganz Spanien, voll mit Delinquenten aus Ceuta und dem Ausland“.
Auf der Autofahrt sieht man immer wieder Gruppen von etwa 20 jungen, offenbar vor allem marokkanischen Migranten, die von Soldaten zu Fuß zum Grenzübergang am Tarajal begleitet werden.
Aber: Inoffiziellen Polizeiangaben aus Ceuta zufolge sollen sich noch immer mehrere Tausend Migranten illegal in den Bergen, Wäldern und in einigen abgelegenen Wohngegenden aufhalten – ganz im Gegensatz zu dem, was politische Amtsträger auf dem Festland behaupten. In Madrid hieß es bereits am Freitag, dass 48.000 von den 50.000, die innerhalb von zwei Tagen aus Marokko nach Ceuta geströmt waren, wieder zurückgekehrt seien. Der Präsident der autonomen Stadt hatte hingegen von rund 60.000 gesprochen, die gekommen seien. Wie viele sich aber wirklich noch in Ceuta aufhalten, ist unklar.
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Ganz offen lebt eine weitere Gruppe von Migranten in Ceuta. Als Mohamed schließlich links auf die Strandpromenade abbiegt, wirkt es, als befände man sich plötzlich in einem Land im Süden Afrikas.
Der Strand und das angrenzende Waldstück im Küstengebirge sind von Hunderten Menschen bevölkert, die laut Mohamed aus dem subsaharischen Raum stammen. „Es sollen mittlerweile mehr als 1000 hier draußen sein, plus weitere 600 bis 700 im Erstaufnahmezentrum Ceti, das dort oben im Wald liegt. Sie sind gemeinsam mit den Marokkanern nach Ceuta gekommen, vor einer Woche waren die noch nicht hier“, sagt Mohamed.
Im Gegensatz zu den Marokkanern, die aus einem sicheren Herkunftsland stammen, können diese Migranten jedoch nicht so schnell zurückgeschickt werden. Allerdings würden sie voraussichtlich auch nicht lange bleiben, sagt der 50-Jährige. „Sie werden von diesem Asylaufnahmezentrum so schnell wie möglich auf das spanische Festland verteilt – nach Bilbao, Barcelona oder Sevilla.“ Dort werde dann entschieden, ob sie bleiben dürften oder nicht.
Und Mohamed weiß auch, dass Ceuta zwar die chaotischen Tage nach dem Ansturm aus Marokko überstanden hat. Doch er lebt schon lange in der Enklave, deshalb sagt er: „Wir wissen aus Erfahrung, dass diese Episode nicht die letzte gewesen sein wird.“