Susan Sontag in Berlin, Meisterzeichnungen von Marc Brandenburg und Erwin Olafs Porträtfotografien seiner Musen: Das Angebot zu queerer Kunst ist groß in Berlin. Das sind unsere Empfehlungen.
Wenn die CSD-Demo am Samstag um 13 Uhr das Kulturforum erreicht, warten schon die nächsten euphorisierten Teilnehmer darauf, sich einzureihen. Ab 12 Uhr bringt auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie – unter der Rainbow Flag des US-amerikanischen Künstlers und LGBT-Aktivisten Gilbert Baker – Roi Perez, Resident-DJ der Panorama Bar, die Leute in Stimmung.
Kunst queerer Künstler:innen und zu queeren Themen meint in letzter Konsequenz immer die Freiheit von uns allen, wie unsere Auswahl an Ausstellungen zum Thema zeigt.
1 Verzaubert – proud to be proud
© Courtesy Florian Hetz & Semjon Contemporary
„Verzaubert“ wurde besonders in den Wirtschaftswunderjahren als Synonym für die Liebe unter Männern genutzt, bevor der Kampf um Anerkennung, Straffreiheit und gleiche Bürgerrechte den negativ besetzten Begriff „schwul“ ins Gegenteil verkehrte.
Wenn Galerist Semjon H. N. Semjon seine Ausstellung zur Pride Week so betitelt, mahnt er einerseits vor einem Trend der Rückwärtsgewandtheit. Andererseits wendet er den Begriff positiv auf eine durch die Kunst transformierte Realität an, wie in den Werken von Florian Hetz (Abb.), der die sich durch Dating-Apps entwickelte neue Form sexueller Porträts und Selbstporträts aufgreift, mit ihrer (Selbst)Objektivierung und Fragmentierung.
Die Ausstellung zeigt außerdem Werke von Pancho Assoluto (Header-Bild oben: Carlos, 2025), Rick Castro, Andreas Fux, Norbert Heuler, Jan-Holger Mauss, Male Shibari, Thomas Synnamon, Stefan Thiel und Elmar Vestner.
2 Queere Kunst in der DDR?
© Andreas Fux und KVOST, Berlin
Die Biografien und Werke der queeren Künstler:innen Toni Ebel, Andreas Fux, Jochen Hass, Erika Stürmer-Alex, Dorothea von Philipsborn, Rita „Tommy“ Thomas, Egon Wrobel und Jürgen Wittdorf erzählen von Anpassung und Widerstand, von Sichtbarkeit und Verbergen, von Selbstbehauptung und Verletzlichkeit in der DDR.

© Sammlung Schwules Museum und KVOST, Berlin
Im Mitte Museum ist der letzte noch laufende Teil der Ausstellungskooperation mit KVOST, dem Werkbundarchiv und der NgbK. Eine ausführliche Ausstellungsbesprechung dazu finden Sie hier, im dazu erschienen Katalog (Distanz-Verlag, 38 Euro) lässt sich noch einmal alles zu den spannenden Biografien zwischen Underground und Propaganda in Ruhe nachlesen.
3 Rinaldo Hopf – A Watercolored Summer
© Rinaldo Hopf, Courtesy Tom of Finland Foundation & The Ballery, Berlin, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
Der Künstler, Fotograf und Kurator Rinaldo Hopf ist der Galerie The Ballery seit 2014 eng verbunden, auch als Nachbar und Freund. Seine aktuelle Soloschau „A Watercoloured Summer“ zeigt sowohl neue Werke, aber auch Aquarelle aus dem Archiv, die bis in die 1980er Jahre zurückdatieren und teils noch nie zu sehen waren.
Spontan, unmittelbar, selbstbewusst, vor Farben strotzend, finden sich in den älteren Arbeiten aber auch Spuren der Angst – und der Freude, am Leben zu sein.
4 Marc Brandenburg: 20th Century Debris
© © Marc Brandenburg, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Foto: CHROMA, André Carvalho
Der Zeichner Marc Brandenburg ist eine Urfigur der queeren Clubszene West-Berlins und zählt international zu den wichtigsten Zeichner:innen der Gegenwart. In seinen detaillierten Bleistiftzeichnungen transformiert er Fotografien beispielsweise durch Invertierung in eine abstrahierte Darstellung der Wirklichkeit.
Seit 2012 gestaltet Brandenburg auch Editionen temporärer Tattoos auf Grundlage seiner Zeichnungen. Über die Jahre entstanden mehr als zehn solcher Editionen, so zum Beispiel für das zehnte Jubiläum des Berghains. Am Freitag, 26.6., 17–22 Uhr findet die erste Ausgabe des Partyformats „Brandenboogie“ statt, bei dem Marc Brandenburg auflegt und die Besucher:innen sich mit seiner neuen Tattoo-Edition zu einer lebenden Leinwand verwandeln können.
5 Erwin Olaf: Muses
© Erwin Olaf
Der wichtige niederländische Fotograf Erwin Olaf (1959-2023) war ein Pionier queerer Sichtbarkeit und gab in den 1970er- und 80er-Jahren denjenigen ein Gesicht, deren Bild weitgehend von der Öffentlichkeit ausgeschlossen war. In Zeiten von HIV-Stigmatisierung und konservativer Moral entwarf er ein neues queeres Selbstbild – selbstbewusst, sinnlich, melancholisch und politisch.

© Erwin Olaf / Courtesy Galerie Ron Mandos – Amsterdam
Auch sich selbst hat Erwin Olaf regelmäßig fotografisch in Szene gesetzt. Seine Selbstporträts sind Reflexionen über Alter, Sexualität, Krankheit und Vergänglichkeit. Besonders eindrücklich sind jene Arbeiten, die Erwin Olaf nach seiner Lungenerkrankung schuf: schonungslos und fragil.
6 Umut Azad Akkel – Holding My Drink in the Corner
© Umut Azad Akkel, Foto: Göran Gnaudschun
Die Installation „The Path“ (2021/26), bestehend aus Bauzäunen, metallenen Treppenelementen und Absperrband erinnert zunächst an die ewigwährenden Baustellen deutscher Großstädte. Tatsächlich ließ sich Umut Azad Akkel einerseits von Straßenszenen in Istanbul, andererseits von den verworrenen, perspektivisch unmöglichen Konstruktionen M.C. Eschers inspirieren.
„Der Weg“ ist also alles andere als geradlinig – die Desorientierung, das Verwirrende stehen für die Spannungen queerer Migrationserfahrungen. Wie bewegt man* sich durch den urbanen Raum, der ein neues „Zuhause“ werden soll, der gleichzeitig befreiend und befremdend sein kann?
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Die dazugehörige, von Ozan Ünlükoç kuratierte Ausstellung „Holding my Drink in the Corner“ spinnt die Idee des Labyrinths zwischen Inklusion, Ausgrenzung und Orientierungsversuchen weiter, und spricht so über die unsichtbaren Regeln, die Räume prägen und so Menschen, die nicht „eingeweiht“ sind, ungleich machen.
„Die Ecke“ wird zum Zufluchtsort. Mit dem Drink in der Hand, möglichst unauffällig, lässt sich dort jede Situation überstehen. Die Frage ist nur, wer ,aufgrund unsichtbarer Ausschlussmechanismen, meist dorthin verbannt wird. (aba)
7 Time Machine Infinitum – Queeres migrantisches Berlin
© Noam Gorbat, Omar Nicolas, Sama Ahmadi / Stadtmuseum Berlin
Noam Gorbat, Omar Nicolas und Sama AhmadiIn widmen sich in mehreren Videos der Sichtbarkeit queerer BIPoC (Black, Indigenous, People of Colour) in Berlin. Sie schlagen einen Bogen von der queer-migrantischen Geschichte der 1920er Jahre, über das queere jüdische Leben vor dem Zweiten Weltkrieg, politische Kämpfe des Vereins „ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland“ in den 1980er Jahren oder des „OYA-Kollektivs“ heute, bis hin zu Visionen der jugendlichen Ballroom-Szene für ein queeres Berlin der Zukunft.
8 Susan Sontag – Sehen und gesehen werden
© Ekko von Schwichow
In vielen lesbisch-feministischen WGs hingen ikonische Aufnahmen von Susan Sontag an Wänden, auf denen sie wie ein Filmstar wirkte. Sontag war ein flamboyantes, freigeistiges, manchmal schwieriges und widersprüchliches Vorbild.
Susan Sontag kam früh in Kontakt mit der queeren Szene, liebte und lebte mit Frauen, outete sich jedoch nie. Als sie Ende der 1980er Jahre Zeugin der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Aids-kranken Menschen – auch in ihrem Freundeskreis – wurde, schrieb sie mit „AIDS and its Metaphors“ (1989) einen wichtigen Text zu Fragen von Stigmatisierung, Eigenverantwortung, Aktivismus und Solidarität.
Was bedeutet uns Susan Sontag heute? Welche Relevanz hat sie in der queeren Kulturgeschichte? Das Schwule Museum übernimmt die Ausstellung „Susan Sontag: Sehen und gesehen werden“ aus der Bundeskunsthalle Bonn und erweitert sie, u.a. um eine Spurensuche von Susan Sontag in Berlin.
Eine ausführliche Ausstellungsbesprechung finden Sie hier. Weitere Ausstellungen des Schwulen Museums beschäftigen sich mit queeren Erfahrungen in christlich-fundamentalistischen Kontexten („Lieber glücklich als normal!“) und queerem Leben auf dem Land („Cruising the Countryside“).
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