Dyson investiert Milliarden in neue Technologien und denkt längst über Staubsauger hinaus. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie sich der Konzern neu erfindet.
Wo früher Strom erzeugt wurde, entstehen heute Innovationen: der Eingang zur Dyson-Zentrale in Singapur.
Foto: Charlotte Bauer / COMPUTER BILD
Dyson investiert Milliarden in neue Technologien und denkt längst über Staubsauger hinaus. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie sich der Konzern neu erfindet.
Ein gescheitertes Elektroauto im Foyer einer Staubsaugerfirma wirkt zunächst fehl am Platz. Tatsächlich erzählt der futuristische Prototyp die Geschichte von Dyson besser als jedes Firmenleitbild.
Das Unternehmen investierte Milliarden in die Entwicklung eines eigenen Elektroautos, plante eine Fabrik in Singapur und wollte in einen der härtesten Technologiemärkte der Welt vorstoßen. Am Ende wurde das Projekt eingestellt. Heute steht das Fahrzeug im Foyer der Firmenzentrale – und erzählt von einem Unternehmen, das seine Zukunft längst nicht mehr allein in
Staubsaugernsieht. Gleichzeitig macht das Projekt deutlich: Selbst milliardenschwere Investitionen und technologische Expertise garantieren keinen Markterfolg.
Wie ernst es Dyson mit diesem Wandel meint, zeigt sich in Singapur. Erstmals öffnete das Unternehmen ausgewählten Journalisten die Türen seiner Entwicklungszentren. COMPUTER BILD war vor Ort und bekam Einblicke in eine Welt, die normalerweise hinter verschlossenen Türen bleibt.
Schon der Standort erzählt viel über das Selbstverständnis des Unternehmens. Dyson residiert heute in der St James Power Station, einem fast 100 Jahre alten ehemaligen Kohlekraftwerk am Hafen von Singapur. Wo einst Turbinen Strom erzeugten und später einer der größten Nachtclub-Komplexe Asiens untergebracht war, arbeiten heute Ingenieure, Designer und Softwareentwickler an neuen Technologien.

Vom Kohlekraftwerk zur Hightech-Zentrale: Die St James Power Station in Singapur ist heute das Zentrum von Dysons Entwicklung.
Foto: Charlotte Bauer / COMPUTER BILD
Schon beim Betreten der Eingangshalle fällt der Blick unweigerlich nach oben. Die historischen Stahlträger des ehemaligen Kraftwerks überspannen riesige offene Flächen. Wo früher Turbinen standen, dominieren heute Glasfronten, moderne Arbeitsbereiche und Ausstellungsflächen. Der Eindruck erinnert eher an einen Technologiecampus als an die Zentrale eines Herstellers von Staubsaugern und
Luftreinigern.
Der Umzug nach Singapur markierte einen wichtigen Wendepunkt. Offiziell begründete Dyson die Verlagerung des Hauptsitzes mit der Nähe zu wichtigen asiatischen Märkten sowie Forschungs- und Entwicklungsstandorten. Tatsächlich gilt die Region seit Jahren als zentraler Produktions- und Innovationsstandort für viele Elektronikhersteller. Für Dyson ist der Standort vor allem ein strategischer Hebel: Geschwindigkeit in der Entwicklung.
Wie wichtig dieser Nähe-Effekt für die Produktentwicklung ist, erklärt Nathan Lawson McLean, Senior Design Manager bei Dyson: Die Nähe zu Fertigungspartnern helfe, „den Produktentwicklungszyklus deutlich zu beschleunigen“.
Kritiker sahen darin jedoch einen Widerspruch zur öffentlichen Brexit-Unterstützung von Firmengründer James Dyson. Entsprechend kontrovers wurde die Entscheidung damals diskutiert.
Wie weit Dyson inzwischen über seine ursprünglichen Produktkategorien hinausdenkt, zeigt sich direkt im Eingangsbereich.
Zwischen historischen Staubsaugern und frühen Produktgenerationen steht der Prototyp des Dyson-Elektroautos. Das Projekt zählt zu den ambitioniertesten Vorhaben der Unternehmensgeschichte. Dyson investierte Milliarden in die Entwicklung eines eigenen Fahrzeugs und plante sogar eine Fabrik in Singapur.

Das Dyson-Auto im Foyer der Firmenzentrale: ein ambitioniertes Projekt, das den Wandel zum Technologieunternehmen sichtbar macht.
Foto: Charlotte Bauer / COMPUTER BILD
2019 wurde das Projekt eingestellt. Wirtschaftlich ließ sich das Fahrzeug nicht rentabel produzieren. Der Fall gilt heute als prominentes Beispiel dafür, wie riskant selbst große Innovationsprojekte in neuen Märkten sein können.
Dass der Prototyp heute offen im Foyer präsentiert wird, wirkt fast wie ein Statement. Dyson zeigt damit nicht nur seine Erfolge, sondern auch die Risiken einer Strategie, die stark auf Forschung und technologische Sprünge setzt.
Gleichzeitig verdeutlicht das Auto, wie sehr sich das Unternehmen verändert hat. Ein Hersteller, der bereit ist, Milliarden in Elektromobilität zu investieren, denkt längst nicht mehr in klassischen Haushaltsgeräten.
Der vielleicht größte Unterschied zum Dyson der Anfangsjahre zeigt sich in den Entwicklungszentren. Zu den eindrucksvollsten Stationen des Rundgangs gehört eine schallisolierte Messkammer. Nach wenigen Sekunden beginnt man automatisch leiser zu sprechen. Nach kurzer Zeit werden Geräusche hörbar, die im Alltag völlig untergehen: das eigene Atmen, das Rascheln der Kleidung und schließlich sogar der Herzschlag. Die Erfahrung wirkt zunächst faszinierend, dann zunehmend beklemmend.

In der schallisolierten Kammer testet Dyson die Geräuschentwicklung seiner Produkte – selbst leiseste Töne werden hier hörbar.
Foto: Charlotte Bauer / COMPUTER BILD
Genau hier untersucht Dyson die Geräuschentwicklung neuer Produkte. Die Kammer macht greifbar, wie viel Aufwand das Unternehmen selbst für Details betreibt, die viele Kunden später kaum bewusst wahrnehmen.
Dieser Aufwand endet nicht bei einzelnen Messungen. Auch die Haltbarkeit wird unter Extrembedingungen getestet. „Es gibt fast ein ganzes Meer an mechanischen Armen, die Produkte Treppen hinunterwerfen, gegen Wände schlagen, Reinigungsköpfe hoch- und runterklappen“, so Nathan Lawson McLean.
Parallel dazu setzt Dyson zunehmend auf digitale Werkzeuge. „Mehr denn je nutzen wir KI in unseren Simulationswerkzeugen – so können wir beispielsweise Luftströme durch unterschiedliche Haartypen modellieren und verschiedene Designs schnell prototypisieren“, sagt McLean. „Gleichzeitig sammeln wir über vernetzte Geräte reale Nutzungsdaten, die wir in digitalen Umgebungen weiterentwickeln und optimieren. So verdichten und beschleunigen wir den gesamten Designprozess.“
Solche Entwicklungen zeigen den hohen technologischen Anspruch – sie schlagen sich allerdings auch in den Preisen nieder: Dyson-Produkte gehören regelmäßig zu den teuersten in ihren jeweiligen Kategorien.
Wenige Räume weiter liegen Farbpapiere, Materialmuster und Oberflächenproben auf großen Arbeitstischen. Hier entstehen die Farbkonzepte neuer Produkte. Nach Angaben des Unternehmens legt Gründer James Dyson großen Wert auf Materialien und Design.

Hier entscheidet sich, wie Dyson-Produkte später aussehen: Farbkonzepte und Materialien im Designlabor.
Foto: Charlotte Bauer / COMPUTER BILD
Der Besuch vermittelt zumindest den Eindruck, dass Dyson Innovation deutlich breiter versteht als viele klassische Haushaltsgerätehersteller. Neben Motorentechnik und Forschung spielen offenbar auch Design, Materialien und Nutzererlebnis eine zentrale Rolle. Ob sich dieser Anspruch für Verbraucher im Alltag immer spürbar auszahlt, hängt jedoch stark vom jeweiligen Produkt ab.
Allein die Zahlen zeigen, welchen Stellenwert Forschung und Entwicklung inzwischen haben. In Singapur werden die patentierten Dyson-Digitalmotoren gefertigt, die in vielen Produkten zum Einsatz kommen. Seit Produktionsbeginn im Jahr 2004 entstanden nach Unternehmensangaben mehr als 100 Millionen Motoren.
Die Fertigung läuft weitgehend automatisiert. Viele Produktionsschritte übernehmen Roboter, während spezialisierte Ingenieure die Anlagen überwachen. Rund 2.000 Mitarbeiter arbeiten am Standort, ein großer Teil davon in Forschung, Entwicklung und Softwareprogrammierung.
Die eigentliche Produktion blieb beim Besuch hinter verschlossenen Türen. Fotografieren war nicht erlaubt. Gerade diese Abschottung vermittelt, wie wichtig Dyson seine Technologien und Fertigungsprozesse sind.
Mit diesem Fokus unterscheidet sich Dyson von vielen Konkurrenten. Während andere Hersteller stärker auf schnelle Modellwechsel und breitere Produktportfolios setzen, positioniert sich Dyson bewusst über Technologie – ein Ansatz, der aufwendiger ist und sich auch preislich widerspiegelt.
Auch die jüngsten Produktneuheiten folgen dieser Linie. Mit dem V16 Piston Animal & Submarine 2.0, dem ersten Staubsauger mit selbstentleerender Dockingstation, neuen besonders kompakten Reinigungsgeräten, dem Airwrap Co-anda 2x™ und neuen Luftreinigern erweitert Dyson sein Portfolio kontinuierlich.
Auffällig ist dabei weniger das einzelne Produkt als die grundsätzliche Stoßrichtung. Ob Staubsauger, Haarstyler oder Luftreiniger: Viele Entwicklungen basieren auf denselben technologischen Grundlagen – Motorentechnik, Luftströmungen, Sensorik und Software.
Für Kunden bedeutet das: Viele Dyson-Produkte teilen sich zentrale Technologien – Unterschiede entstehen eher im Einsatzbereich als in der technischen Basis. Das hat einen klaren Vorteil: Innovationen, die in einer Kategorie entwickelt werden, finden oft schnell ihren Weg in andere Produkte.
Der Besuch in Singapur zeigt eindrucksvoll, warum Dyson heute als besonders forschungsgetriebenes Unternehmen wahrgenommen wird. Im Branchenvergleich investiert Dyson nach eigenen Angaben überdurchschnittlich viel in Entwicklung und eigene Technologien.
Genau darin liegt ein zentraler Teil der Strategie des Unternehmens. Eigene Motoren, spezialisierte Entwicklungszentren und ein hoher Innovationsanspruch zielen darauf ab, sich technologisch stärker von der Konkurrenz abzuheben.
Die dahinterstehende Logik beschreibt Nathan Lawson McLean so: „Am Ende läuft es immer auf die Frage hinaus: Lösen wir ein echtes Problem für die Nutzer? Das ist der entscheidende Punkt. Das kann in jeder Kategorie der Fall sein. Wir haben intern also immer neue Ideen und Innovationen, die sich weiterentwickeln. Meistens entscheiden wir uns dann dafür, eine Innovation wirklich auf den Markt zu bringen, wenn wir durch Nutzertests sehen, dass eine starke Nachfrage besteht.“
Genau darin liegt aber auch das Risiko. Die klassischen Wachstumsmärkte von Dyson – Staubsauger, Luftreiniger und
Haarpflegeprodukte– sind inzwischen stark umkämpft und in vielen Regionen weitgehend etabliert. Das gescheiterte Elektroauto-Projekt zeigt zudem, dass selbst milliardenschwere Entwicklungsprogramme keinen Markterfolg garantieren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Woher soll das nächste große Wachstum kommen? Dyson muss künftig beweisen, dass sich die enormen Investitionen in Forschung auch in neuen Produktkategorien auszahlen.
Der Besuch in Singapur macht deutlich, wie sehr sich Dyson in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.
Aus einem britischen Staubsaugerhersteller ist ein globales Unternehmen geworden. Die historische Konzernzentrale, die hochautomatisierte Motorenfertigung, die spezialisierten Labore und sogar das nie erschienene Elektroauto erzählen dieselbe Geschichte.
Wohin diese Entwicklung führen soll, skizziert das Unternehmen bereits recht klar. Die technologische Richtung ist dabei eindeutig. „Wir sehen eine Zukunft, in der Wahrnehmungstechnologien und künstliche Intelligenz Hand in Hand arbeiten, um das Leben der Nutzer in all unseren Kategorien zu erleichtern“, sagt Nathan Lawson McLean.
Beispiel dafür ist bereits heute ein neues Produkt: Mit dem „Find and Follow“-Luftreiniger zeigt Dyson, wie Geräte ihre Umgebung analysieren und auf Nutzer reagieren.
Produkte sollen künftig „ihre Umgebung verstehen, die Absichten der Nutzer erkennen, Dinge vorhersagen und ihnen Denkaufwand abnehmen“, erklärt Nathan Lawson McLean.
Ob diese Funktionen im Alltag tatsächlich einen relevanten Mehrwert bieten, dürfte sich jedoch erst in der praktischen Nutzung zeigen.
Der Besuch in Singapur zeigt eindrucksvoll, wie konsequent Dyson diesen Wandel vorantreiben will. Das ehemalige Kraftwerk, die Motorenfertigung, die spezialisierten Labore und das gescheiterte Auto-Projekt dienen dabei als sichtbare Belege für einen Konzern, der sich neu positionieren möchte.
Ob diese Strategie aufgeht, wird sich in den kommenden Jahren entscheiden – und daran, ob Dyson seine technologische Stärke in neue, profitable Märkte übersetzen kann.
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