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Brandenburg trocknet aus: Der Kampf ums Wasser hat begonnen

Дата публикации: 21-08-2026 02:44:00

Marode Wehre, trockene Böden und sinkende Grundwasserstände – Bauern, Umweltverbände und Parteien in Brandenburg streiten über Lösungsansätze.

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Zwischen zwei buckligen Grünlandflächen zieht sich ein Graben, der früher dunkles, stilles Moorwasser führte. Heute ist er nur noch ein ausgetrockneter Streifen, die Ränder mit braunem Schilf gesäumt. Am Ende des Grabens ragt die alte Stauklappe aus dem Boden – schief, verrostet, der Beton ringsum abgesackt. Ein paar letzte Tropfen sickern durch die Fuge und verlieren sich im Sand.

Früher hielt dieses Wehr den Wasserstand über Wochen stabil. Jetzt ist es nur noch ein Durchlass – und die Fläche dahinter verliert ihre Feuchte, wird härter, spröder. Was hier wie ein technisches Detail wirkt, ist längst ein Politikum: Brandenburgs Entwässerungsanlagen sind vielerorts marode – und mit jedem verlorenen Liter wird die Frage drängender, wer die Verantwortung trägt.

Die historischen Entwässerungssysteme Brandenburgs reichen teils bis ins 18. Jahrhundert zurück, wurden über Jahrzehnte verändert und überformt. Sie bilden heute die wasserwirtschaftliche Grundlage der Kulturlandschaft. Ein vollständiger Rück- oder Umbau sei daher „nicht möglich“, heißt es aus der Pressestelle des Ministeriums für Land- und Ernährungswirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz (MLEUV) auf Nachfrage des Autors. Stattdessen setze das Land „auf sinnvolle und machbare wasserwirtschaftliche Anpassungsmaßnahmen“ im Rahmen des Landesniedrigwasserkonzepts von 2021.

Es braucht präzises Erfahrungswissen

Seitdem seien mehr als 200 Projekte zum Wasserrückhalt bei Entwicklung, Finanzierung und Umsetzung unterstützt worden – Maßnahmen, die nach Ministeriumsangaben „in allen Regionen des Landes vordringlich sind“. Sinkende Grundwasserstände, Flüsse mit geringerer Wasserführung und wachsende Nutzungskonflikte zwischen Bevölkerung, Wirtschaft und Landwirtschaft zeigten deutlich, vor welchen Herausforderungen die Landespolitik stehe, hatte Ressortchefin Hanka Mittelstädt (SPD) im Juni erklärt. Darum arbeitet das MLEUV inzwischen an einer Novelle des Wassergesetzes. Einen Gesetzesentwurf gibt es indes noch nicht. Doch die Kritik wächst – von Bauernverbänden, Umweltorganisationen und Oppositionsparteien.

Landwirte fürchten Brandenburgs Wasserkrise. Ulrich Böhm, Referent für Agrarpolitik vom Landesbauernverband (LBV) sagt: „Wasserrückhalt benötigt intakte, steuerbare Wasserbauwerke.“ Sohlschwellen, Wehre, Staue und Rückhaltebecken müssten zuverlässig arbeiten, heute und in den kommenden Jahren.

Nur funktionierende Stauanlagen sichern Wasser – und verhindern zugleich Staunässe. Undichte oder nicht regelbare Bauwerke verlieren jede Wirkung. Entscheidend ist ein kontrollierter Winterstau, der genug Feuchte für Trockenphasen speichert, ohne Wintersaaten zu gefährden. Dafür braucht es das präzise Erfahrungswissen der lokalen Wasser‑ und Bodenverbände sowie der Landwirte. Hydrologische Umbauten – die Sanierung und Modernisierung der Anlagen – müssen gefördert werden, damit Betriebe nicht überlastet werden.

Der Bauernbund hat konkrete Forderungen

Der Bauernbund Brandenburg reagiert schärfer. Präsident Lutz Wercham beklagt einen „mangelnden politischen Willen“, die marode Gewässerinfrastruktur endlich instand zu setzen. In einem Brief an Ministerin Mittelstädt von Anfang Juli schreibt er, die Melioration in der DDR – also das System der Be- und Entwässerung – habe Querbauwerke hinterlassen, die heute vielfach verfallen seien – „ein durch jahrzehntelange Untätigkeit verursachter Investitionsstau“. Förderprogramme wie „Wasserhaushalt plus“ seien angesichts der Dimension „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Wercham erinnert die Ministerin daran, dass selbst ein verbandsübergreifend erarbeitetes Konzept zum Wasserrückhalt in Grünlandniederungen „bis heute vollständig ignoriert“ werde.

Der Bauernbund fordert eine Stärkung der Gewässerunterhaltungsverbände, höhere Beiträge für bebaute Grundstücke, mehr Mitwirkungsrechte für Grundeigentümer und eine klare öffentliche Verantwortung für größere Gewässer – inklusive Biberschäden. Weitere Regulierungswünsche und zusätzliche Einschränkungen bei Düngung und Pflanzenschutz lehnt der Verband ab; die Wasserentnahme aus Oberflächengewässern für den Eigenbedarf müsse genehmigungsfrei bleiben.

Auch für Naturschützer ist Brandenburgs Wasserkrise ein Dauerthema. Grundsätzlich gilt: Wasser müsse „gestaut werden, versickern können und gespeichert werden“, betont Joyce‑Ann Syhre, politische Geschäftsführerin beim BUND Brandenburg. Die Ausgangslage sei in vielen Landkreisen extrem schwierig: geringe Niederschläge, hohe Verdunstung, durchlässige Sandböden – und ein wasserwirtschaftliches Konzept, das einseitig auf Entwässerung, auf befahrbare Nutzflächen ausgerichtet war. Faktoren, die das Dürreproblem verschärfen.

Für Syhre sind folgende Punkte zentral: Entwässerungssysteme umsteuern, Moore und Feuchtgebiete als hydrologische Schlüsselräume stärken, Wasserrückhalt gesetzlich verankern und priorisieren. Entscheidend sei der Paradigmenwechsel: weg vom Ableiten, hin zum Speichern, Versickern, Verzögern.

Björn Ellner, Landesvorsitzender des Nabu Brandenburg, sieht das ähnlich. Mehr noch: Brandenburgs Wasserbehörden arbeiten heute „im Blindflug“. Viele Gewässerbenutzungen seien erlaubnisfrei, „sodass die Behörden keinen Überblick über den Umfang von Wasserentnahmen haben“. Ellner fordert deshalb eine vollständige Erlaubnispflicht für alle Entnahmen – außer der Handschöpfung. Alles andere müsse künftig dokumentiert, genehmigt und steuerbar sein. Die Behörden bräuchten, so formuliert er es, „Instrumente in die Hand“, um überhaupt entscheiden zu können, was im Wasserhaushalt möglich ist und was nicht.

Wenn der Name des Standorts in die Irre führt: Tesla-Werk in Grünheide.

Wenn der Name des Standorts in die Irre führt: Tesla-Werk in Grünheide.

© Christian Thiel/Imago

Wasserintensive Industrien als Problem

Besonders energisch wird er beim Thema Wassernutzungsentgelt. Tagebaubetreiber pumpen riesige Wassermengen ab, um ihre Gruben trocken zu halten – und zahlen dafür keinen Cent. Auch Landwirtschaftsbetriebe entnehmen Oberflächenwasser zur Bewässerung, ohne dafür zur Kasse gebeten zu werden. „Diese Privilegien sollten abgeschafft werden“, sagt Ellner. Gleichzeitig fordert er höhere Wassernutzungsentgelte. Ausnahme: die Trinkwasserversorgung – sie solle stabil bleiben, um Haushalte nicht zusätzlich zu belasten. Kurzum: Wenn die Landesregierung nicht rasch handelt, wird der Konflikt um Wasser nicht mehr nur ökologisch sein.

Die Grüne Liga sieht die sozialen und ökonomischen Bruchlinien der Wassermisere. Der stellvertretende Bundesvorsitzende Steffen Schorcht sagt: „Der Kampf um das Wasser hat bereits begonnen.“ Wasserintensive Industrien – Tesla, Red Bull, Rechenzentren – passen für ihn nicht in wasserarme Regionen, zumal das Wasservolumen nach dem Kohleausstieg weiter sinken wird. Regenwasser soll stärker in Senken und Tagebaurestlöchern bleiben. Planspiele wie die Überleitung von Elbewasser in die Spree seien nicht lösungsorientiert, zumal die Elbe selbst unter Niedrigwasser leide. Die Aussichten sind trüb – Schorcht: „Wir werden uns alle auf weniger Wasser und Starkregenereignisse einstellen müssen.“

Die Umweltverbände zeichnen ein Bild, das kaum beruhigt: Brandenburg braucht eine Wasserwende, die tief in Landwirtschaft, Industrie und Verwaltung eingreift – und das alte Entwässerungsdenken überwindet.

Was sagen Parteienvertreter? Sie sind sich selten einig über den richtigen Weg zum Wasserrückhalt – klar ist nur: Brandenburg muss mehr Wasser halten. Das betont auch Wolfgang Roick. Man müsse kein Mathematiker sein, um zu erkennen, dass die Wasserabfuhr-Logik nicht mehr lange funktionieren werde, so der Vize-Vorsitzende der SPD-Fraktion. „Wassermanagement ist zunehmend eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Die SPD-Fraktion setzt dabei auf ein Maßnahmenpaket: Schwammstadt-Konzepte, renaturierte Flussläufe, Bergbauseen als Speicher und gereinigtes Abwasser, das nach einer vierten Reinigungsstufe – sie entfernt Arzneimittel, Pestizide und Mikroplastik – wieder versickern kann. Über Fördermittel aus der Stiftung „Brandenburgischer Naturschutzfonds“ werden derzeit Kommunen und Verbände unterstützt.

Kritik am reaktiven Niedrigwassermanagement

Der Sprecher für Ländliche Entwicklung der CDU-Landtagsfraktion, Corrado Gursch, will Staue, Schieber und Gräben modernisieren und „gezielt steuerbar“ machen. Er kritisiert das reaktive Niedrigwassermanagement: „In der Vergangenheit wurde zu häufig erst reagiert, wenn Wasser bereits knapp war.“ Mit einem Mythos wolle er aufräumen: Die Landwirtschaft sei „nicht hauptursächlich“ für den Wassermangel. Die Entwässerung landwirtschaftlicher Flächen bleibe an manchen Orten weiter notwendig, „um ihre Bewirtschaftbarkeit zu sichern.“ Gursch warnt vor pauschalen Restriktionen. Eingriffe sollten nur im Einvernehmen mit Eigentümern erfolgen.

Deutlicher wird Sven Hornauf. Der wasserpolitische Fraktionssprecher des BSW wirft der rot-schwarzen Landesregierung „ideologiegetriebene“ Ansätze und die „schädliche Sonderrolle“ des Bergbaus vor. Rund 12.000 Stauanlagen seien „überwiegend schlecht“, Melioration „sträflich vernachlässigt“. Hornauf fordert ein langfristiges Sanierungsprogramm, die Abschaffung aller Wasserprivilegien etwa für Tesla und Red Bull – und nicht zuletzt einen klaren Vorrang der öffentlichen Versorgung. Das Land ist als Gesetzgeber, Genehmigungs-, Erlaubnis- und Aufsichtsbehörde gleichermaßen gefordert.

Die AfD hält der Landesregierung vor, beim Wasserrückhalt zu kurz zu denken: Entwässerung zu reduzieren, reiche nicht – Brandenburg müsse das frühere, größere Wasserdargebot wiederherstellen, weil der natürliche Kreislauf nur wenig Wasser zurückführt und „der Großteil über die Flüsse ins Meer“ fließt. Umweltpolitiker Lars Günther hält die geplanten 160.000 Hektar Wiedervernässung für überzogen und setzt stattdessen auf punktuelle Maßnahmen, getragen vom Urteil der lokalen Akteure. Industrielle Wasserentnahmen sieht die AfD als vertretbar, solange Unternehmen eigene Kreisläufe betreiben und Fehlanreize bei Wasserentgelten verschwinden. In der Landwirtschaft vertraut sie auf die Erfahrung der Betriebe, die den schmalen Grat zwischen Über- und Unterwässerung kennen und aus ökonomischem Eigeninteresse sorgfältig arbeiten. Günther betont: „Wir beabsichtigen nicht, in Prozesse einzugreifen, die diejenigen am besten verstehen, die sie täglich ausführen.“

Die Lausitz ist hydrologisch ein Sonderfall

Während Landespolitiker um Positionen ringen, zeigen Wissenschaftler, wie tief das Problem reicht. Gunnar Lischeid vom Leibniz‑Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) sagt: „Die umfangreichen Meliorationsarbeiten der letzten Jahrhunderte haben zu massiven Absenkungen des Grundwasserspiegels in großen Teilen Brandenburgs geführt.“

Regionen mit ohnehin tiefem Grundwasser blieben weitgehend unbeeinflusst. Alte Drainagen und Gräben spielen nach seinen Untersuchungen heute kaum noch eine Rolle: Viele sind funktionslos oder stillgelegt, und sie erklären den erheblichen Rückgang der Wasserstände in den vergangenen zwanzig Jahren nicht. Aber: Fast alle Modelle zeigen, „dass wir in den nächsten Jahrzehnten in ganz Brandenburg mit einer weiteren deutlichen Verschärfung der Wassermangelsituation zu rechnen haben.“ Folgen: sinkende Grundwasserstände, geringere Wasserführung, Trockenfallen kleiner Fließe und Seen.

Dabei ist die Lausitz hydrologisch ein Sonderfall, dort laufen zwei Prozesse gleichzeitig: Sümpfungen werden eingestellt, das künstlich abgepumpte Wasser fällt weg. Die Tagebaurestlöcher werden geflutet, riesige Wassermengen werden gebunden. Mit dem Braunkohleausstieg wird der Wasserhaushalt stark verändert.

Anders gesagt: Die kaputte Stauklappe am Ende des Grabens ist nur ein Symptom – ein Leck unter vielen. Sie zeigt, worum es wirklich geht: Ob Brandenburg das Wasser halten kann oder ob es weiter durch die Fugen rinnt.

Oliver Rast ist seit 2017 freier Autor für verschiedene Publikationen zu Umwelt-, Agrar- und Gesundheitsthemen. Seine Leidenschaft gilt überdies dem Sport.

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