Anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Genfer Büros hat Wüest Partner im Rahmen der Präsentation der Frühlingsausgabe des Immo-Monitorings eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Vier Expert:innen diskutierten über Herausforderungen und Perspektiven an der Schnittstelle von Mobilität und Immobilien. Das Gespräch warf ein Licht auf den schrittweisen Wandel der Mobilitätssysteme, die geprägt sind vom Ausbau der Bahninfrastruktur, veränderten Mobilitätsgewohnheiten […]
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Anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Genfer Büros hat Wüest Partner im Rahmen der Präsentation der Frühlingsausgabe des Immo-Monitorings eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Vier Expert:innen diskutierten über Herausforderungen und Perspektiven an der Schnittstelle von Mobilität und Immobilien. Das Gespräch warf ein Licht auf den schrittweisen Wandel der Mobilitätssysteme, die geprägt sind vom Ausbau der Bahninfrastruktur, veränderten Mobilitätsgewohnheiten sowie der zunehmenden Bedeutung der Nachhaltigkeit. Ebenso beleuchtet wurden die konkreten Auswirkungen auf die verschiedenen Regionen der Schweiz und die Raumplanung sowie die Chancen, die sich für die Immobilienbranche ergeben, insbesondere im Zusammenhang mit neuen Mobilitätshubs. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Erkenntnisse und Einschätzungen der einzelnen Diskussionsteilnehmer:innen zusammen.
Teilnehmer:innen:Die grossen Bahnprojekte, die die Mobilität der Zukunft prägen werdenMehr Flexibilität im Verkehrssystem, eine bessere Anpassung an die Bedürfnisse der Pendlerinnen und Pendler sowie die Begleitung des stetig wachsenden Freizeitverkehrs: Entscheidend ist nicht nur, auf der Schiene schneller zu werden, sondern die Reisezeit von Tür zu Tür zu verkürzen.
Alain Schenk erinnert zunächst daran, dass die Planungszeiträume im Bahnbereich lang sind: Die grossen Projekte, die die Mobilität in der Schweiz künftig prägen werden, sind bereits weitgehend bekannt und angestossen. Dazu zählen insbesondere die Modernisierung des Bahnhofs Lausanne, der künftige Tiefbahnhof Genf, der Ligerztunnel am Jurasüdfuss sowie die Direktverbindung zwischen Neuenburg und La Chaux-de-Fonds und die Verbindung Morges–Perroy am Genfersee. Er betont zudem: «Es wird im Bereich der Mobilität keinen Big Bang geben, sondern schrittweise Verbesserungen jeweils dann, wenn neue Infrastrukturen in Betrieb genommen werden.»
Flexiblere Mobilität: Die Herausforderung der «Von Tür zu Tür»-MobilitätMit diesen Entwicklungen werden mehrere Ziele verfolgt: die Flexibilität des Systems erhöhen, den Bedürfnissen der Pendlerinnen und Pendler besser gerecht werden und zugleich dem stark wachsenden Freizeitverkehr Rechnung tragen. Dies setzt voraus, den Fokus nicht ausschliesslich auf die Bahn zu legen, sondern die gesamte Transportkette einzubeziehen: «Es geht nicht nur darum, auf der Schiene schneller zu sein, sondern die Reisezeit von Tür zu Tür zu verkürzen.»
Mehr Kapazität durch Technologie und DigitalisierungUm der steigenden Nachfrage zu begegnen, setzen die SBB sowohl auf eine Verdichtung des Angebots als auch auf technologische Innovationen. Dazu gehören Kapazitätserweiterungen – insbesondere durch längere Doppelstockzüge – sowie eine intelligentere Nutzung des Netzes mithilfe der Digitalisierung. Diese ermöglicht es, die Abstände zwischen den Zügen zu verringern und die Taktfrequenzen zu erhöhen.
Investitionsplanung mit Fokus auf die wichtigsten BedürfnisseAlain Schenk weist jedoch auf einen zentralen Punkt hin: Die Weiterentwicklung des Systems darf nicht zulasten der bestehenden Infrastruktur gehen. Unterhalt, Erneuerung und Zuverlässigkeit des Netzes sind entscheidend, um Störungen zu vermeiden und die Servicequalität sicherzustellen. Abschliessend plädiert er für eine integrierte Investitionsplanung, damit die öffentlichen Mittel effizient eingesetzt und die Ressourcen dort konzentriert werden können, wo der Bedarf am grössten ist.
Die anhaltende Diskrepanz zwischen geplanten Räumen und tatsächlichen MobilitätsmusternEs besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Agglomeration, wie sie in den Planungsinstrumenten definiert wird, und der «realen» Agglomeration, die sich entlang der alltäglichen Mobilitätsströme organisiert. Diese Diskrepanz stellt einen der blinden Flecken der heutigen Politik dar.
Elena Cogato Lanza zeichnet ein differenziertes Bild der Mobilitätsentwicklung und weist darauf hin, dass der Rückgang bei der Nutzung des Autos je nach Raumtyp sehr unterschiedlich ausfällt. Während der öffentliche Verkehr in den Agglomerationen an Bedeutung gewinnt, bleibt das Auto in periurbanen und ländlichen Gebieten das dominante Verkehrsmittel. Dort verstärken diffuse Siedlungsentwicklungen weiterhin die Abhängigkeit vom motorisierten Individualverkehr. Elena macht damit auf eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Agglomeration aufmerksam, wie sie in Planungsinstrumenten definiert wird, und der «realen» Agglomeration, die sich entlang der alltäglichen Mobilitätsströme organisiert. Diese Diskrepanz stellt einen der blinden Flecken der heutigen Politik dar.
Neue Zentralitäten auf regionaler Ebene denkenIn einer stärker explorativen Perspektive betont Elena die Notwendigkeit, neue Formen der territorialen Organisation zu entwickeln. Anhand der historischen Entwicklung der Genferseeregion zeigt sie auf, dass sich frühere Transformationen häufig auf bestehende Infrastrukturen stützten: Aus Pfaden wurden Strassen und aus Strassen Autobahnen, ohne dass das Verkehrsnetz grundlegend neu strukturiert worden wäre. Dies deutet darauf hin, dass auch die heutigen Netze neu interpretiert werden könnten. Sie verweist insbesondere auf polyzentrische Szenarien mit einer grösseren Zahl mittelgrosser Zentren und einer stärkeren Verteilung der Zentralitäten, wodurch die Hierarchien zwischen grossen und kleineren Zentren abgeschwächt würden.
Mobilität als Frage der räumlichen GerechtigkeitAbschliessend erweitert Elena die Diskussion auf gesellschaftliche Fragestellungen. Sie erinnert daran, dass das Schweizer System unabhängig von der Bevölkerungsdichte einen vergleichsweise gleichberechtigten Zugang zum öffentlichen Verkehr gewährleistet und damit eine Form räumlicher Gerechtigkeit schafft. Vor diesem Hintergrund regt sie dazu an, die Zusammenhänge zwischen Dichte, Erreichbarkeit und Rechten neu zu hinterfragen. Zugleich betont sie, dass ihre Aufgabe als Wissenschaftlerin darin bestehe, «das zu denken, was heute noch nicht denkbar ist». In diesem Sinne bringt sie bewusst provokativ die Idee von Kontingenten für die motorisierte Individualmobilität ins Spiel. Eine solche Einschränkung könnte ihrer Ansicht nach als echtes Innovationslabor wirken, indem sie die Anpassungsfähigkeit des Systems sichtbar macht: «Dann würde man sehen, wo die Krisen, die Trägheiten und die Potenziale liegen.»
Die «15-Minuten-Stadt» stösst bei arbeitsbezogener Mobilität an ihre GrenzenKünftige Chancen könnten in der Entstehung neuer Mobilitätshubs liegen, die hybride Mobilitätsformen zwischen Individual- und öffentlichem Verkehr integrieren. Solche Knotenpunkte könnten neue Zentren ausserhalb der grossen Zentren schaffen und die Entwicklung gemischt genutzter Immobilienprojekte fördern.
Hervé bringt eine pragmatische Sicht auf die Beziehung zwischen Mobilität und Immobilien ein und relativiert insbesondere die Reichweite des Konzepts der «15-Minuten-Stadt». Seiner Ansicht nach funktioniert dieses Modell gut für alltägliche Aktivitäten – Einkaufen, Dienstleistungen oder Freizeitangebote –, stösst jedoch an Grenzen, sobald es um Arbeitswege geht. «Für die Arbeit legen viele Menschen dennoch grössere, teilweise sogar deutlich grössere Distanzen zurück», erinnert er und unterstreicht damit die weiterhin zentrale Bedeutung des Pendlerverkehrs.
Logistikströme – eine oft unterschätzte HerausforderungEr lenkt zudem die Aufmerksamkeit auf eine häufig unterschätzte Herausforderung: die Warenströme. Mobilität betrifft nicht nur die Bewegung von Personen, sondern auch den Austausch von Gütern zwischen verschiedenen Räumen. Das starke Wachstum von Lieferdiensten und Logistikverkehr stellt eine zentrale Herausforderung für die Organisation urbaner Räume dar.
«15-Minuten-Verkehr»: Mobilität ohne Brüche zwischen den VerkehrsträgernSchliesslich hebt er eine entscheidende Zukunftsfrage hervor: die Kontinuität und Fluidität der Verbindungen zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln, die er als «15-Minuten-Verkehr» bezeichnet. Er plädiert dafür, die Gegenüberstellung von Individualverkehr und öffentlichem Verkehr zu überwinden und sich stattdessen auf ein operatives Ziel zu konzentrieren: «Keine Wartezeit von mehr als 10 bis 15 Minuten – unabhängig vom Verkehrsmittel und unabhängig vom Ort.» Seine Vision beruht auf einer durchgängigen Mobilität ohne Unterbrüche, bei der die «letzte Meile» ebenso leistungsfähig ist wie der restliche Reiseweg. Dadurch sollen Wartezeiten reduziert und das Mobilitätserlebnis insgesamt verbessert werden.
Hybride Mobilitätshubs eröffnen neue Perspektiven für die ImmobilienwirtschaftAus immobilienwirtschaftlicher Sicht stellt Hervé fest, dass die Standorte des öffentlichen Verkehrs, insbesondere im Umfeld von Bahnhöfen, in den vergangenen Jahrzehnten bereits stark entwickelt worden seien. Künftige Chancen könnten deshalb in neuen Formen von Mobilitätshubs liegen, die hybride Formen zwischen individuellem und kollektivem Verkehr integrieren, etwa autonome Fahrzeuge. Solche neuen Knotenpunkte könnten dazu beitragen, auch ausserhalb der grossen Zentren neue Knotenpunkte zu schaffen und gemischt genutzte Immobilienprojekte zu fördern, indem sie zusätzliche Nachfrage nach kommerziellen Nutzungen generieren.
Die Abstimmung zwischen Erreichbarkeit und Immobilienentwicklung wird immer wichtigerESG-Kriterien gewinnen in den Anlagestrategien zunehmend an Bedeutung, etwa durch die Integration von Veloinfrastrukturen oder die Gewährleistung einer multimodalen Erreichbarkeit.
Vincent hebt die wachsende Bedeutung der Mobilität für die Dynamik der Immobilienmärkte hervor. Er erinnert daran, dass die Abstimmung zwischen Immobilienentwicklung und Erreichbarkeit entscheidend ist: «In der Vergangenheit wurden gewisse Projekte im Hinblick auf die Erstellung von Verkehrsinfrastrukturen realisiert. Wenn deren Umsetzung sich verzögerte, hatte das längere Leerstandsphasen zur Folge.» Heute achten die Marktakteure deutlich besser auf eine gute Koordination der Projekte.
ESG-Kriterien stärken die Bedeutung der Mobilität für Investor:innenZudem betont Vincent die prägende Rolle von regulatorischen und normativen Rahmenbedingungen. Parkplatznormen beispielsweise führen in gut erschlossenen Gebieten zu einer Reduktion der Anzahl Parkplätze. Gleichzeitig gewinnen ESG-Kriterien in den Anlagestrategien zunehmend an Bedeutung. «Wir wissen, dass Nachhaltigkeitsstandards einen ganzen Bereich umfassen, der sich mit Mobilität beschäftigt», erinnert er und verweist etwa auf die Integration von Veloinfrastrukturen oder die multimodale Erreichbarkeit. Diese Entwicklungen spiegeln einen umfassenderen regulatorischen und finanziellen Trend wider, der Investor:innen dazu veranlasst, Mobilitätsaspekte stärker in ihre Projekte einzubeziehen.
Die Leistungsfähigkeit des Schweizer Systems erhalten, statt es grundlegend umzubauenAbschliessend nimmt Vincent eine ausgewogene Position ein. Zwar anerkennt er die Herausforderungen, die sich aus dem Bevölkerungswachstum, der Verdichtung und den Veränderungen der Mobilitätsmuster ergeben. Gleichzeitig hebt er jedoch die hohe Qualität des Schweizer Systems hervor. Seiner Ansicht nach besteht die zentrale Aufgabe weniger in einer grundlegenden Transformation als vielmehr darin, ein bereits leistungsfähiges System zu erhalten und weiterzuentwickeln sowie eine hohe Erreichbarkeit im gesamten Land sicherzustellen.
Immo-Monitoring
Die Mobilität, ihre Herausforderungen und ihre Auswirkungen auf die Immobilienmärkte sind Gegenstand zweier neuer Artikel – «Mobilität im Wandel – Folgen für die Immobilienmärkte» sowie «Wie Verkehrsprojekte den Immobilienmarkt prägen» – die auf der Online-Plattform Immo-Monitoring verfügbar sind.
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