Commerzbank-Aufsichtsratschef Jens Weidmann gibt den Abwehrkampf verloren und fordert die italienische Unicredit zu direkten Gesprächen mit dem Vorstand auf. Die Mehrheitsverhältnisse seien inzwischen klar: „Alle sollten sich jetzt wie Erwachsene verhalten“, so Weidmann.
Die Commerzbank hat den Abwehrkampf gegen die italienische Unicredit verloren. Commerzbank-Aufsichtsratschef Jens Weidmann gesteht ein, dass an einer Machtübernahme durch die Mailänder Großbank nichts mehr vorbeiführt. „Auch wenn wir es uns anders gewünscht hätten, die Mehrheitsverhältnisse auf der nächsten Hauptversammlung sind klar“, teilte der ehemalige Bundesbank-Chef Weidmann auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag mit. „Jetzt geht es darum, in konstruktiven Gesprächen wichtige Eckpunkte für Mitarbeiter, Aktionäre und die Kunden der Bank festzulegen.“
Unicredit hat sich durch verschiedene Winkelzüge und Optionsgeschäfte fast die Hälfte der Commerzbank-Anteile gesichert, ist um ein Pflichtangebot an alle Aktionäre aber herumgekommen. Jetzt, wo man die Kontrollmehrheit erreicht habe, könne man auch über einige Zugeständnisse an die Commerzbank reden, so Orcel.
Weidmann reagiert mit seiner Stellungnahme auf den selbstbewussten Auftritt von UniCredit-Chef Andrea Orcel am Donnerstag. Dieser hatte angekündigt, mit der Bundesregierung und dem Betriebsrat über eine gemeinsame Zukunft seines Hauses mit der Commerzbank zu sprechen. Den Commerzbank-Vorstand um Bankchefin Bettina Orlopp hatte der Italiener jedoch nicht als Gesprächspartner erwähnt.
„Alle sollten sich jetzt wie Erwachsene verhalten, denn eins ist klar: Diese Gespräche sind auch im Interesse der UniCredit, und es wird keine Abkürzung über Berlin geben“, betonte Weidmann. Er hatte sich in dem Tauziehen lange zurückgehalten und stets Orlopp sprechen lassen. Regierung und Betriebsrat hatten bereits am Donnerstag darauf verwiesen, dass der Vorstand der erste Ansprechpartner für Orcel sei.
Orlopp hatte lange um die Unabhängigkeit der Commerzbank gekämpft, nach dem Ergebnis des Übernahmeangebots aber mehrfach ihre Bereitschaft zu Verhandlungen betont. Vorher hatten mehrere Anläufe zu Gesprächen mit Orcel keine Ergebnisse gebracht. Orcel möchte der Commerzbank sein Geschäftsmodell überstülpen. Orlopp pocht dagegen unter anderem auf den Erhalt des umfangreichen Auslandsnetzes, mit dem die Bank ihre Mittelstandskunden beim Export in alle Welt begleitet. Orcel hatte die Commerzbank am Donnerstag aufgefordert, das UniCredit-Modell mit Beginn 2027 als Blaupause zu verwenden.
Andernfalls werde man eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, auf der der Aufsichtsrat neu besetzt werden könnte.
Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) stellte sich im Gespräch mit Reuters hinter Weidmanns Forderung: „Wir brauchen jetzt direkte konstruktive Gespräche zur Zukunft der Commerzbank, zur Sicherung des Standorts und zur Stärkung des Finanzplatzes Frankfurt.“ Orcel kenne seine Erwartungen: ein Bekenntnis zum Hauptsitz in Frankfurt, den Erhalt wichtiger Arbeitsplätze und die langfristige Sicherung der Mittelstands-Finanzierung. „Jetzt muss es darum gehen, ein einheitliches Verständnis und gemeinsame Wege im Sinne des Standorts zu finden“, sagte Rhein. „Dabei erwarte ich auch Unterstützung aus dem Bund. Denn Frankfurt ist als wichtigster Finanzplatz der Europäischen Union von zentralem nationalen Interesse.“
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Für das laufende Jahr schraubte Orcel die Prognose von „mindestens elf Milliarden Euro“ Nettogewinn auf „deutlich über elf Milliarden oder 11,5 Milliarden“ hoch. Im zweiten Quartal sank der Nettogewinn um 13 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. Dabei habe man sich die Absicherungsgeschäfte (Hedging) im Zuge der Commerzbank-Übernahme 245 Millionen Euro kosten lassen. Analysten hatten im Vorfeld im Schnitt mit einem Nettogewinn von 2,8 Milliarden Euro gerechnet. Für 2028 sagt UniCredit – die Commerzbank noch nicht eingerechnet – nun einen Gewinn von mehr als 13 Milliarden, für 2030 von mehr als 15 Milliarden Euro voraus.
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