Christoph Ruf attestiert Jens Spahn Realitätsverlust und geht davon aus, dass er trotz Rücktritt nicht allzu lange zu Hause bleiben wird.
Jens Spahn, ehemaliger Vorsitzender der Unions-Fraktion im Bundestag, sitzt alleine im Plenarsaal.
Foto: Kay Nietfeld/dpa
Ich muss mich immer ein wenig überwinden, wenn ich versuche, mich in Friedrich Merz hineinzuversetzen. Und dann gelingt es dennoch nicht. Am Wochenende war das anders. Da berichtete der Kanzler, er habe Jens Spahn zunächst zu dessen Sohn Georg gratuliert und sich erst dann überlegt, wie dieser damit wohl »kommunikativ umgehen« werde. Mir wäre es wohl auch so gegangen. Ein Kind, sofern es erwünscht ist, ist nun mal ein Grund zu großer Freude. Insofern kann ich auch verstehen, dass ein Paar unter einer erzwungenen Kinderlosigkeit leiden kann und sich Abhilfe wünscht.
Darüber dürften sich Spahn und Daniel Funke wie Tausende andere Paare auch häufig unterhalten haben. Man kann also nur fassungslos sein, dass der gleiche Mensch, der als Privatier sicher mehr als einmal das Für und Wider in seiner Beziehung besprochen hat, sich als Politiker für ein Verbot der Leihmutterschaft ausgesprochen hat. Noch fassungsloser macht es da nur, dass er sich selbst nicht an die Gesetze gebunden fühlte, die er selbst unterstützte. Und daraus nicht den Schluss gezogen hat, eine neue Debatte in der CDU/CSU anzustoßen oder – welch verwegener Gedanke – sich für das Privatleben und gegen die Karriere zu entscheiden. Stattdessen musste wieder einmal das Portemonnaie sprechen.
Christoph Ruf
privat
Christoph Ruf ist freier Autor und beobachtet in seiner wöchentlichen nd-Kolumne »Platzverhältnisse« politische und sportliche Begebenheiten.
Leihmutterschaft ist schließlich in Deutschland eines der letzten Tabus in einer Gesellschaft, in der es kaum etwas gibt, das mit Geld und Beziehungen nicht zu erreichen wäre. In den USA (oh Wunder) ist das anders. Dort ist sie für unterprivilegierte Frauen eine Möglichkeit, ein paar tausend Dollar dazuzuverdienen. Wie es einer Frau geht, die neun Monate lang ein Kind in sich trägt, das sie dann reichen Europäern übergeben muss, kann man sich vorstellen. Sich für dieses »Modell« entschieden zu haben, passt bestens zu Spahn: Intellektuell und rhetorisch sicher nicht das Schlechteste, was die Union zu bieten hatte, der aber ganz offensichtlich immer schon dachte, dass genau das ihm auch erlaubt, sich über Gesetze und Regeln hinwegzusetzen. Und das mit gutem Gewissen tun zu dürfen. Hat schließlich schon bei der Maskenaffäre und Immobiliengeschäften geklappt. Integrität sollte man von jemandem wie Spahn also sicher nicht erwarten.
In diesem Fall hat aber auch das Einzige versagt, was man Spahn immer attestieren durfte: einen funktionierenden Machtinstinkt. Wie konnte er allen Ernstes davon ausgehen, dass er mit seiner Konfliktbewältigung aus dem Baukasten durchkommen würde? Ein Bild von den glücklichen Eltern, ein paar Ausdrücke, die Zerknirschung nahelegen – und selbstredend die Beschwörung des christlichen Glaubens. Das war selbst für eine Partei, die Andy Scheuer ungestraft Milliarden verschwenden ließ, zu viel. Zumal wir es mit der Christen-Union zu tun haben, in der manches Mitglied noch findet, dass Schwule gar keine Kinder haben sollten. Und ledige Mütter am besten auch nicht.
Spahn ist an seiner Hybris und an seinem Realitätsverlust gescheitert. Es sind zwei Politikerkrankheiten, die sich wechselseitig verstärken. Mit Georg wünsche ich ihm dennoch alles Gute. Der Kleine kann sich einer Sache sicher sein: Sein Vater wird eine Schonfrist verstreichen lassen. Und bald wieder so wichtig sein, dass er kaum einmal zu Hause sein wird.
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