DFB drängt Nagelsmann nach WM-Blamage zum Rücktritt. Klopp: Kandidat für Nachfolge. Doch eine Millionenfrage könnte alles ändern.
Drei Tage nach dem sportlichen Offenbarungseid von Charlotte steht der Deutsche Fußball-Bund vor einer Zäsur, die weit über eine bloße Personalie hinausreicht. Nach dem Sechzehntelfinal-Aus gegen Paraguay – einer 3:4-Niederlage im Elfmeterschießen, die als dritte WM-Blamage in Serie in die jüngere Verbandsgeschichte eingehen dürfte – verdichten sich die Hinweise, dass die Ära von Bundestrainer Julian Nagelsmann nach nicht einmal zwei Jahren zu Ende geht. Die Frage lautet längst nicht mehr, ob eine Trennung erfolgt, sondern in welchem Modus – und zu welchem Preis.
Im Zentrum der Ereignisse steht ein Treffen, das der DFB zunächst nicht einmal bestätigen wollte. Am Donnerstagvormittag kam Nagelsmann in der Frankfurter Verbandszentrale mit der Führungsspitze zusammen. Nach Sportschau-Informationen dauerte das Gespräch mit Präsident Bernd Neuendorf, Sportdirektor Rudi Völler sowie DFB-Vize und Bundesliga-Präsident Hans-Joachim Watzke rund drei Stunden. Auch DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig soll nach übereinstimmenden Medienberichten anwesend gewesen sein.
Der Inhalt dieser Aussprache war brisant: Nagelsmann, am Morgen aus München eingeflogen, sollte zunächst seine Sicht auf das Turnier darlegen – von den umstrittenen sportlichen Entscheidungen bis hin zur ungewöhnlich familiär geprägten Atmosphäre im Teamquartier The Graylyn Estate in Winston-Salem.
Die DFB-Bosse legten ihm anschließend einen freiwilligen Rücktritt nahe. Der 38-Jährige soll sich dabei uneinsichtig gezeigt haben; eine Entscheidung wurde vertagt. Nach Informationen mehrerer Medien erhielt Nagelsmann eine Frist bis Montag, um von sich aus zurückzutreten.
Dass der DFB einen freiwilligen Rückzug einer klassischen Entlassung vorzieht, hat mehrere Gründe – finanzielle wie kommunikative. Die Verantwortlichen scheinen sichtlich bemüht, Nagelsmann zu einem freiwilligen Schritt zu bewegen, um die in den vergangenen Jahren mühsam hergestellte Geschlossenheit der Führungsriege zu wahren.
Vor allem aber geht es um viel Geld. Nagelsmanns Arbeitspapier läuft bis Sommer 2028 und bringt ihm geschätzte sieben Millionen Euro pro Jahr ein. Im Falle einer regulären Freistellung stünden ihm demnach rund 14 Millionen Euro zu.
Nach Informationen des Magazins kicker ist eine Abfindung in Höhe eines Jahresgehalts – also etwa sieben Millionen Euro – Teil einer Vereinbarung, die im Zuge der Vertragsverlängerung Anfang 2025 für den Fall des sportlichen Misserfolgs bei der WM getroffen worden sein soll.
Kaum begonnen, ist die Debatte über die Nachfolge bereits in vollem Gange. Nahezu alle Beobachter nennen Jürgen Klopp als klaren Wunschkandidaten der DFB-Spitze. Der 59-Jährige, der die WM aktuell als TV-Experte für MagentaTV begleitet, ist jedoch alles andere als leicht zu verpflichten.
Klopp ist seit dem 1. Januar 2025 als „Head of Global Soccer“ bei Red Bull tätig und dort bis Ende 2029 gebunden. Sein Jahressalär soll bei rund zehn Millionen Euro liegen. Nach Informationen des „kicker“ existiert keine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag; kolportiert wird lediglich eine Art Gentlemen’s Agreement mit Red-Bull-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff, das Klopp bei einer DFB-Anfrage keine Steine in den Weg legen würde. Klopp selbst hatte eine solche Absprache bei seiner Vorstellung in Salzburg allerdings öffentlich dementiert.
Innerhalb des Verbandes gibt es dem Vernehmen nach durchaus Skepsis gegenüber der Wunschlösung. Es geht um einen angeblichen Reputationsverlust Klopps in den vergangenen Monaten sowie auf die zu erwartenden hohen Kosten. Delikat ist zudem eine Randnotiz, die der ehemalige DFB-Präsident Reinhard Grindel beisteuerte: Bereits im Frühjahr 2019 habe es Überlegungen gegeben, Klopp 2022 als Nachfolger von Joachim Löw zu installieren. Nach Grindels Rücktritt im April 2019 seien diese Pläne offenbar nicht weiterverfolgt worden.
Die Krise könnte über Nagelsmann hinausreichen. Nach Angaben von Nachrichtenagenturen ist auch die Zukunft von Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Andreas Rettig keinesfalls gesichert. Beide standen in der WM-Vorbereitung eng an der Seite des Bundestrainers und wären damit unmittelbar in die Verantwortung für Fehlentscheidungen einzubeziehen – von der Rückholung Manuel Neuers über die Umpositionierung Kimmichs bis zur Wahl des Teamquartiers in Winston-Salem.
Formal muss die Trennung Nagelsmanns durch die zuständigen DFB-Gremien beschlossen werden. Nach „Bild“-Recherchen ist der Weg über Aufsichtsrat und Präsidium bereits vorgezeichnet; der 14-köpfige Aufsichtsrat der DFB GmbH & Co. KG unter Vorsitz des Stuttgarter Vorstandschefs Alexander Wehrle wird das letzte Wort haben. Aus Landesverbänden werden bereits Forderungen nach einem transparenten Fahrplan laut – der Berliner Verbandschef Bernd Schultz plädierte nach dpa-Angaben für eine „breite Diskussion“, die über die Nationalmannschaft hinausgehe.
Für Präsident Neuendorf ist es die zweite große Turniererfahrung, die im Desaster endet. Nach Katar 2022, als Hansi Flick weiterarbeiten durfte – eine im Rückblick vielfach kritisierte Entscheidung –, dürfte er diesmal zu schnellerem Handeln neigen.
Der Zeitdruck ist real. Die Qualifikation zur Europameisterschaft 2028, die Deutschland gemeinsam mit Großbritannien und Irland ausrichtet – als Co-Gastgeber ist der DFB automatisch qualifiziert –, muss geplant, ein Kaderumbruch angestoßen und Vertrauen zurückgewonnen werden. Ob dies mit Klopp gelingt, dessen Verpflichtung sowohl eine Ablösesumme an Red Bull als auch ein deutlich höheres Gehalt als bei Nagelsmann bedeuten dürfte, oder mit einer anderen Lösung, wird die kommenden Tage prägen.
Klar ist nur: Der DFB steht vor einer Weichenstellung, die den deutschen Fußball für Jahre prägen wird. Sportschau-Experte Bastian Schweinsteiger hält einen Trainerwechsel für hochwahrscheinlich – und favorisiert öffentlich ein „Dream-Team“ aus Klopp und Völler. Ob es so kommt, wird sich in den nächsten Stunden und Tagen entscheiden. Als Julian Nagelsmann am Donnerstagnachmittag um 13.23 Uhr die DFB-Zentrale in Frankfurt verließ, sprach vieles dafür, dass es sein letzter Besuch in dieser Funktion war.
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