Unter Rekurs auf Friedrich Nietzsches Konzept der »Sklaven-Moral« gibt die AfD politisch Andersdenkenden die Schuld an der deutschen »Mittelmäßigkeit«
Völlig gefangen in der Logik von Herrschaft und Versklavung: Kay Gottschalk, Bundestagsabgeordneter für die AfD
Foto: dpa/Katharina Kausche
Auf dem 17. AfD-Bundesparteitag, der am 4. und 5. diesen Monats in Erfurt stattfand, hielt der finanzpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Kay Gottschalk, eine bemerkenswerte Bewerbungsrede für den ersten der drei stellvertretenden Bundessprecherposten. Darin diagnostizierte er eine angeblich beim Fußball zu beobachtende, aber »wesentlich tiefer« gehende, »mit Charakter und Leistungswillen« zusammenhängende »Krise« in Deutschland: »Aus einem Land ehrgeiziger, fleißiger, intelligenter und siegessüchtiger Athleten« sei »ein Hort fahler Mittelmäßigkeit geworden«. Heute sei »Mittelmäßigkeit das Maß der Dinge in Deutschland«, dessen »Erfolgsmodell« schon seit Längerem nicht mehr funktioniere. »Charakter« und »Fleiß« seien vielen »abhandengekommen«, weshalb wir unsere Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt hätten.
Selbstverständlich präsentierte Gottschalk in seiner düsteren Diagnose der Gegenwart auch Schuldige: Die »Politikerklasse«, die »Gutmenschen«, die Presse, insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die Kirchen und die Nichtregierungsorganisationen hätten »mit ihrer linken Sklaven-Moral unserem Land, unseren Kindern die Zukunft geraubt«. »Die moralische Anmaßung dieser herrschenden Sinnpriester« habe etwa zu einer »Masseneinwanderung« geführt, die »den Zerfall« Deutschlands »beschleunigt« habe. Als Konsequenz forderte Gottschalk, »wir« müssten »etwas am Charakter und an der Geisteshaltung dieses Landes ändern«, um »den Erfolgskurs unseres Landes wieder aufnehmen« zu können. Schließlich hätten »wir« Ecuador und Paraguay »vor der Grenzöffnung mit der alten deutschen Nationalmannschaft weggefegt«.
Offensichtlich ist in der AfD nicht bekannt, dass Nietzsche Nationalismus als »nationale Neurose« zu bezeichnen pflegte.
Das Konzept der »Sklaven-Moral« die Gottschalk politisch Andersdenkenden attestiert, geht auf Friedrich Nietzsche zurück. Der unterscheidet in seiner Schrift »Jenseits von Gut und Böse« zwei moralische »Grundtypen«: die »unter den Beherrschten, den Sklaven und Abhängigen jeden Grades« entstandene »Sklaven-Moral« sowie die »unter einer herrschenden Art« entstandene »Herren-Moral«. In der »Sklaven-Moral« der »Vergewaltigten, Gedrückten, Leidenden, Unfreien, ihrer selbst Ungewissen und Müden« kämen »das Mitleiden, die gefällige hilfsbereite Hand, das warme Herz, die Geduld, der Fleiß, die Demut, die Freundlichkeit zu Ehren«. Insbesondere »im Mitleiden oder im Handeln für andere« werde »das Abzeichen des Moralischen« gesehen.
Zur »Herren-Moral« gehörten hingegen »Selbstverherrlichung«, »der Glaube an sich selbst, der Stolz auf sich selbst, eine Grundfeindschaft und Ironie gegen ›Selbstlosigkeit‹« sowie »eine leichte Geringschätzung und Vorsicht vor den Mitgefühlen und dem ›warmen Herzen‹«. Es gelte der Grundsatz, »dass man nur gegen seinesgleichen Pflichten habe; dass man gegen die Wesen niedrigeren Ranges, gegen alles Fremde nach Gutdünken oder ›wie es das Herz will‹ handeln dürfe und jedenfalls ›jenseits von Gut und Böse‹«. Deshalb seien die Träger der »Herren-Moral«, wie Nietzsche in seiner Schrift »Zur Genealogie der Moral« ausführt, »nach außen hin, dort wo das Fremde, die Fremde beginnt, nicht viel besser als losgelassene Raubtiere« oder »frohlockende Ungeheuer«.
Letzteres lässt an die zahllosen fremdenfeindlichen Äußerungen aus den Reihen der AfD denken. Vor diesem Hintergrund vermag es auch nicht zu verwundern, dass sich Gottschalk in seiner Bewerbungsrede zu der Behauptung verstieg, »Remigration« würde »viele Probleme« lösen. Im Übrigen ist Gottschalk nicht der Einzige in der AfD, der Nietzsche für sich entdeckt zu haben scheint. So wird im »Regierungsprogramm« der AfD Sachsen-Anhalt im Unterkapitel »Deutsch denken!« des Kapitels »Kultur und Integration« Nietzsche als Beispiel genannnt für aus Sachsen-Anhalt stammende »Figuren, die Deutschland entscheidend geprägt« und »Wesentliches zur Entwicklung der deutschen Nation beigetragenen« hätten. Offensichtlich ist in der AfD nicht bekannt, dass Nietzsche Nationalismus als »névrose nationale« (nationale Neurose) sowie als »kulturwidrigste Krankheit und Unvernunft, die es gibt« zu bezeichnen pflegte.
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