Deepfakes, Cybermobbing, Cybergrooming: Digitale Gewalt gehört an vielen Schulen längst zum Alltag. Nach einem aktuellen Vorfall in Neuss erklärt eine Expertin, wie Eltern und Lehrer Kinder schützen können.
„Du trägst keine Schuld, wir helfen Dir“ – das sollten Eltern ihrem Kind immer wieder spiegeln, wenn es Opfer von Deepfakes, Cybermobbing oder Cybergrooming geworden ist. (Symbolfoto)
Foto: picture alliance/dpa/Annette RiedlNeuss · Deepfakes, Cybermobbing, Cybergrooming: Digitale Gewalt gehört an vielen Schulen längst zum Alltag. Nach einem aktuellen Vorfall in Neuss erklärt eine Expertin, wie Eltern und Lehrer Kinder schützen können.
Die eigene Tochter wird Opfer eines Deepfakes – die Vorstellung ist schrecklich, dennoch sollten Eltern sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Denn einen wirksamen Schutz gibt es de facto nicht, weiß Jessika Eichbaum, Kriminalhauptkommissarin beim Kommissariat Kriminalprävention und Opferschutz der Polizei Rhein-Kreis Neuss. Und wenn es – Kostenpflichtiger Inhalt wie zuletzt an einer Neusser Schule geschehen – zum Fall des Falles kommt, heißt es, umgehend zu handeln. Die wichtigsten Schritte für Eltern sowie für Lehrkräfte hat sie im Gespräch mit unserer Redaktion aufgelistet.
Selbst wenn eine Bildmanipulation erkennbar ist und nicht als Deepfake gilt, kann sie beim Opfer große Scham auslösen, sagt Jessika Eichbaum, Kriminalhauptkommissarin im Kommissariat Opferschutz.
Foto: Polizei Rhein-Kreis NeussStrafanzeige erstatten und im schulischen Kontext sofort die Klassen und Schulleitung informieren, das sind die Maßnahmen, die Eltern sofort ergreifen sollten, wenn ein Deepfake mit dem Gesicht des eigenen Kindes irgendwo auftaucht. „Selbst wenn die Täter strafrechtlich nicht belangt werden können, ist das wichtig, unter anderem, damit dafür gesorgt wird, dass die Deepfakes entfernt und nicht weiterverbreitet werden“, erklärt die Kommissarin.
Auch wenn das Kind aus Scham darum bittet, diese Schritte nicht zu gehen, sollten Eltern so handeln. „Es wäre einfach fatal, hier dem Willen des Kindes zu folgen. Aber Sie sollten umfassend mit Ihrem Kind besprechen, warum Sie so agieren“, rät Eichbaum. Darauf hinzuweisen, dass man durch diesen Schritt auch andere davor schütze, zum Opfer zu werden, sei vielfach überzeugend.
Egal ob bei Deepfakes, Cybermobbing oder Cybergrooming – Eltern sollten ihrem Kind immer wieder spiegeln, dass es selbst keine Schuld hat.
Sich einzugestehen, keine Ahnung von den meisten Dingen zu haben, mit denen sich ihre Kinder auf dem Smartphone beschäftigen, und zu handeln, sei ebenfalls enorm wichtig. „Klicksafe, Medien kindersicher – es gibt ganz viele Angebote für Eltern, sich rund um digitale Medien, Social Media und Co. fortzubilden“, sagt Eichbaum. Dafür müsse man privat Zeit investieren. Aber Eltern sollten sich bewusst machen: Es macht sonst niemand. Weder die Polizei noch die Schule könnten Apps sperren, Bildschirmzeiten einrichten oder umfassend den richtigen Umgang mit digitalen und sozialen Medien vermitteln. „Das müssen die Eltern selber tun“, sagt die Expertin.
Auch wenn es Eltern wie ein Eingriff in die Privatsphäre des Kindes vorkommt: Sie sollten sich die Chat- und Internetverläufe, Aktivitäten auf Tiktok und Co. immer wieder stichprobenartig ansehen – mindestens bis ihr Kind 14 Jahre alt ist. „Allein weil viele Jugendliche gar nicht einschätzen können, wo sexualisierte Gewalt oder rechtsextremes Verhalten beginnt“, erklärt Eichbaum. Allerdings sollten die Eltern diese Kontrolle zusammen mit ihrem Kind durchführen. Ein weiterer Tipp: nicht problematisieren, sondern thematisieren. „Wenn Sie irgendeinen sexistischen Spruch, eine Beleidigung im Klassenchat entdecken, dann urteilen Sie nicht, sondern fragen Sie Ihr Kind, ob das andere Kind häufiger so etwas schreibt oder wie das eigene Kind das empfindet“, sagt sie.
„Beschäftigen Sie sich mit der Lebenswelt Ihrer Kinder, bleiben Sie im Gespräch“, lauten weitere Ratschläge der Polizistin. Nur wenn Kinder das Vertrauen haben, über alles mit ihren Eltern zu reden und mit ihnen eine Lösung finden zu können, würden sie ihre Scham überwinden und von Deepfakes berichten.
Wichtig sei dabei zudem, dass Eltern deutlich machen, dass es weder lustig noch ein Kavaliersdelikt sei, Deepfakes zu machen und zu verbreiten. „Das ist eine höherwertige Straftat, die auch strafrechtliche Konsequenzen haben kann und die einen massiven Einfluss auf das Leben des Opfers hat.“
Egal ob digitale Gewalt, Cybermobbing, Cybergrooming, Deepfake – irgendwann trifft es jede Schule, ohne Ausnahme, ist Eichbaum überzeugt. Deshalb sollten Schulen sich vorbereiten: „Viele haben Handlungsempfehlungen oder ein Flussdiagramm, in dem steht, welche Schritte sie nacheinander zu gehen haben und an wen sie sich bei Polizei, Jugendamt, Bezirksregierung und so weiter wenden müssen“, erzählt sie.
Der erste Schritt sollte zudem lauten: Sofort das Präventionsteam der Schule – sofern vorhanden – oder die Schulleitung informieren. Keinesfalls sollten die Lehrenden dagegen versuchen, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen. „Das Opfer muss geschützt werden, das hat oberste Priorität“, so die Kommissarin.
Zugleich rät sie zur offenen Kommunikation. „Anstatt sich um ihren Ruf zu sorgen, sollten die Schulen transparent darstellen, dass es einen Vorfall gegeben und sie umfassend reagiert haben. Wer proaktiv reagiert, zeigt, dass er sich vorbereitet hat, souverän handelt und zuverlässig ist“, sagt sie.
Wenn ein Schüler ein Deepfake von einem anderen Kind oder Jugendlichen erstellt, muss darauf sofort mit einer pädagogischen Maßnahme reagiert werden, so Eichbaum. Die Schüler müssten merken, dass so etwas an ihrer Schule nicht toleriert wird und Konsequenzen hat. „Man muss das genauso behandeln wie den Fall, dass ein Kind ein Messer mit in die Schule bringt und damit herumfuchtelt“, sagt Eichbaum.
„Schulen sollten schon bei der Anmeldung eines neuen Schülers klar sagen, dass bei ihnen bestimmte Werte gelten“, rät die Kommissarin weiter. Es handle sich um eine rassismusfreie Schule, und es werde keine Gewalt toleriert, egal in welcher Form, gegen Mobbing werde konsequent vorgegangen. Wer Teil dieser Schule wird, verpflichtet sich, diese Werte mitzutragen und sich an die Regeln zu halten, lauten Eichbaums Beispiele. Das schrecke längst nicht jeden ab, aber zumindest einige.
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