Dürrenmatt selbst hat das Textbuch für die Musiktheater-Adaption des Komponisten Gottfried von Einem verfasst. Am Münchner Gärtnerplatztheater wird die reizvolle Rarität neu zur Diskussion gestellt.
Dürrenmatt selbst hat das Textbuch für die Musiktheater-Adaption des Komponisten Gottfried von Einem verfasst. Am Münchner Gärtnerplatztheater wird die reizvolle Rarität neu zur Diskussion gestellt.
Marco Frei, München07.07.2026, 05.30 Uhr

Markus Tordik
Die Worte gehen durch Mark und Bein. «Mit meiner Finanzkraft leistet man sich eine Weltordnung.» Das singt Claire Zachanassian in der Oper «Der Besuch der alten Dame» von Gottfried von Einem nach dem gleichnamigen Theaterstück von Friedrich Dürrenmatt. Die Fassung für das Musiktheater wurde 1971 an der Wiener Staatsoper uraufgeführt, mit der grossen Mezzosopranistin Christa Ludwig in der Titelpartie. Dürrenmatt selber hat dafür das Libretto verfasst. Das berühmte Zitat der alten Dame findet sich freilich bereits in der Vorlage von 1956.
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Damals, 1956 wie auch noch im Jahr 1971, konnte man diese Worte vielleicht als bewusst überzeichnete Kapitalismuskritik weglächeln. Mittlerweile aber scheint es, als seien die Worte von der Realität eingeholt worden. Wenn etwa Unternehmer wie Elon Musk ihre finanzielle und mediale Macht nutzen, um die Politik gezielt in ihrem Sinne zu beeinflussen, wenn nicht gar zu lenken.
Dies verschafft der Wiederaufführung der Dürrenmatt-Oper «Der Besuch der alten Dame» am Gärtnerplatztheater in München eine fast schon beunruhigende Relevanz. Gelegentlich wirkt das Stück wie ein künstlerischer Zerrspiegel unserer Zeit. Tatsächlich ist da in der Regie von Nikolaus Habjan und unter der musikalischen Leitung von Michael Balke die ausgesprochen sehens- und hörenswerte Ausgrabung einer Opernrarität geglückt. Daran hat nicht zuletzt die herausragende Sophie Rennert in der Titelpartie wesentlichen Anteil.
Zugleich ist die Neuproduktion eine Ehrenrettung für das Stück des 1918 in Bern geborenen und 1996 in Niederösterreich verstorbenen Komponisten von Einem. Denn trotz der prominent besetzten Uraufführung in Wien, die 1971 ein grosser Publikumserfolg war, hat sich das Werk nicht dauerhaft im Repertoire etablieren können. Dafür gibt es einige Gründe.
Einer davon mag ironischerweise gerade der Status der Vorlage sein, also des Schauspiels, das nicht nur in der Schweiz als moderner Klassiker gilt und fest zum Kanon der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gehört. Aber trifft dessen einst so kontrovers beurteilte Kritik an der brüchigen Moral im Kapitalismus heute wirklich noch ins Schwarze?
«Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral», heisst es in der Ballade «Denn wovon lebt der Mensch?» aus der «Dreigroschenoper» von Bertolt Brecht. Dürrenmatt greift das auf und lässt die fiktive Kleinstadt Güllen sowohl im ursprünglichen Theatertext wie im Libretto moralisch in Gülle versinken. Die Bewohner des Städtchens decken bereits das üble Spiel von Alfred Ill, das dieser in jungen Jahren mit Claire Zachanassian spielt. Als sie ein Kind von ihm erwartet, leugnet er die Vaterschaft und wird darin von den Bewohnern Güllens tatkräftig unterstützt.
Claire muss Güllen verlassen, wird in die Prostitution getrieben, kehrt nach 45 Jahren als schwerreiche Dame zurück und fordert Rache. Für Reichtum und Wohlstand müssen die Bewohner des unterdessen verarmten Güllen Alfred Ill töten. Sie tun es schliesslich – und müssten sich eigentlich auch selbst richten: nicht nur der Lynchjustiz wegen, sondern wegen ihrer einstigen Verstrickung in Vertuschung und Lüge.
Nach der Uraufführung im Januar 1956 am Zürcher Schauspielhaus – mit Therese Giehse in der weiblichen Hauptrolle – wurde dies in Teilen der Schweiz als ungerechtfertigte Kritik an der Heimat und sogar als Nestbeschmutzung verstanden. Die Stiftung Pro Helvetia lehnte seinerzeit den Antrag ab, Gastspiele des Stücks im Ausland zu unterstützen. Es sei kein «für den schweizerischen Geist charakteristisches und repräsentatives Werk», urteilte die Jury.
Seinen Weg auf alle bedeutenden Bühnen der Welt hat das Stück dennoch gefunden. Es gibt zahlreiche Übersetzungen, auch auf Russisch, denn Dürrenmatts «Tragische Komödie» wurde nicht nur im Westen vielfach aufgeführt, sondern ebenso in den Staaten des sowjetischen Machtbereichs. Schon 1964 kam eine erste Hollywood-Verfilmung mit Ingrid Bergman in die Kinos, seither folgten zahllose weitere Filme, die den Stoff direkt oder indirekt reflektierten. 1992 sorgte der Film «Hyänen» des senegalesischen Regisseurs Djibril Diop Mambéty für Aufsehen. Er lässt die «Alte Dame» in Afrika spielen.
Am nachhaltigsten wirkte indes aus heutiger Sicht die allererste Verfilmung von Ludwig Cremer aus dem Jahr 1959, entstanden für den damaligen Südwestfunk. Der radikale Minimalismus, bei dem überdies sichtbar Theaterkulissen eingesetzt werden, ist eine Vorwegnahme des bewusst theaterhaft inszenierten Kultfilms «Dogville» von Lars von Trier mit Nicole Kidman von 2003. Die Handlung selber basiert auf dem Dürrenmatt-Stoff, wobei am Ende eine Geflüchtete das gesamte Dorf niedermetzeln lässt.
Die Opernfassung Gottfried von Einems reicht, rein schöpferisch, an das Niveau der besten Filmadaptionen nicht heran. Das ist nicht so sehr dem Libretto von Dürrenmatt geschuldet, sondern der Musik. Mit grossem Pathos zelebriert von Einem eine Spätromantik, die 1971 endgültig aus der Zeit gefallen war. Selbst Werke wie «Salome» oder «Elektra» von Richard Strauss, eigentlich rund sechzig Jahre älter, wirken dagegen wie radikale Entwürfe eines Avantgardisten. Zudem entwickelt die Musik stellenweise eine gewisse Geschwätzigkeit. Zum Glück halten das Dirigat und die Regie am Gärtnerplatztheater gekonnt dagegen.
In seiner Inszenierung arbeitet Nikolaus Habjan wie gewohnt mit Puppen. Dabei wird diesmal aber nur die Titelrolle verdoppelt. Aus der alten Dame wird eine Furie mit roten Haaren und vollen roten Lippen. Im Gegensatz dazu ist Alfred Ill, dargestellt von Ludwig Mittelhammer, in Weiss gekleidet. Auf den ersten Blick erscheint die offensichtliche Unterscheidung in Gut und Böse etwas pauschal. Doch das Bühnenbild von Heike Vollmer ringt der Opernhandlung immer wieder eine verdüsterte, schauerliche Atmosphäre ab. In München erlebt man das Stück als kurzweiligen, aber auch beklemmenden Horrortrip. Eine durchaus eigenständige und so noch nicht oft gesehene Lesart des berühmten Stoffs.
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