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Vom Schreiben der Wahrheit in Island – Jón Kalman Stefánsson ist mit seinem neuen Roman ein irrwitziges Kunststück gelungen

Дата публикации: 09-07-2026 03:30:00

Mit «Himmelskörper am Rande der Welt» beweist der isländische Schriftsteller Jón Kalman Stefánsson seine überragenden Qualitäten. Es geht um ein Massaker an spanischen Walfängern, aber noch stärker um haarsträubende intime Verwicklungen und erotische Verfehlungen.

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Vom Schreiben der Wahrheit in Island – Jón Kalman Stefánsson ist mit seinem neuen Roman ein irrwitziges Kunststück gelungen

Mit «Himmelskörper am Rande der Welt» beweist der isländische Schriftsteller Jón Kalman Stefánsson seine überragenden Qualitäten. Es geht um ein Massaker an spanischen Walfängern, aber noch stärker um haarsträubende intime Verwicklungen und erotische Verfehlungen.

Franz Haas

09.07.2026, 05.30 Uhr


Gefahren lauerten beim Walfang nicht nur auf See. – Abraham Storck: «Niederländische Walfänger bei Spitzbergen». Gemälde, 1690.

Gefahren lauerten beim Walfang nicht nur auf See. – Abraham Storck: «Niederländische Walfänger bei Spitzbergen». Gemälde, 1690.

Ein wirklicher Geheimtipp für den Literaturnobelpreis ist der 1963 in Reykjavik geborene Isländer Jón Kalman Stefánsson nicht mehr, und mit seinem neuesten Streich, dem faszinierenden Roman «Himmelskörper am Rande der Welt», sind seine Chancen noch weniger klandestin. Im Zentrum von diesem historischen Epos steht ein authentisches Ereignis: Im Jahr 1615 erlitt eine Gruppe spanischer Walfänger Schiffbruch an der isländischen Küste, und vierzig von ihnen wurden von den Einheimischen ermordet und verstümmelt.

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Diese Gewaltexzesse waren vor allem bekannt durch die Überlieferung von Jón Gudmundsson, dem Gelehrten und «Magier», der nun in dem fabulierfreudigen Roman von Stefánsson aber nur eine Nebenrolle hat. Hier erzählt in Ich-Form eine erfundene Figur, der 40-jährige Pfarrer Pétur, in einem Brief an seine Tochter, die nicht weiss, dass er ihr Vater ist. Der Brief wächst sich aus zu einer endlosen Beichte, deren Adressatin natürlich auch die Leserschaft ist, eine Konfession der Kollektivschuld am Massaker an den fremden Schiffbrüchigen, aber auch ein Bekenntnis der eigenen Verfehlungen. Denn der schreibende Pfarrer konnte nicht lassen von den schönen Frauen.

Angeordnetes Gemetzel

Sprachmächtig, aber innerlich kleinlaut schreit er sein Geständnis in diesem intimen Brief, seine erotischen Verfehlungen mit mindestens drei verheirateten Frauen, die alle von ihm schwanger werden. Wie dieses Briefschreiben, so dienen auch seine Predigten in der Kirche der Wahrheit, wenn er am Ende vor seiner Gemeinde die Namen aller ermordeten Ausländer verliest und damit sich selbst in höchste Gefahr bringt. Denn das Gemetzel war von dem mächtigen, historisch verbürgten Amtmann Ari Magnússon angeordnet worden, der ihm nun nach dem Leben trachtet.

Pfarrer Pétur ist ein gebildeter Mann, «ein Hirte am Rande der Welt» und eine «ewig strauchelnde Kreatur». Er hat in Dänemark studiert, kennt nicht nur die Werke der Italiener Petrarca und Galilei, sondern auch Shakespeare und Kopernikus, dessen «schändliche Äusserungen über Erde und Sonne» ihn aber faszinieren. Als devoter Lutheraner lehnt er zwar die «Verirrungen des Papismus» ab, hat aber doch den Verdacht, «dass Gott uns schwindelerregende Dinge vorenthält». Vor allem glaubt er nicht, dass die getöteten Fremden «gottlose Männer aus einem fernen Land» waren, wie es die Obrigkeit darstellt, denn für Gott gibt es «nirgends auf der Welt Ausländer».

Jón Kalman Stefánsson im Jahr 2020.

Jón Kalman Stefánsson im Jahr 2020.

Einar Falur Ingólfsson

Dieser Wink auf die Ausländerfeindlichkeit in nördlichen Gefilden ist ein allzu deutlicher Zaunpfahl als Verweis auf das heutige Europa, aber Jón Kalman Stefánsson montiert ihn sehr raffiniert in sein Epos aus alten Zeiten. Noch besser gelungen sind die Beschreibungen der Seelennöte des Pfarrers und seines ewigen Kreuzwegs mit dem Eros. Vor allem Frauen entflammen ihn sehr leicht, besonders die verheirateten, was bei den damaligen Gesetzen brenzlig war, denn Ehebrecherinnen wurden ertränkt und die sündigen Männer enthauptet.

Da war zunächst vor etwa fünfzehn Jahren die faszinierend kluge Álfdís mit «ihren schönen grauen Augen», mit der er «alsbald zusammenfand», aber nur für eine Nacht, wie er in seinem redseligen Brief schreibt: «Wir sahen einander nie wieder, und neun Monate später kamst du zur Welt. Wurdest zur Tochter des Gemahls deiner Mutter erklärt.» Dieser seiner halbwüchsigen Tochter berichtet er, «der Schuft und der Herzensfromme», recht erstaunliche Fakten, immer mit Gott auf den Lippen und oft mit ziemlich pikanten Details aus der Schreibfeder – was sein «Geschreibsel» in Stefánssons Roman zu einem vergnüglichen Wechselbad aus Frömmelei und Freizügigkeit macht.

Lieben kreuz und quer

Dann ist da in der Gegenwart eine gewisse Katrín mit ihren flammenden Haaren («ein roter Wasserfall»), die mit dem sehr rechtschaffenen Hákon verheiratet ist, die jedoch die Liebe des schreibenden Priesters erwidert und so beider Todesstrafe riskiert. Mehr noch gefällt dem Pfarrer Pétur aber die Nachbarsfrau Helga, die sich ihm zwar gelegentlich hingibt, aber heillos an ihrem schwulen Mann Polvadur hängt. Dieser beichtet dem Priester-Rivalen seine Gewissensbisse, weil doch schon in der Bibel stehe, man solle «nicht bei einem Manne liegen wie bei einer Frau», und selbst der weise Luther habe gegen die «schändlichen Leidenschaften» der Sodomiten gepredigt.

So lieben sie sich kreuz und quer, Pétur und seine Angebeteten, wohlwissend, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen und dass der Analsex als Verhütungsmethode keine Dauerlösung ist. Dass ein Priester Derartiges in einem Brief an seine halbwüchsige Tochter schreibt, ist nicht recht glaubwürdig. Aber wie Jón Kalman Stefánsson das zu einem historischen Roman drechselt, in einer agilen Rollenprosa zwischen augenzwinkernder Schlüpfrigkeit und Gottesfurcht, das ist ein grosses witziges Kunststück.

Ein weiteres weibliches Prachtstück ist Dóróthea, Péturs Haushälterin, «ein Berg von einer Frau», zu der der Priester aber nur demütig aufsieht. Sie weiss alles und durchschaut alle, ist in der Literatur und im Leben bewandert, obwohl sie «weder des Lesens noch des Schreibens mächtig» ist. Mit ihrer dämonischen Klugheit spornt sie ihn zum Schreiben der Wahrheit an, überzeugt ihn, «dass die Feder stärker ist als das Schwert», dass das Massaker an den Fremden aus dem Süden nicht vergessen werden darf.

Dieser Übermensch in Frauenkleidern ist der Schutzengel des strauchelnden Protagonisten und das Sprachrohr des stets und gern frauenfreundlichen Autors Jón Kalman Stefánsson, der hier der angeblichen weiblichen Überlegenheit ein weiteres listig-amüsantes Denkmal setzt.

Jón Kalman Stefánsson: Himmelskörper am Rande der Welt. Roman. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig. Piper-Verlag, München 2026. 400 S., Fr. 37.90.

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