In einer Gemeinde in Oberbayern wurde ein Sozialpädagoge festgenommen. Er soll über Jahre hinweg junge Nachwuchsfußballer sexuell missbraucht haben.
In einer Gemeinde in Oberbayern wurde ein Sozialpädagoge festgenommen. Er soll über Jahre hinweg junge Nachwuchsfußballer sexuell missbraucht haben.
Eine wohlhabende Gemeinde in Oberbayern, in dem Ort leben gut 20.000 Einwohner auf oft teuren Grundstücken. In bundesweiten Umfragen und Statistiken, die den Wohnwert beurteilen, liegt die Gemeinde stets in der Spitzengruppe.
„Hier ist Heimat“, sagt der Altbürgermeister. Und doch hat sich schon vor Monaten eine Art Schatten über den Ort gelegt, der sonst allenfalls mit Verkehrsunfällen oder Raufereien in die Polizeimeldungen gerät. Ein böses Gerücht hält sich seit Monaten im Ort, es wird diskutiert in Gaststätten und sogar im Gemeinderat. Wilde Spekulationen könnten jetzt ein Ende haben: Kriminalbeamte nahmen am Donnerstag vergangener Woche (19. Juni) den studierten Sozialpädagogen Nikolaus S. (Namen verändert) fest, der Mann ist gut 60 Jahre alt. Dies bestätigte Kriminalhauptkommissarin Michaela Grob, Sprecherin des Polizeipräsidiums Oberbayern in Ingolstadt, auf Anfrage von FOCUS Online. (Details zu der Person und dem Ort sind der Redaktion bekannt, zum Schutze der Persönlichkeitsrechte des Verdächtigen verzichten wir hier auf deren Nennung, denn bis zu einem etwaigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.)
Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft gegen Nikolaus S.: Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen. Seine Opfer sollen junge Fußballer des lokalen Vereins gewesen sein, zwischen 11 und 14 Jahre alt. S. soll sie als Jugend- und Mannschaftsbetreuer vor und nach Spielen getroffen haben, ebenso in mehrtägigen Trainingslagern.
Die Festnahme von S. wird viele in dem Ort in Rage bringen. Denn: Immer wieder hatte es in den vergangenen Monaten Hinweise gegeben, dass es in Jugend-Fußballmannschaften zu sexuellem Missbrauch gekommen sein könnte. In diesem Zusammenhang fiel auch immer wieder ein Name – zumeist hinter vorgehaltener Hand: Nikolaus S. Erst später sollte sich durch Recherchen von FOCUS Online herausstellen, dass in der Gemeindeverwaltung und auch im Fußballverein mehrere Personen längst im Bilde waren – und darüber offenbar schwiegen, was wiederum Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Polizei erschwerte.
Den ersten Versuch, über die mutmaßlichen sexuellen Straftaten bei den jungen Fußballern zu informieren, startete der Vorstand des Fußballvereins. Der Vorsitzende lud am im November 2025 180 Eltern von Kindern und Jugendlichen, die 2023, 2024 und 2025 an Trainingslagern teilgenommen hatten, in das Rathaus der Gemeinde ein. Es habe womöglich einen oder mehrere sexuelle Übergriffe gegen junge Spieler gegeben, sagte der Vereins-Chef. Es gebe auch eine Person, die mit diesen Übergriffen in Verbindung gebracht werden könne – aber aus Gründen des Datenschutzes könne man dazu nichts sagen.
Viele Eltern fühlten sich an diesem Abend vor den Kopf gestoßen, zum Teil veralbert: In der Rathaus-Aula, voller Gerüchte und Sorgen um die Kinder, gingen drei Väter auf den anwesenden Bürgermeister zu. Wortführer Kevin B.: „Ich habe den Bürgermeister aufgefordert, sofort alle Vereine in der Gemeinde darüber zu informieren, dass in unserem Ort jemand unterwegs sein könnte, der Kinder missbraucht.“ Ob der Bürgermeister dem Wunsch der besorgten Väter nachkam, ist nicht bekannt. Kevin B.: „Ich habe von ihm nichts mehr erfahren!“
Dafür hörte sich FOCUS Online um: In mehreren Familien, ausgelöst durch den aus Sicht der Eltern enttäuschend spärlichen Info-Abend im Rathaus, schilderten jetzt mehrere Jungen angebliche Übergriffe und Handlungen ihres Betreuers. Man habe sich im Trainingslager zweimal am Tag, in Anwesenheit des Betreuers, mit stets heruntergezogener Hose duschen müssen. Ein junger Fußballer mit Bauchweh sei gezwungen worden, die Nacht im Schlafzimmer von Nikolaus S. zu verbringen. Ein 14-jähriger entwickelte sich den Angaben zufolge nach der Zeit im Trainingslager zum Bettnässer, ein anderer erlitt offenbar Panikattacken. Ein Vater, der seinen Sohn nach einem Auswärtsspiel abholen wollte, stieß nach eigenen Angaben in der Umkleidekabine auf Nikolaus S., der gerade seinen Sohn geküsst haben soll.
Die Justiz hielt erstmal still. Ein besorgter Vater, der in einer langen E-Mail an die Münchner Staatsanwaltschaft die Vorgänge in der Fußballabteilung beschrieben hatte, erhielt keine Antwort. Und ein langjähriges Vereins-Mitglied, offenbar sehr um das Ansehen des Vereins bemüht, sagte: „Diese schlimme Sache haben wir doch gut unter der Decke gehalten.“
Vor dem Elternabend, der alles ins Rollen bringen sollte, traf Nikolaus S. ein paar wichtige private Entscheidungen. So gab er aus „gesundheitlichen Gründen“ sein Amt als Vorsitzender eines Partei-Ortsvereins auf. Sein Nachfolger wollte sich auf Anfrage über die möglichen Beweggründe des Rücktritts von Nikolaus S. nicht äußern. Das Foto des früheren Vorsitzenden wurde anderntags gelöscht.
Überraschung auch in einem katholischen Sportverband, wo Nikolaus S. als Sportwart tätig war: Schon bald werde er nach Südamerika auswandern, sagte er. Warum nur, fragten sich da viele, warum in diesem Alter?
Eine Antwort könnte sein Strafregister liefern, das kaum jemand kennt. Vor rund 15 Jahren stand Nikolaus S. vor Gericht. Er war angeklagt, zwei Buben im Alter von zehn und zwölf Jahren sexuell missbraucht zu haben. Für den Fall, dass die Jungen ihre Eltern verständigen sollten, drohte er Prügel an. Tatort war seine Wohnung. Die Details des Verbrechens waren so schlimm, dass der Richter seinerzeit die Öffentlichkeit ausschloss.
Nach Recherchen von FOCUS Online verbrachte S. eine längere Haftzeit in der geschlossenen Abteilung in einer Psychiatrischen Klinik. Im Fall einer erneuten Verurteilung könnte ihm eine Sicherungsverwahrung drohen.
Auf die Reporter-Frage, ob der jetzt wieder Tatverdächtige überhaupt für die Jugendarbeit qualifiziert gewesen sei, sagte der Vereins-Veteran: „Er hat wohl sein Polizeiliches Führungszeugnis gefälscht!”
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