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Kinder-Missbrauch in Vaterstetten: Ganzer Bayern-Ort deckte Fußballbetreuer

Дата публикации: 03-07-2026 17:11:00

Der Missbrauchsskandal in einem oberbayerischen Fußballverein, den FOCUS online vor einer Woche aufdeckte, ist offenbar größer als bislang bekannt. Die Polizei war wohl darüber informiert, handelte aber offenbar nicht.

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Der Missbrauchsskandal in einem oberbayerischen Fußballverein, den FOCUS online vor einer Woche aufdeckte, ist offenbar größer als bislang bekannt. Die Polizei war wohl darüber informiert, handelte aber offenbar nicht.

Sie kamen mit nur wenigen Habseligkeiten. Rollkoffer, die Umhängetasche, eine Mappe mit Ausweisen und Fotos aus besseren Zeiten. Rund 1200 ukrainische Flüchtlinge fanden im März 2022, kurz nach dem russischen Überfall, Zuflucht im oberbayerischen Landkreis Ebersberg. Darunter auch die 33-jährige Dolmetscherin Oleksandra, 33, und ihr zwölfjähriger Sohn Leonid, beide traumatisiert von Krieg und Vertreibung.

Vaterstetten, eine wohlhabende Gemeinde mit rund 25.000 Einwohnern im Osten von München, hatte kurz zuvor in einem amtlichen Aufruf Familien gesucht, die die Flüchtlinge eine Zeitlang beherbergen sollten. So gerieten Oleksandra und Leonid an den Fußballbetreuer S., der 14 Jahre zuvor zwei Jungen brutal sexuell missbraucht und deswegen knapp drei Jahre in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen worden war.

Gleich in der ersten Nacht hört Oleksandra ihren Sohn (12) wimmern

Gleich in der ersten Nacht an ihrem vermeintlich nun sicheren Ort schreckte Oleksandra aus dem Schlaf auf. Aus dem Nebenzimmer hörte sie ihren Sohn wimmern. Als sie in den Raum stürmte, fand sie den nahezu nackten S. im Bett von Leonid vor, er hielt den schmächtigen Jungen fest im Griff. Im selben Zimmer, so das Gericht seinerzeit, war S. Jahre zuvor über zwei zehn und zwölf Jahre alte Buben hergefallen.

Im Rathaus klagte Oleksandra am nächsten Morgen ihr Leid, man vermittelte ihr und ihrem Sohn eine andere Unterkunft.

Der damalige Bürgermeister informierte nach Informationen von FOCUS online erst Tage später die zuständige Polizeiinspektion, zu der er einen guten Kontakt pflegte. Schon mehrmals soll er Beamte zu einer Brotzeit ins Rathaus eingeladen haben. Der Ex-Bürgermeister bestreitet dies vehement: „Die zuständige Polizeiinspektion wurde noch am selben Tag von meinen Kollegen aus dem Rathaus informiert, an dem sich die Mutter an die Gemeindeverwaltung wandte und nicht erst Tage später. Außerdem habe ich zu keinem Zeitpunkt Beamte zu einer Brotzeit ins Rathaus eigeladen.“

Der von dem Missbrauchsskandal betroffene Fußballverein SC Baldham Vaterstetten war vergangene Woche auffallend darum bemüht, die Rolle von S. im Verein herunterzuspielen. Der Mann, der sich in der Öffentlichkeit immer wieder als angebliches Vorstandsmitglied präsentiert habe, sei in Wirklichkeit eine ganz kleine Nummer ohne Befugnisse gewesen,  hieß es.

Dies kann aber nicht stimmen: Schreiben an Eltern und Einladungen für ein Trainingslager am Pillersee in Österreich waren mit seinem Namen und seiner Funktion als Leiter des  Lehrgangs unterschrieben. 

Fußballtrainer mit nackten Jungen unter der Dusche

FOCUS online liegen neben diesen Dokumenten zahlreiche Fotos vor, die S. in der Trainingsstätte beim Frühstück mit den ihm anvertrauten Kindern  im Alter von elf bis vierzehn Jahren zeigen. Bei Ausflügen hält er einzelne Buben bei der Hand. Zweimal am Tag mussten die Jungfußballer unter der Dusche ihre Hose ausziehen und anstarren lassen. Einer von ihnen, der über Bauchschmerzen klagte, wurde dazu verdonnert, in das Einzelzimmer von S. zu kommen und dort die Nacht zu verbringen.

Derzeit weiß niemand genau, was am Pillersee genau passiert ist. Fakt ist jedoch: Bei einzelnen Jungen traten  psychisch bedingte Beschwerden ein – wie Panikattacken und plötzliches Bettnässen. Im Prozess gegen S. stellte sich damals heraus: Er hatte seinen Opfern Prügel angedroht, falls sie mit ihren Eltern reden sollten. 

Verein mauert: „Haben schlimme Sache gut unter Decke gehalten“

Die Vereinsführung wollte sich auf zweimalige Anfrage von FOCUS online nicht zur Rolle von S. äußern. Sie gab auch keine Auskunft zum angeblich gefälschten polizeilichen Führungszeugnis, mit dem sich S. mutmaßlich den Zugang zu den Kindern verschafft hatte. 

Ein langjähriges Mitglied des Vereins hatte FOCUS online vergangene Woche fast triumphierend gesagt: „Diese schlimme Sache haben wir doch gut unter der Decke gehalten!“

Worte wie diese sind jetzt Anlass für strafrechtliche Ermittlungen: Die Staatsanwaltschaft München II will ganz genau wissen, wer und wann von den Missbrauchstaten und gefälschten Dokumenten wusste – und dieses Wissen verschwiegen hat.

Fußballverein wusste über sexuelle Übergriffe auf Jungen Bescheid

Juristen könnten dies als Strafvereitelung ansehen. Auch der bayerische Fußballverband will erfahren, was  sich genau zugetragen hat. Auf die Ermittler kommt viel Arbeit zu. Viele wussten offenbar Bescheid: Sogar in der Damenabteilung des Vereins kannte man die mutmaßlich kriminellen Übergriffe von S.

Der Verein hat schon jetzt einen großen Imageverlust erlitten. „Wer in unserem Ort und auch in den Nachbarvereinen  schickt sein Kind denn in einen so verkommenen Club, wo solche Personen ihr Unwesen treiben“, sagt ein Vater. Im Fußballverein mehren sich unterdessen die Stimmen, die eine schonungslose Aufklärung verlangen. Auch vom geschlossenen Rücktritt des Vereinsvorstands und der Fußballabteilung ist die Rede.

Vater droht: „Dafür gehe ich auch gerne in den Knast“

Kein Wunder, dass in der Gemeinde über das mutmaßlich kriminelle  Treiben von S. gesprochen wurde - aber nur hinter vorgehaltener Hand. Mehrere Eltern, die FOCUS online traf, scheuten eine Strafanzeige. Aus Angst, dass sie und ihr Sohn in die Ermittlungsakten geraten könnten und in einem öffentlichen Prozess aussagen müssten. Gleichwohl schaukelte sich die gereizte Stimmung hoch: „Wenn er meinem Jungen was angetan haben sollte, breche ich ihm beide Beine“, sagte ein Vater. „Dafür gehe ich auch gerne in den Knast.“

Die Missbrauchsaffäre erreichte schließlich auch die Lokalpolitik. S. war seit 2024 Vorsitzender eines traditionsreichen Ortsvereins. Dort war man im herbstlichen Vorwahlkampf 2025 geschockt über seine kriminelle Vorgeschichte und aktuelle Gerüchte.

Die Affäre wurde sehr still geregelt. S. trat von seinem Vorsitz zurück – aus gesundheitlichen Gründen.

Anm. der Red: Wir haben die Sicht des ehemaligen Bürgermeisters zu den Ereignissen im Artikel ergänzt und klar gemacht, dass er die Situation anders schildert als unsere Recherchen es ergeben haben.

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