Drei Mädchen, eine „weiße Frau“. Die Marienerscheinungen von 1876 lösten im Kulturkampf eine Eskalation mit Soldaten und Verhaftungen aus. Ex-Bürgermeister Werner Laub erinnert mit Mitstreitern an die Ereignisse – samt Vorträgen und Nachstellung.
Special | Marpingen · Drei Mädchen, eine „weiße Frau“. Die Marienerscheinungen von 1876 lösten im Kulturkampf eine Eskalation mit Soldaten und Verhaftungen aus. Ex-Bürgermeister Werner Laub erinnert mit Mitstreitern an die Ereignisse – samt Vorträgen und Nachstellung.
„Von hier aus sieht man prima auf den Härtelwald“, sagt Werner Laub und zeigt in die entsprechende Richtung. Wir stehen auf dem Balkon des Laubschen Einfamilienhauses in Marpingen. Etwa drei Steinwürfe von der Marienkapelle im Härtelwald entfernt, lebt der frühere Bürgermeister, der von 1990 bis 2016 die Geschicke der Alstal-Gemeinde leitete, mit seiner Frau Gertrud.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden.
Die allerdings ist am Morgen zu einer Reha-Maßnahme aufgebrochen und Laub vorübergehend Strohwitwer. Doch der Ex-Verwaltungschef wird sich nicht langweilen. Was nicht nur daran liegt, dass die beiden Enkelkinder sowie ein Enkel-Hund und ein -Katerchen ihn auf Trab halten. Vielmehr widmet Laub sich seit Monaten – mit einigen Mitstreitern – einem Projekt, in das er viele Gedanken und Stunden investiert. Gemeint ist das Erscheinen der „weißen Frau“. Ein Ereignis, das das ehemalige Bergmannsdorf in den Fokus der Geschichte rückte.
„Es geht nicht um die Ereignisse von 1999 – das war eine völlig andere Veranstaltung –, sondern um die von vor 150 Jahren, als drei Marpinger Mädchen im Härtelwald die Muttergottes erschienen sein soll“, klärt Laub auf und geht gedanklich zurück in das Jahr 1876.
Marpingens Altbürgermeister Werner Laub hat die Arbeitsgemeinschaft „Marpingen 1876: Ein Dorf schreibt Geschichte“ ins Leben gerufen. Foto:B&K
Foto: Bonenberger & Klos/B&KErscheinungen in Marpingen entwickelten sich zur politischen Machtprobe
Erscheinungen gab es zu jener Zeit, in der die katholische Landbevölkerung politisch unterdrückt wurde und wirtschaftliche Not litt, auch andernorts. Etwa im niederbayrischen Mettenbuch oder im ostpreußischen Dietrichswalde. Das Besondere an Marpingen war, dass die Marienerscheinungen von 1876 nicht nur ein religiöses Ereignis waren, sondern sich innerhalb kürzester Zeit zu einer politischen Machtprobe zwischen der katholischen Bevölkerung und einem übergriffigen preußischen Staat unter Bismarck entwickelten.
„Der zentrale Punkt in Marpingen war der Kulturkampf“, sagt Laub und zieht Parallelen zur heutigen Zeit, wo US-Präsident Trump und seine Entourage offensiv Papst Leo XIV. attackieren. „Damals war es ein Konflikt zwischen Reichskanzler Otto von Bismarck und Papst Pius IX.“, erzählt Laub.
Nachdem die sogenannten Maigesetze von 1873 den staatlichen Zugriff auf die Kirche massiv ausweiteten, landeten viele katholische Priester im Gefängnis, wenn sie sich weigerten, einen Eid auf den Staat abzulegen. „Auch der damalige Trierer Bischof Matthias Eberhard wurde inhaftiert, weil er sich weigerte, die Maigesetze umzusetzen“, berichtet Laub.
Und, dass die Priester von Alsweiler, Marpingen und Urexweiler den Eid ebenfalls verweigerten. Die drei Nachbarpfarrer – Jakob Neureuter (Marpingen), Kaplan Konrad Schneider (Alsweiler) und Peter Schwingel (Urexweiler) – bildeten eine Art Schicksalsgemeinschaft im Widerstand gegen die kirchenfeindlichen Gesetze Bismarcks, was auch Neureuter und Schneider temporär ins Zuchthaus brachte.
Doch zurück in den Härtelwald. Dort soll Margaretha Kunz, Katharina Hubertus und Susanna Leist am Morgen des 3. Juli 1876 eine weiße Frau mit Kind erschienen sein. So berichteten es die drei Achtjährigen nachmittags ihren Eltern. „Die waren anfangs wohl skeptisch, dennoch sind sie tags darauf mit den Kindern in den Wald gegangen“, berichtet Laub von den Ereignissen. Den Kindern trugen sie auf, die Frau zu fragen, wenn sie ihnen noch einmal erscheine, wer sie sei. „Ich bin die unbefleckt Empfangene“, soll diese geantwortet haben – was dem entsprach, was die Muttergottes 18 Jahre zuvor auch in Lourdes gesagt haben soll. Weshalb Marpingen schnell als das „Deutsche Lourdes“ tituliert wurde.
Gläubigen bewies das die Echtheit der Vorkommnisse. Zumal schnell von Heilungen die Rede war, weshalb innerhalb kürzester Zeit täglich bis zu 20.000 Menschen nach Marpingen pilgerten. Das wiederum deuteten Bismarck und seine Beamten als Affront gegen die preußische Staatsgewalt – und schickten das Militär.
Am 13. Juli rückte das achte rheinische Jägerbataillon mit aufgepflanzten Bajonetten in Marpingen ein und räumte gewaltsam den Wald. Marpingen wurde militärisch besetzt, der Härtelwald zum Sperrgebiet. Viele wurden verhaftet und die drei Mädchen kamen nach St. Wendel in eine Besserungsanstalt.
Im Frühjahr 1879 kam es vor dem Zuchtpolizeigericht in Saarbrücken zum Prozess gegen 22 Angeklagte. Alle Hauptangeklagten wurden freigesprochen. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass die Kinder subjektiv etwas gesehen hatten. Eine bewusste Täuschung durch die Geistlichen war nicht nachweisbar.
Obwohl die katholische Kirche somit obsiegte, blieb die offizielle Anerkennung der Erscheinungen aus – wohl auch, um den Frieden mit Berlin zu wahren. Der Härtelwald wurde aber zum Symbol des passiven Widerstands – ein Ort, an dem sich das einfache Volk erfolgreich gegen die Übermacht eines übergriffigen Staates behauptet hatte. „Die Stärke des Rechts hatte sich gegen das Recht des Stärkeren durchgesetzt“, bilanziert Laub.
An all diese Vorkommnisse soll jetzt mit einer Veranstaltungsreihe erinnert werden. Unter anderem wird der Harvard-Professor David Blackbourn zu einer Podiumsdiskussion erwartet. Blackbourn ist Autor eines Buches, das heute als Standardwerk über den deutschen Kulturkampf gilt. Auch die Räumung des Härtelwaldes durch die preußischen Soldaten soll nachgestellt werden, wofür übrigens noch Laiendarsteller gesucht werden.