Historische Umbrüche in Europa bringen seit je das «Problem Deutschland» hervor. Jetzt ist es wieder so weit. Was ist der Platz des mächtigsten Landes auf dem Kontinent? Ein Blick in die Geschichte und die Gegenwart.
Historische Umbrüche in Europa bringen seit je das «Problem Deutschland» hervor. Jetzt ist es wieder so weit. Was ist der Platz des mächtigsten Landes auf dem Kontinent? Ein Blick in die Geschichte und die Gegenwart.
Andreas Ernst11.07.2026, 05.30 Uhr

Edwin Reichert / AP
«Armes Deutschland, zu gross für Europa, zu klein für die Welt.» Der spöttische Satz wird Henry Kissinger in den Mund gelegt. Wann und wo er ihn sagte – selbst ob –, ist ungewiss. Vielleicht im Zusammenhang mit der deutschen Vereinigung nach 1989? Das würde passen: Denn immer in historischen Umbruchphasen wird die «deutsche Frage» neu gestellt.
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Aus europäischer Warte heisst sie: Welche Rolle soll das stärkste Land in der Mitte des Kontinents spielen? Ihn anführen? Oder als «Erster unter Gleichen» zwischen den Ländern vermitteln? Sollte man es zurückbinden? Oder versuchen, Deutschland in eine Gemeinschaft zu integrieren? Die Frage ist so alt wie der deutsche Nationalstaat, den gibt es seit 1871.
Jetzt stellt sie sich wieder: vier Jahre nach dem Grossangriff Russlands auf die Ukraine, den der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz treffend als Zeitenwende bezeichnete. Die Entfremdung Europas von Trumps Amerika hat die Zäsur vertieft. Und die beiden Prozesse – Europas Abwehr gegen Russland und seine Entfremdung von Amerika – verstärken sich wechselseitig. Denn sie machen klar: Europa ist auf sich allein gestellt. Und Deutschland, mittendrin, muss sich zu der neuen strategischen Lage verhalten. Ob es will oder nicht.
Das geschieht auch. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte kurz nach seinem Amtsantritt: «Wir werden die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee in Europa machen.» Das ist ein grosses Wort. Aber tatsächlich gibt Deutschland bereits in diesem Jahr in absoluten Beträgen mehr für Verteidigung aus als jeder andere europäische Staat – abgesehen von Russland mit seiner Kriegswirtschaft. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen Deutschlands Militärausgaben dreimal so gross sein wie zu dessen Beginn.
Damit will die Regierung einer neuen strategischen Kultur Rechnung tragen. Merz nennt es «wertegebundenen Realismus». Dieser akzeptiert die Grossmachtrivalität als das Zeichen der Zeit, in der von den Rohstoffen über neue Technologien bis zu den Lieferketten alles ein Machtinstrument ist. In dieser Welt, so der Bundeskanzler, dürfe Deutschland kein Spielball sein. Es müsse mitgestalten.
Das sind neue Töne. Was sagen die andern Europäer dazu? Gilt weiterhin der Satz des polnischen Aussenministers Radoslaw Sikorski, der 2011 während der Finanzkrise sagte, er fürchte deutsche Macht weniger als deutsches Nichtstun?
1945 veröffentlichte der Zürcher Europa-Verlag den Bericht einer Studiengruppe der britischen Denkfabrik Chatham House: «Das Problem Deutschland». Die Studie war vom Royal Institute of International Affairs in Auftrag gegeben worden. Sie versucht die Frage zu beantworten, wie Deutschland nach dem verlorenen Weltkrieg europaverträglich gestaltet werden könne. Sie hätten darauf keine endgültige Antwort, schreiben die Autoren, diskutieren aber die deutsche Mentalität, mögliche Landesgrenzen und Staatsformen.
Vieles in der Schrift atmet den Geist der Zeit. Der Text wurde im Mai 1943 geschrieben, zwei Jahre vor der Kapitulation Nazideutschlands, die nach der Niederlage von Stalingrad bereits feststand. Doch zumindest ein Punkt beschäftigte Deutschlands Nachbarn lange darüber hinaus: Es gebe einen Zielkonflikt, schreiben die Autoren, zwischen der wirtschaftlichen Prosperität Deutschlands und der Sicherheit Europas.
Eine wirtschaftlich überragende Macht in der Mitte des Kontinents könne leicht wieder zur Gefahr werden. Deshalb müsse zumindest die Wiederaufrüstung Deutschlands um jeden Preis verhindert werden. Das war eine Lehre aus der Zwischenkriegszeit.
Deutschland hatte nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, zuerst insgeheim, dann offen, aufgerüstet und war in den späten 1930er Jahren bereit, wieder loszuschlagen. Mit dem Überfall auf Polen begann es 1939 den Zweiten Weltkrieg. Die Sieger beantworteten 1945 die deutsche Frage mit der Teilung des Landes. Die Mauer wurde die Nahtstelle zwischen Ost und West im Kalten Krieg.

Grimm / Ullstein / Getty
Sind die Deutschen Wiederholungstäter? Die Frage trieb 1990 die konservative britische Premierministerin Margaret Thatcher um, als sie fünf Monate nach dem Fall der Mauer eine Runde prominenter Historiker im Landhaus Chequers versammelte und wissen wollte: Haben die Deutschen sich verändert? Was macht ihre Vereinigung mit Europa? «The German question» war auch bei dieser Zeitenwende auf der Tagesordnung.
Thatcher glaubte an einen Nationalcharakter der Völker. Die Deutschen, war sie überzeugt, neigten zu Angst, Aggressivität und Sentimentalität – und das mache sie für Europa gefährlich. Die herbeigerufenen Historiker waren etwas verwundert über die Fragestellung der Regierungschefin. Sie verwiesen auf die stabile Demokratie der Bundesrepublik. Doch wirklich beruhigen konnten sie Thatcher nicht. Die «Eiserne Lady» plädierte dafür, sowjetische Truppen in Deutschland zu belassen. Für alle Fälle.
Unter den Westmächten setzte sich dank amerikanischer Fürsprache die französische Position durch: Das vereinigte und vergrösserte Deutschland sollte noch stärker in die Europäische Gemeinschaft eingebunden werden. Es würde die D-Mark aufgeben und einer künftigen Währungsunion beitreten. Zudem blieb die Grenze zu Polen unantastbar. Für die Amerikaner war entscheidend, dass das neue Deutschland ein vollwertiges Nato-Mitglied sein und die Westbindung bekräftigen würde. Für linke Ideen einer deutschen Neutralität gab es ein Veto.
Die Furcht vor einer Renaissance des deutschen Nationalismus gab es damals auch in Deutschland selber. Einer, der davor warnte, war der Philosoph Jürgen Habermas. Er hatte sich nach marxistischen Anfängen seit den 1970er Jahren zunehmend mit der liberalen Demokratie der Bundesrepublik angefreundet und pries ihre Westbindung als historischen Erfolg.
Die Bonner Republik war als Teil-Deutschland kein klassischer Nationalstaat gewesen. Habermas sah in den 1980er Jahren eine «postnationale Konstellation» entstehen und verband damit die Hoffnung, der Kontinent könnte die Geissel des Nationalismus ein für alle Mal hinter sich lassen. Die Demokratie sollte in die europäische Dimension wachsen, über die Nationen hinaus.
Doch der Zusammenbruch des Sowjetimperiums, der Aufbruch der Nationen Osteuropas und der Zerfall Jugoslawiens machten diesen Traum zunichte. Der Nationalismus war mit Macht zurück und schon wieder eine treibende Kraft in Europa. Das experimentelle Nischendasein der BRD, provinziell und kosmopolitisch zugleich, war mit der Vereinigung beendet.

Wolfgang Rattay / Reuters
Für Helmut Kohl, den Kanzler der Wende, waren Deutschlands Einbettung in Europa und der Ausgleich mit Frankreich die zentralen Lehren der Geschichte. Das änderte nach der Jahrhundertwende mit Angela Merkel, die als Ostdeutsche mit solchen historischen Rücksichten deutlich weniger anzufangen wusste. Aber auch sie vermied es vorerst, die deutsche Frage als Machtfrage zu stellen. Deutschland, so Merkel, müsse seine Kraft durch Mässigung, Vermittlung und Verantwortung beweisen.
Doch immer wieder entpuppte sich Merkels Pragmatismus als rücksichtslose Interessenpolitik. Zuerst, als sie nach 2008 in der Euro-Krise den Schuldnerländern eine unbarmherzige Sparpolitik aufzwang. Und später in der Flüchtlingskrise, als sie ihre freizügige Migrationspolitik auch bei den Nachbarn durchzusetzen versuchte, daran aber scheiterte.
Merkels lange Zeit erfolgreiche Strategie beruhte auf drei Säulen: dem militärischen Schutz der USA, Chinas Absatzmärkten und russischer Energie. Gegen den heftigen Widerstand von Osteuropäern und Skandinaviern setzte sie den Bau von Nord Stream 2 durch. Das Land, eingebettet in den Handelsriesen EU, verstand sich als Wirtschaftsmacht von Weltgeltung – aber nicht als europäische Führungsnation.
Kritiker sprachen gelegentlich von einer «Verschweizerung Deutschlands» und beklagten den Mangel strategischen Denkens, das Wirtschaft und Sicherheit zusammenfasse. Doch viele Deutsche hielten das eher für ein Privileg: Politische Probleme von der Wirtschaft her zu lösen, hiess auch, sich von vielen Konflikten fernzuhalten.
Und jetzt? Der lange Urlaub von der Weltgeschichte, wie Peter Sloterdijk sagt, ist zu Ende, und zum dritten Mal seit 1945 stellt sich die deutsche Frage.

Reuters
Als Scholz 2022 die Zeitenwende ausrief und Widerstand gegen Russlands Aggression ankündigte, begrüssten das die europäischen Nachbarn. Und als Merz vor einem Jahr entschied, den Worten Taten folgen zu lassen und die Bundeswehr zur stärksten Armee Europas zu machen, rieben sich zwar manche die Augen. Aber zumindest offiziell war das Echo immer noch positiv. Deutschland übernimmt Verantwortung.
In Paris und Warschau fragte man sich allerdings: Schaffen die das? Denn weit verbreitet ist der Unwille in der deutschen Bevölkerung, sich einer neuen Wehrpflicht zu unterziehen. Und der tief verankerte Pazifismus und die Angst vor dem Rückbau des Sozialstaats machen Merz’ Aufrüstung tatsächlich zu einem politischen Wagnis.
Doch seit im Juni das deutsch-französische Kampfflugzeugprojekt (FCAS) gescheitert ist, wird in der Nachbarschaft noch ein ganz anderes Unbehagen spürbar. Gelingt die deutsche Aufrüstung, verändert sich das militärische Gleichgewicht innerhalb Europas fundamental. Das war bekannt. Aber die brüske Art und Weise, mit der Merz das kriselnde FCAS-Programm abblies, und die Eile, mit der die deutsche Rüstungsindustrie bekanntgab, allein einen Kampfjet der 6. Generation bauen zu wollen, haben in Frankreich, aber auch in Polen für Verstimmung gesorgt.
Sie wird in beiden Ländern von der rechtspopulistischen Opposition angeheizt: «Wir haben es immer gesagt», meldete sich aus Paris Jordan Bardella, die Nummer zwei des Rassemblement national (RN), zu Wort: «Deutschland demütigt Frankreich.» Die Antwort darauf müsse ein neues französisches Kampfflugzeug sein. Doch Frankreich kann sich das finanziell nicht leisten.
Nur Deutschland hat in Europa die fiskalischen Mittel für grosse Rüstungsprojekte und eine so umfassende Modernisierung der Armee. Hinzu kommt nun auch ein starkes wirtschaftliches Motiv: Die Krise der (Automobil-)Industrie macht Investitionen in deutsche Rüstungsgüter zu einem industriepolitischen Rettungsanker. Der Druck der chinesischen Konkurrenz könnte zu einem Militär-Keynesianismus führen. Dann rollen bei VW vielleicht bald Panzer statt Personenwagen vom Band.
Haben die Deutschen überhaupt noch Interesse an gemeinsamen europäischen Rüstungsprojekten? Der französische Politikanalytiker Grégoire Roos warnt vor der Wiederkunft der alten Rivalitäten: Grossbritannien und Frankreich, die beiden Atommächte, rücken enger zusammen, weil das dominante Deutschland die Mitteleuropäer um sich schart. In Europa könnten sich konkurrierende Bündnisse bilden, wie vor dem Ersten Weltkrieg. Und was, wenn in Berlin die AfD und in Paris das RN regiert? Für Putin wäre es die perfekte Konstellation.
Dass solche Szenarien überhaupt erörtert werden, zeigt vor allem, wie entscheidend der amerikanische Beitrag für die europäische Einigung war: Unter dem militärischen Schutzschirm Washingtons konnte sich die EU als Wirtschaftsmacht und Friedensprojekt etablieren, von der alle Mitglieder profitierten – wenn auch nicht gleichermassen. Die alteuropäischen Spannungen jedenfalls schienen definitiv überwunden.
Die richtige Antwort auf die aktuelle deutsche Frage ist klar: Deutsche Übermacht muss durch die Integration in europäische Strukturen entschärft werden. Wie schon 1989. Doch anders als damals fehlt der amerikanische Freund, der den Prozess anleitet. Die Europäer müssen es allein zuwege bringen.
Hannes Glaus
vor 30 Minuten
Ohne deutsche Aufrüstung gibt es keine europäische Eigenständigkeit. Man muss es wohl versuchen ... mit einem bangen Seitenblick auf den Nazi-Terror.
Maik Rothe
vor 49 Minuten
Neutral und fleißig steht Deutschland am besten.
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