Oliver Blume will den Autokonzern radikal umbauen, lässt aber wichtige Dinge offen. Die Kommunikation des Vorstands sorgt bei der Belegschaft und in der Politik für Entsetzen.
Oliver Blume will den Autokonzern radikal umbauen, lässt aber wichtige Dinge offen. Die Kommunikation des Vorstands sorgt bei der Belegschaft und in der Politik für Entsetzen.

Kay Nietfeld / DPA
Oliver Blume hat nicht bekommen, was er wollte. Wie viele Zeitungen seit Wochen übereinstimmend berichten, wünscht sich der VW-Chef für seinen Autokonzern ein radikales Sparprogramm: Werke in Deutschland sollen schliessen, über 100 000 Stellen abgebaut werden.
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Um all das umzusetzen, braucht Blume aber das Einverständnis des Aufsichtsrats. Dieser tagte am Donnerstagnachmittag in der Konzernzentrale, das Industrie- und Autoland Deutschland blickte gespannt nach Niedersachsen.
Als der VW-Konzern am späten Abend über den Ausgang des Gipfeltreffens informierte, verkündete das Unternehmen zwar einen «Zukunftsplan». Konkrete Sparmassnahmen erwähnt es darin aber nicht. Eine Schmach für den Konzernchef, so urteilen erste Beobachter.
Doch Blume will geduldig bleiben. Womöglich dachte er sich bereits von Anfang an: Wolfsburg wurde nicht an einem Tag erbaut.
Bei VW steht nun das Ziel des Vorstands fest. Der Konzern soll künftig weniger Modelle anbieten, die Produktionskapazität soll von 12 auf 9 Millionen Fahrzeuge im Jahr sinken. Wie diese Vorgabe aber konkret umgesetzt wird, ist weiterhin offen. Das Unternehmen gab keine Auskunft darüber, wie viele Stellen für die neuen Pläne wegfallen sollen – und ob sogar ganze Werke geschlossen werden.
Am Tag nach der Verkündung des Zukunftsplans für seinen Konzern steigt der Druck auf den VW-Chef Oliver Blume.
So stellte Daniela Cavallo, die Betriebsratschefin von VW, Blume ein Ultimatum: Noch am Freitag müsse er öffentlich zu den Gerüchten um den Abbau von Stellen sowie mögliche Schliessungen von Werken Stellung beziehen: «Kommt der Konzernchef der Aufforderung nicht nach, gibt es nach der Sommerpause VW-weit und zeitgleich ausserordentliche Betriebsversammlungen, um die Vorstände dort ans Mikrofon zu zitieren.» Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft sei «an Respektlosigkeit nicht mehr zu überbieten», sagte Cavallo. Blume stehe in der Pflicht, «diesen massiven Schaden wenigstens noch zu begrenzen».
Thorsten Gröger, Verhandlungsführer der Gewerkschaft IG Metall, nannte die Kommunikation des Vorstands ein «absolutes Desaster». Er sagte: «Ganze Regionen werden in Angst und Schrecken versetzt.»
Auch Grant Hendrik Tonne, SPD-Wirtschaftsminister des Bundeslandes Niedersachsen, kritisierte Blume. Er fordere vom VW-Konzern ein tragfähiges Konzept, bei dem ein weiterer Stellenabbau und Werkschliessungen ausgeschlossen werden. Tonne spricht von einer «Kommunikation der Angst», wie er in einem Gespräch mit NDR Info sagt. Die Verunsicherung in der Belegschaft sei mit den Händen greifbar. «Das ist unanständig, so mit den Kolleginnen und Kollegen umzugehen.»

Imago
Der Konzernvorstand Oliver Blume hatte dem Aufsichtsrat des Unternehmens am Donnerstagnachmittag ein umfangreiches Paket mit zwölf Initiativen vorgestellt. Welche konkreten Massnahmen er vorschlug, verschwieg Blume.
Im Voraus hatten mehrere Medien jedoch berichtet, Blume werde den Aufsichtsräten einen konkreten Sparplan vorlegen – ein «Group Target Picture», hiess es intern. So wolle der VW-Vorstand weltweit über 100 000 Stellen streichen und vier Werke des Konzerns in Deutschland schliessen. Die VW-Werke in Emden, Hannover und Zwickau sowie das Audi-Werk in Neckarsulm stünden zur Disposition.
Dass VW in dem Zukunftsplan am Donnerstagabend keine klaren Sparvorgaben bekanntgab, ist ein Indiz: Sollte es in der Sitzung des Aufsichtsrats zu einer Abstimmung über den Plan gekommen sein, hat Blume dafür keine Mehrheit erhalten.
Erklären lässt sich das mit der Zusammensetzung des Gremiums, denn im Aufsichtsrat gibt es Lager mit unterschiedlichen Interessen. Die Familien Porsche und Piëch sowie die Repräsentanten des katarischen Staatsfonds Qatar Investment Authority sollen gemäss Berichten als wichtige Aktionäre die Sparpläne des VW-Chefs stützen. Die Vertreter der Arbeitnehmer sowie des Bundeslandes Niedersachsen hingegen lehnen die Werkschliessungen ab.
Auch in anderen Themen scheinen die Meinungen auseinandergelegen zu haben. So berichtete die «Bild»-Zeitung, dass die Vertreter des katarischen Staatsfonds, des drittgrössten Aktionärs bei VW, ein Veto gegen eine Übernahme des VW-Werks in Osnabrück durch den israelischen Rüstungskonzern Rafael eingelegt hätten. Wie die «Financial Times» im Frühling berichtete, wollte VW mit einer Kooperation die 2300 Arbeitsplätze an dem Standort retten.
Der VW-Vorstand wird demnächst erklären müssen, wie er die genannten Punkte aus dem Zukunftsplan erreichen will. Auch wenn Blume jetzt Dinge wie Werkschliessungen und den Abbau weiterer Stellen verschweigt: Allen Beteiligten ist klar, dass ein Konzernchef bei einer Halbierung der Modellpalette auch Einschnitte bei der Belegschaft erwartet.
Blume will neu verhandeln, was er bei den letzten grösseren Verhandlungen mit den Betriebsräten vereinbart hatte: In einer Erklärung von Volkswagen mit den Arbeitnehmern von Ende 2024 ist festgehalten, dass betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2030 ausgeschlossen seien. Die Vereinbarung garantiert ausserdem den Erhalt der grösseren Werke in Deutschland.
Wie das «Handelsblatt» mit Verweis auf Konzernkreise schreibt, soll Blume seinen Sparplan nun in mehreren Etappen vorantreiben. Die «Süddeutsche Zeitung» berichtet, dass der Konzernchef seine Strategie für die nächste Sitzung des Aufsichtsrats im September an wesentlichen Stellen nachbessern müsse, weil das vorgestellte Konzept zu unscharf gewesen sei.
In einem sind sich alle Beteiligten einig: Will VW eine gute Zukunft haben, wird es grundlegende Veränderungen brauchen. Bei den Vorstellungen zur Umsetzung liegen aber Welten zwischen den verschiedenen Lagern.
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