Die Band hat eine neue Hymne für ihre Heimatstadt veröffentlicht. Man wird „Düsseldorf“ in den nächsten Jahren ganz sicher oft hören und mitsingen. Deshalb bieten wir den Text als Poster zum Download an.
„Düsseldorf, ich knie vor dir nieder“: Die Toten Hosen.
Foto: Fotos: SWR/Donata Wenders | Illustration: Martin FerlDüsseldorf · Die Band hat eine neue Hymne für ihre Heimatstadt veröffentlicht. Man wird „Düsseldorf“ in den nächsten Jahren ganz sicher oft hören und mitsingen. Deshalb bieten wir den Text als Poster zum Download an.
Düsseldorf hat nun also eine neue Stadthymne. Die Toten Hosen haben sie geschrieben, und sie ist ein Liebeslied. Es ist nicht allzu verwegen zu sagen: In den nächsten Jahren wird man „Düsseldorf“ bei vielen Gelegenheiten hören und mitsingen, wo Menschen zusammenkommen, um zu feiern. Diese dreieinhalb Minuten werden der Soundtrack schöner Erlebnisse sein. Karneval, Rheinkirmes: Textsicherheit erwünscht.
Es wirkt, als hätten sich die Toten Hosen in den mehr als 40 Jahren ihrer Bandgeschichte allmählich an diesen einen Song herangetastet, an einen Song mit diesem Titel. Sie haben der Stadt, in der sie ihre Band 1982 gründeten, zwar schon früher in anderen Liedern gehuldigt. Auf rotzige und sarkastische Weise etwa in „Modestadt Düsseldorf“ (1983). Ziemlich besoffen im „Altbierlied“ (1986). Tastend, unausgesprochen und um allgemeine Gültigkeit bemüht in „Meine Stadt“ (1999). Lärmend in „ICE nach Düsseldorf“ (2017). Und irgendwie ja auch in der Hymne „An Tagen wie diesen“ (2012), wo sie das Glück an den Rheinterrassen finden.
„Düsseldorf“ ist jedoch die intensivste Umarmung. Campino hat uns erzählt, wie es dazu gekommen ist. Er sei von einer Waldwanderung im Münsterland in die Küche des Hofs zurückgekehrt, wo die Gruppe ihr letztes Album „Trink aus, wir müssen gehen!“ aufgenommen hat. Er habe die ersten Zeilen des Songs vor sich hingesungen – sie seien einfach dagewesen: „Düsseldorf, ich komme wieder“. „Das war der Anfang“, sagt Campino, „dann haben wir erst die Musik dazu gemacht. Einer der seltenen Momente bei uns, wo die Worte eher da waren als die Musik.“
Es war Campinos Absicht, das Publikum in der ersten Strophe glauben zu lassen, das sei ein klassischer Beziehungssong. Erst in der zweiten Strophe löst er auf, dass der singende Schwärmer gar keinen Menschen vor sich hat. Sondern unsere Stadt. „Ich habe immer Angst, dass wir zu breitbeinig daherkommen und es etwas Aggressives hat, wenn wir solche Lieder singen, sodass die Leute aus anderen Städten sich wegdrehen und sagen: Ach, die schon wieder“, sagt Campino. „Ob unser Lied bescheiden geblieben ist, weiß ich nicht. Ich habe mich sehr bemüht, dass das nicht aus so einer Hybris heraus rüberkommt: Wir sind die geilste Stadt der Welt, sondern dass man schon versteht: Wir machen es uns hier so schön wie möglich, alle zusammen. Das reicht ja dann.“
Die Toten Hosen sind ohne diese Stadt nicht vorstellbar. In ihren Anfängen rebellierten sie gegen das Düsseldorf-Klischee: Ratinger Hof versus Kö. Sie interessierten sich nicht für den Glamour, sondern für die schmutzigeren Ecken. Sie schärften ihr Profil, indem sie gegen die Stadt ansangen, die sie damals schon liebten. Im Laufe der Zeit engagierten sie sich bei vielen Gelegenheiten für ihr Zuhause und für wohltätige Organisationen. Als Fortuna Düsseldorf Geld für die Verpflichtung von Anthony Baffoe fehlte, erhoben sie bei Konzerten unter dem Motto „Ein Bein für Baffoe“ eine zusätzliche „Fortuna-Mark“ für die Abslösesumme, um den Transfer zu retten. Später sponsorten sie den Verein erneut, und es entstand eines der coolsten Fußballtrikots überhaupt: das mit dem Totenkopf-Logo.
Und sie sind immer da, wo was ist und war. Sie zeigen sich im Stadion. Sie nahmen an Rosenmontagszügen teil, einmal unter dem Motto „Wir beerdigen den guten Geschmack“. Sie unterstützten die DEG, spielten im legendären „Powerplay des Wahnsinns“ an der Brehmstraße Eishockey gegen die Leningrad Cowboys, was heute als Kunstperformance durchginge. Sie wurden als Düsseldorfer des Jahres ausgezeichnet, und für viele sind sie ohnehin „Düsseldorfer all der ganzen Jahre“, um mal einen Liedtitel der Hosen zu zitieren.
Das größte Bekenntnis zu Düsseldorf gaben sie, als sie auf dem Südfriedhof eine Grabstätte für 17 Personen reservierten. „Da liegen schon drei Leute von uns, und wir werden ihnen folgen“, sagt Campino. „Das ist in Stein gemeißelt.“ Zuneigung über den Tod hinaus.
„Düsseldorf“ ist ein heiteres Lied. Es fängt schon so angenehm beschwipst an. Campinos Stimme hüpft ein bisschen. Es dauert genau eine Minute, dann beginnt der erste Refrain, und man sucht automatisch nach jemandem, dem man den Arm auf die Schulter legen kann: „Düsseldorf, ich komme immer wieder / Ganz egal, wie weit der Weg auch ist“. Kann man auch nachts um drei noch einstimmen.
Zwei Mal gibt es in diesem Song eine Referenz an „Bochum“ von Herbert Grönemeyer. Düsseldorf habe „keinen Pulsschlag aus Stahl“, singt Campino. Und: „Düsseldorf, selbst Herbert wäre hier lieber / Und ist traurig, dass er in Bochum sitzt“. Campino kommentiert das so: „Den kleinen Gag mit Herbert konnten wir uns einfach nicht verkneifen. Die Kunst ist es ja – und das ist Herbert Grönemeyer gelungen –, ein Lied über Bochum zu schreiben, das die ganze Nation mitfeiert und es ihm nicht böse nimmt, weil er das so gut und sensibel geschrieben hat. Ähnlich gelungen ist das Lied „Tommi“ von AnnenMayKantereit aus Köln. Unheimlich schön. Wirklich: Hut ab. Das sind zwei tolle Hymnen, die bescheiden bleiben.“
Kurz vor Schluss gibt es in „Düsseldorf“ ein Gitarrensolo, bei dem man Luft holen kann. Die braucht man fürs Mitsing-Finale. Und darin knien die Hosen nieder. Es kommt zur retrospektiven Widmung ihres Gesamtwerks an die Stadt, in der alles begann. Es kommt zur ultimativen Liebeserklärung: „Düsseldorf, ja, alle unsere Lieder / Sind am Ende, ganz am Ende / Immer nur für dich“.