Die Tour de France startet am kommenden Samstag. Der Berliner Ex-Radprofi Simon Geschke spricht im Interview über die Strapazen des Rennens, die Tour-Favoriten und was er den deutschen Teilnehmern zutraut.
Interview Ex-Radprofi Geschke vor Tour de France "Da war immer die Angst, noch krank zu werden oder früh zu stürzen"
Am kommenden Samstag startet die 113. Ausgabe der Tour de France. Vom 4. bis zum 26. Juli werden die Fahrer rund 3.300 Kilometer auf 21 Etappen zwischen Barcelona und Paris zurücklegen.
Der Berliner Ex-Radprofi Simon Geschke hat gleich zwölf Mal an der Tour teilgenommen. Im Interview spricht er über die Strapazen des Rennens, die Tour-Favoriten und was er den deutschen Teilnehmern zutraut.
rbb|24: Herr Geschke, am Wochenende beginnt in Barcelona die 113. Tour de France. Sorgt das selbst in Radsport-Rente bei Ihnen noch für Aufregung?
Simon Geschke: Ja, die Vorfreude ist groß! Ich bin ja nicht nur ehemaliger Fahrer, sondern auch Fan. Es wird sicherlich wieder ein spannendes Rennen.
rbb|24: Zwölf Mal sind Sie die größte aller Radtouren mitgefahren. Im letzten Sommer haben Sie dann zum ersten Mal nur noch zugeschaut. Gibt es irgendetwas, was Sie dabei besonders doll vermisst haben?
Geschke: Ja, das Flair und die Zuschauer – das ist schon immer eine besondere Zeit gewesen. Es hat zwölf Jahre lang nicht nur meinen Juli, sondern auch den Monat davor und danach geprägt. Eine unvergessliche Zeit. Wenn ich irgendwo Bilder von der Tour sehe, kommen sofort Erinnerungen hoch und die Gänsehaut.
rbb|24: Und welchen Teil bzw. welches Gefühl von dieser dreiwöchigen Tortur vermissen Sie so gar nicht?
Geschke: Auch vieles (lacht). Man leidet viel, es gibt auch Tage, an denen es einfach nicht läuft. Auch wie nervös man ist, egal, wie oft man schon gefahren ist. Da war immer diese Angst, kurz vor Beginn noch krank zu werden oder früh im Rennen zu stürzen. Die Vorbereitung vermisse ich auch nicht, es geht ja schon im Herbst vor Tourbeginn los. Das gesamte Wintertraining ist darauf ausgelegt, ab Februar so schnell wie möglich zu fahren.
Der Berliner Radprofi Simon Geschke bei seinem letzten WM-Auftritt (imago images/frontalvision.com)
rbb|24: Wir merken es auch in Deutschland: Es ist derzeit historisch heiß. Wird die Hitze auch bei der Tour eine Rolle spielen? Wie schützen sich die Fahrer am besten vor solchen Temperaturen?
Geschke: Wirklich schützen kann man sich nicht. Aber vor und nach dem Rennen wird seitens der Teams viel getan. Es gibt Eiswesten, die bis kurz vorm Start getragen werden. Während des Rennens haben die Team-Autos Eissocken dabei. Man muss wahnsinnig viel trinken. Aber es ist nun einmal ein Outdoor-Sport und wenn es 38 Grad sind, ist das halt so.
rbb|24: Gehen Sie davon aus, dass wir wieder einen Zweikampf zwischen Slowene Tadej Pogacar [gewann die Tour 2020, 2021, 2024, 2025, Anm.d.Red.] und Däne Jonas Vingegaard [Sieger 2022 und 2023] um den Sieg erleben werden?
Geschke: Ich glaube, es wird einen größeren Kampf um Platz zwei als eins geben. Ich sehe Pogacar schon sehr klar auf Rang eins – er ist eine Klasse für sich. Dahinter erwarte ich einen Dreikampf zwischen Vingegaard, Florian Lipowitz und Paul Seixas [deutscher und französischer Radprofi, Anm.d.Red.].
rbb|24: Sollte Pogacar gewinnen, wäre das sein fünfter Toursieg. Damit würde er zu den Rekordsiegern aufschließen – mit erst 27 Jahren. Erleben wir gerade den besten Radsportler der Geschichte?
Geschke: Ja, das würde ich so sagen. Es ist schwer, ihn mit Eddy Merckx [Rekordhalter bei Tour de France und Giro d’Italia mit jeweils fünf Gesamtsiegen, Anm.d.Red.] zu vergleichen, weil die 1970er Jahre eine ganz andere Zeit waren. Aber in meinen Augen ist er nochmal phänomenaler, da sich der Radsport so sehr professionalisiert hat und ich diese Masse an Siegen und Bandbreite an Fähigkeiten noch höher werten würde.
rbb|24: Hinter Pogacar und Vingegaard lauert, wie sie bereits sagten, mit Florian Lipowitz ein Deutscher. Er wurde im letzten Jahr sensationell Dritter. Das trauen Sie ihm also erneut zu? Wie beurteilen Sie seine Entwicklung?
Geschke: Ich sehe keinen Grund, ihn schwächer zu bewerten als im letzten Jahr. Er ist ein noch junger Fahrer, hat noch Potenzial. Dasselbe gilt für Seixas. Vingegaard hingegen fällt allmählich – verglichen mit seinen Toursiegen - in seiner Leistung ab. Deshalb vermute ich, dass im Kampf um Platz zwei und drei mehr Spannung aufkommt. Lipowitz traue ich, wenn die Sterne richtig stehen, sogar Platz zwei zu. Aber er kann auch besser als vergangenes Jahr sein und trotzdem nur fünfter werden, weil es auf diesem Niveau so eng ist. Es muss alles passen. In drei Wochen kann alles passieren.
Der ehemalige Radprofi Simon Geschke (imago images/Hilger)
rbb|24: Aus regionaler Sicht ist natürlich der Cottbuser Max Kanter besonders spannend, der mit 28 Jahren sein Tour-Debüt gibt. Was ist er für ein Fahrer und was trauen Sie ihm zu?
Geschke: Es freut mich erstmal wahnsinnig, dass er sein Tour-Debüt geben wird. Wenn ich mich an meine erste Tour erinnere, weiß ich, was das einem Fahrer bedeutet. Max ist ja auch schon eine Weile dabei. Er wird sicherlich alles in die Sprints legen, das ist genau seine Spezialität und er hat ja mit Paris-Nizza in diesem Jahr schon ein großes Rennen gewonnen. Es wäre für mich eine große Überraschung, wenn er sich bei der Tour im Sprint durchsetzt, das ist schon ein anderes Kaliber. Allerdings ist er, würde ich sagen, der Sprinter für sein Team "Astana". Sie werden ihn unterstützen, ich traue ihm im Sprint einen der vorderen Plätze zu. Bei der ersten Tour rechne ich aber nicht mit einem Etappensieg, das wäre wohl zu früh.
rbb|24: Sowohl Sie als auch Max Kanter stehen auf einer beachtlichen Liste von Berlinern und Brandenburgern, die es in die Tour geschafft haben. Wären es vielleicht sogar noch mehr, wenn Berlin und Brandenburg ein bisschen bergiger wären?
Geschke: Wer weiß (lacht). Ich war ja tatsächlich ein ganz ordentlicher Bergfahrer, auch wenn ich in Brandenburg keine großen Berge zum Üben hatte. Es ist sicherlich viel genetische Veranlagung. Und später gibt es ja die Trainingslager in den Bergen, die einen darauf vorbereiten. Wir werden es wohl nie erfahren, es wird schwer, Berlin und Brandenburg bergiger zu machen (lacht).
rbb|24: Sie sorgen mittlerweile mit einer eigenen Höhenanlage in einem Hotel im Schwarzwald dafür, dass andere Radfahrer ideale Trainingsbedingungen haben. Wie sieht der Alltag bei Ihnen im Hotel aus?
Geschke: Richtig, das ist eine große industrielle Anlage, die technisch sehr aufwändig ist. Die Anlage filtert den Sauerstoff aus der Luft. Dafür gibt es eine Partnerschaft mit dem Hotel, worin die Anlage integriert ist. Die Hotelzimmer können für Höhentraining genutzt werden, in jedem Raum kann eine simulierte Höhe eingestellt werden. So können die Fahrer ein vollständiges und flexibles Höhentraining in Freiburg absolvieren, mit viel Sonne und dem Schwarzwald vor der Tür. Das ist etwas mehr Lebensqualität als bei einem herkömmlichen Höhentraining in irgendeinem französischen Bergdorf.
rbb|24: Wie ist es, aus dem Rhythmus eines Profi-Sportlers herauszukommen? Und wie oft sitzen Sie selbst heute noch auf dem Rad?
Geschke: Es ist manchmal immer noch seltsam. Manchmal erwische ich mich selbst dabei, wie ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich keinen Sport gemacht habe. Das ist wohl einfach so drin. Ich genieße es natürlich, auch mal ein paar Tage auf der faulen Haut zu liegen, ohne dass gleich der Trainer anruft (lacht).
Aber der Lebensstil ist schon noch etwas drin. Ich versuche schon, immer wieder aufs Rad zu steigen, um das Herz - das schließlich auch nur ein Muskel ist - möglichst professionell abzutrainieren. Darauf muss man nach dem Leistungssport achten. Ich versuche, pro Woche zehn Stunden Sport zu machen, aber bin auch ganz ehrlich: Da halte ich mich nicht immer dran und ich mache das auch nicht mehr strikt nach einem Trainingsplan, sondern nach Lust. Ich mache ja gerne Sport und habe nun den Freiraum, nicht über die Müdigkeit hinaus trainieren zu müssen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Mark Schwitzky.
Sendung: rbb|24, 02.07.2026, 20:29 Uhr
Audio: rbb|24, 02.07.2026, Marc Schwitzky im Gespräch mit Simon Geschke