Der Cottbuser Max Kanter ist mit 28 Jahren erstmals bei der Tour de France dabei. Im Interview spricht er über die ersten Tour-Tage, seine Paradedisziplin Sprint und die enorme Hitze.
Interview Cottbuser bei Tour de France "Kommt alles zusammen, traue ich mir einen Etappensieg zu"
Max Kanter erlebt aktuell die wohl beste Zeit seiner Karriere als Radsportprofi. Bei der diesjährigen Paris-Nizza-Tour gewann der gebürtige Cottbuser die zweite Etappe, sein bislang größter Erfolg. Nun ist er - nach acht Jahren als Profi - erstmals bei der Tour de France dabei (4. bis 26. Juli).
Im Interview mit rbb|24 spricht Kanter über die ersten Tour-Tage, erzählt vom hohen Niveau dort, schwärmt von seiner Paradedisziplin Sprint und stöhnt über die enorme Hitze.
rbb|24: Herr Kanter, in welchem körperlichen Zustand treffen wir Sie? Gerade haben Sie Tag vier der Tour de France hinter sich gebracht. Wie fühlen Sie sich?
Max Kanter: Die letzten beiden Tage waren schon sehr anspruchsvoll, gerade gestern war mit 4.000 Höhenmetern schon ganz ordentlich. Dazu kommt die Hitze. Aber generell geht es mir gut, die Form stimmt. Morgen ist der erste Sprint, mal sehen, wie die Beine dann halten.
rbb|24: Es ist mit 28 Jahren und acht Jahren als Radsport-Profi Ihre erste Teilnahme an der Tour de France. Haben Sie das bereits realisiert? Und können Sie die Atmosphäre überhaupt aufsaugen oder überwiegt die Aufregung?
Kanter: Ich muss sagen, dass ich mich tatsächlich einfach darauf gefreut habe. Ich habe das Gefühl, die Tour kommt zum perfekten Zeitpunkt in meiner Karriere. Man merkt definitiv, dass bei der Tour eine ganz andere Atmosphäre als bei anderen Rennen herrscht. Gerade in Barcelona war am Streckenrand richtig viel los, was wir durchaus beim Fahren wahrnehmen und natürlich sehr schön ist. Die erste Tour de France und dann so eine Stimmung – das war schon sehr speziell.
rbb|24: Wo machen Sie sportlich bislang die größten Unterschiede zwischen der Tour de France und anderen Rennen aus?
Kanter: Man merkt einfach, dass jeder Fahrer hier in absoluter Topform an den Start geht - es ist nun einmal das absolute Saison-Highlight für jeden. Deshalb sagt man bei der Tour de France immer so schön: Man will keinen richtig schlechten Tag haben, weil es sonst richtig schwierig wird.
rbb|24: Der allererste Tag für Ihr Team lief allerdings alles andere als glücklich. Aufgrund von gleich drei Stürzen Ihrer Teamkollegen wurde "Astana" Letzter im Teamzeitfahren. Was geht einem durch den Kopf, wenn am ersten Tag schon alles schiefgeht?
Kanter: Das war natürlich nicht optimal und nicht der Start, den wir uns erhofft hatten. Wir hatten sogar ein wenig Glück im Unglück, weil jeder von uns weiterfahren konnte. Das hätte auch wirklich anders ausgehen können. Wir haben uns davon ganz gut erholt, hatten noch Schadensbegrenzung betrieben, um nicht allzu viel Zeit für unsere GC-Fahrer [die Fahrer, die den Sieg oder eine Spitzenplatzierung für ein Team erreichen sollen; Anm. d. R.] zu verlieren.
rbb|24: Eine der bislang wohl größten Herausforderungen dieser Tour ist die enorme Hitze. Wie kommen Sie mit den Temperaturen von bis zu 40 Grad zurecht - und welche Hilfsmaßnahmen nutzen Sie?
Kanter: Wir nutzen während einer Etappe sehr viel Eis. Unser Team versucht, die Trinkflaschen möglichst kühl zu halten: Die bleiben ein bis zwei Minuten, bevor wir sie bekommen, in der Eisbox. Der Körper muss alle 15 bis 20 Minuten heruntergekühlt werden, ansonsten kann er sehr schnell überhitzen, und dann wird es gefährlich.
Max Kanter in der zweiten Etappe der Tour de France. (Foto: IMAGO / NurPhoto)
rbb|24: Tag drei der Tour wurde von den Waldbränden in Südfrankreich überschattet - über 1.600 Hektar sind verbrannt, am Wochenende wurden rund 5.000 Menschen evakuiert. Per Erlass blieb das Finale ohne Zuschauer – keine Fans auf den letzten 40 Kilometern, auch die Werbe-Karawane wurde abgesagt. Wie gespenstisch war der Kontrast zu den anderen Tagen?
Kanter: Ja, das war definitiv anders, das haben wir gespürt. Während in Barcelona große Menschenmassen am Rand standen, war dort plötzlich niemand mehr. Das war natürlich schade, aber es geht um die Sicherheit der Region.
rbb|24: In den vergangenen eher bergigen Tagen standen Sie als Sprinter nicht unbedingt im Rampenlicht. Woran messen Sie in diesen Etappen Erfolg – auch auf persönlicher Ebene?
Kanter: Für mich ging es in den vergangenen Tagen hauptsächlich darum, so viel Energie wie möglich zu sparen – sofern das denn möglich ist. Ich habe gemerkt, dass ich am Berg ein ganz gutes Niveau habe. So konnte ich immer ganz gut abschätzen, wann es Sinn macht, in ein Gruppetto zu gehen [eine Gruppe von abgehängten Fahrern, die sich bei schweren Bergetappen am Ende des Feldes bildet und gegenseitig hilft; Anm. d. Red.]. Ich hatte keine Probleme mit dem Zeitlimit, was sehr positiv ist. Die Beine sind gut, das nehme ich als positives Zeichen für die kommenden Tage mit.
rbb|24: Ex-Profi Simon Geschke sagte im rbb|24-Interview, dass er Ihnen im Sprint einen der vorderen Plätze zutraut. Was rechnen Sie sich selbst für Ihre erste Tour aus? Am Mittwoch steht ja der Sprint im Fokus.
Kanter: Das Hauptziel für Mittwoch ist, erstmal gut reinzukommen. Wenn alles zusammenkommt, traue ich mir zu, eine Etappe gewinnen zu können. Aber ich weiß auch, dass das nicht einfach wird. Dafür muss wirklich alles von Beginn an passen und ich in der richtigen Position sein.
rbb|24: Sie haben eben gesagt, dass die Teilnahme an dieser Tour zum genau richtigen Zeitpunkt käme. Was meinen Sie damit?
Kanter: Ich habe mittlerweile gewisse Grand-Tour-Erfahrungen, ich war unter anderem schon viermal beim Giro d’Italia dabei. Ich weiß, was bei einer Dreiwochenrundfahrt auf mich zukommt. Ich weiß auch, dass man nicht jeden Tag die allerbesten Beine haben wird. Diese Erfahrungen gemacht zu haben, ist natürlich sehr förderlich. Auch vom Leistungsniveau her ist es der richtige Zeitpunkt, durch sehr gute Resultate im Frühjahr habe ich das gesunde Selbstbewusstsein dafür, bei den Sprints um Etappensiege mitzukämpfen.
rbb|24: Sie sind gebürtiger Cottbuser. Es gibt eine bemerkenswert lange Liste an Brandenburgern und Berlinern, die es in die Tour geschafft haben – obwohl die Region alles andere als bergig ist. Wie erklären Sie sich das?
Kanter: Das liegt hauptsächlich an der sehr guten Sportschule in Cottbus, einer der besten in ganz Deutschland. Von hier stammen einige Talente. Da hatten wir ein sehr gutes Sprungbrett. Ich bin gebürtiger Cottbuser und bin die Wege über den Verein RSC Cottbus bis in den Profibereich gegangen. Wir hatten gute Trainer, die uns jedes Jahr verbessert haben und eine Schule, die es uns erlaubt hat, das Training ordentlich durchzuführen und die uns für die Rennen freistellen konnte.
rbb|24: Worauf freuen Sie sich bis zum Tour-Ende noch am meisten?
Kanter: Es sind mehrere Dinge, ich kann da nicht nur eines nennen. Ich freue mich definitiv auf die kommenden Sprint-Etappen. Auch die Alpe-d’Huez-Etappe wird sicher speziell. Es ist zwar noch etwas hin [Etappe 19; Anm. d. Red.], aber es wird sicher eine ganz besondere Atmosphäre, diesen legendären Berg hochzufahren. Und: Auf das Finish in Paris freue ich mich besonders.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview wurde für die Text-Fassung gekürzt und redigiert.
Sendung: rbb|24, 07.07.2026, 21:44 Uhr
Audio: rbb|24, 07.07.2026, Marc Schwitzky im Gespräch mit Max Kanter
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