Mal wieder ist vor einer WM-Endrunde die Skepsis groß. Dennoch hat dieses Mega-Turnier eine Chance verdient. Denn der Fußball besitzt eine Anziehungskraft, gegen die selbst der lauteste Präsident machtlos ist.
Erinnern Sie sich noch an die WM 1970? Als Pelé die Fußballwelt verzückte und zum dritten Mal Weltmeister wurde? In einem berauschenden Finale gegen hilflose Italiener tänzelte er geradezu mit seinen Brasilianern zum Titel – mit derart viel Tempo, Technik und Wucht, dass es fast magisch wirkte.
Oder 1986, als zwischen dem schamlosesten Betrug der WM-Geschichte und ihrem herrlichsten Tor keine fünf Minuten lagen? Diego Maradona erzielte im Viertelfinale gegen England erst mit der Hand Gottes das 1:0 und dribbelte sich das schlechte Gewissen kurz danach mit einem unglaublichen Solo zum 2:0 von der Seele.
Schauplatz war sowohl 1970 als auch 1986 das Aztekenstadion in Mexiko-City. Am Donnerstag steht dieser Fußballtempel erneut im Mittelpunkt einer WM, dann wird die 23. Weltmeisterschaftsendrunde an einem ihrer geschichtsträchtigsten Orte mit dem Spiel Mexiko gegen Südafrika eröffnet. Eine Begegnung mit Erinnerungswert: 2010 bestritt Südafrika als Gastgeber das erste WM-Spiel – gegen Mexiko. Nun treffen sie sich auf mexikanischem Boden wieder.
1970 spielten noch 16 Mannschaften um den Titel, 1986 waren es 24 – und jetzt sind es bei der größten WM aller Zeiten 48. Ein Gastgeber ist dafür nicht mehr genug, und so richten die USA (vor allem), Kanada und Mexiko die Endrunde zusammen aus.
Doch anders als noch vor 56 oder 40 Jahren schaut dieses Mal wirklich fast die ganze Welt zu: eine Sportveranstaltung als völkerverbindendes Spektakel.
Das klingt natürlich zu gut, um wahr zu sein. Und ja, man kann und muss bei dieser WM über Dinge reden, die einem die Vorfreude verleiden können.
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Trotzdem gibt es gerade weltweit viele Menschen, die es kaum erwarten können, dass der Ball endlich rollt; die mitfiebern, wenn ihr Star ein Tor erzielt oder ein anderer es verhindert, und die zusammen Siege oder wenigstens Achtungserfolge bejubeln. Und warum auch nicht?
Fußball ist das einzige Spiel der Welt, das gleichzeitig Milliarden Menschen bewegt und jedem Einzelnen davon das Gefühl gibt, mittendrin zu sein. Er kann Freude erzeugen, wo sonst keine ist. Dass es nun noch ein paar Nationen mehr gibt, die daran teilhaben dürfen, ist bei aller sportlichen Fragwürdigkeit eines aufgeblähten Mega-Turniers ein durchaus tröstlicher Gedanke.
Nicht zu vergessen die Kinder, die jetzt mitfiebern. Sie kennen es ohnehin nicht anders – für sie fand schließlich jede WM der vergangenen Jahre in einem Land statt, über das Erwachsene gestritten haben. Das hat sie nicht davon abgehalten, für ihre Helden zu brennen. Und das wird auch dieses Mal nicht anders sein.
Wenn man sich in ein paar Jahren an die WM 2026 erinnert und einem dabei […] zuerst der Fußball in den Sinn kommt, hätte diese Weltmeisterschaft mehr erreicht, als man vor dem ersten Anpfiff erwarten durfte.
Jörg Leopold
Besonders groß ist die Freude, bei den Mannschaften, die erstmals bei einer WM dabei sind: Curaçao, Jordanien, Kap Verde, Usbekistan – jahrelang haben sie von einer Teilnahme geträumt. Für die Spieler dieser Teams ist es der größte Moment ihres Fußballerlebens, und für ihre Familien und die Fans daheim ist diese WM kein politisches Ereignis und kein Kommerz-Spektakel. Auch sie haben ein Recht darauf, das in vollen Zügen zu genießen.
Und in Deutschland? Hier ist die Skepsis dieser Tage wieder einmal groß. Soll ich mir die Spiele wirklich anschauen, zumal spät am Abend oder gar mitten in der Nacht? Ist der Fußball nicht längst zum Geschäft verkommen, in dem es nur noch um Profit geht? Und kann die deutsche Nationalmannschaft überhaupt mithalten?
Dass der Fußball dennoch auch bei uns eine große Wirkung entfalten kann, hat die Heim-EM vor zwei Jahren gezeigt. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat es seinerzeit geschafft, das Land hinter dem Team zu vereinen.
Zwei Jahre später ist Deutschland kein Topfavorit, aber auch kein krasser Außenseiter. Die Mannschaft steht sinnbildlich für die ganze Veranstaltung: Man traut ihr nicht so recht über den Weg. Aber das Team ist gut genug, um weit zu kommen. Man darf ihm das ruhig zutrauen.
Ein paar Siege könnten helfen, wenn es nur darum geht, sich einfach mal wieder freuen zu dürfen. Vielleicht sogar gemeinsam. Denn Fußball besitzt eine Anziehungskraft, gegen die selbst der lauteste Präsident machtlos ist.
Am 19. Juli wird in East Rutherford, New Jersey, der neue Champion gekürt. Nach mehr als fünf Wochen Fußball mit 104 Spielen.
Die Welt wird danach keine andere geworden sein, aber wenn man sich in ein paar Jahren an die WM 2026 erinnert und einem dabei wie bei den Turnieren 1970 und 1986 zuerst der Fußball in den Sinn kommt, hätte diese Weltmeisterschaft mehr erreicht, als man vor dem ersten Anpfiff erwarten durfte.
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