Kaum beginnt irgendwo ein WM-Spiel und schon grüßt Gianni Infantino lächelnd von der Tribüne. Wie macht der Fifa-Chef das und was hat er eigentlich gegen Deutschland?
Neulich hatte ich einen Albtraum. Vielleicht kennen Sie das, dieses Traum-im-Traum-Gefühl. Man denkt, man ist erwacht, schläft aber immer noch. Jedenfalls war ich vor dem Fernseher eingenickt und das Erste, was ich auf dem immer noch eingeschalteten TV-Schirm sah, war das strahlende Gesicht von Gianni Infantino. Also schaltete ich zu einem anderen Sender, wo ebenfalls ein Fußballspiel lief. In einer Unterbrechung wurde auf die Ehrentribüne geschwenkt und wer saß da? Na, klar: Gianni Infantino.
Das Erstaunliche ist: Inzwischen bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich geträumt habe oder doch halbwegs bei Sinnen war. Denn der Fifa-Präsident ist während der WM in den USA, Kanada und Mexiko allgegenwärtig. Lächelte er eben noch aus Vancouver, ist er im nächsten Moment schon in Miami und taucht kurz darauf in Monterrey auf. Wie macht Infantino das bloß? Und warum?
Vor der WM-Endrunde hatte der 56 Jahre alte Weltschweizer angekündigt: „Ich werde so viele Spiele im Stadion verfolgen wie möglich.“ Und setzt das nun in die Tat um. Inzwischen wurde er bei 34 WM-Partien (Stand: vor dem ersten Achtelfinale) im Stadion gesichtet, mitunter bei mehreren am selben Tag.
Bei Social Media ging neulich ein Tweet mit Fotos von Infantino bei zwei gleichzeitig ausgetragenen Spielen viral. Was natürlich Fake war, andererseits haben es viele Leute tatsächlich geglaubt. Wahrscheinlich konnten die sich noch dran erinnern, dass der Fußball-Boss 2022 tatsächlich bei allen 64 Endrundenspielen live dabei war – von denen einige ja auch zeitgleich stattfanden.
Die Herausforderungen in Nordamerika mit vier Zeitzonen und gewaltigen Entfernungen sind natürlich andere und deswegen wird Infantino an seinen Rekord aus Katar nicht mal annähernd herankommen. Andererseits ist er bestens ausgestattet mit einem Privatjet, dem Gulfstream G560ER von Qatar Airways.
Der Flieger gehört mit einer Höchstgeschwindigkeit von rund 950 km/h zu den schnellsten der Welt. Die schlappen 60 Millionen Euro, die der Jet kostet, nimmt die Fifa allein mit einem WM-Spiel wieder ein. Und außerdem: Der Emir und der Gianni sind richtig gute Kumpels. Das war bestimmt ein guter Deal – für beide!
Nun haben böse Journalisten der Fifa unglaubliche Umweltsünden vorgehalten. So rechnete die BBC aus, dass Infantinos CO2-Ausstoß in den ersten zwei WM-Wochen dem von 78 durchschnittlichen Europäern im gesamten Jahr entsprechen würde. Und der Spiegel ermittelte 70.000 Flugkilometer und einen Verbrauch von 230.000 Litern Kerosin. Man ahnt es schon: Das kann nicht nachhaltig sein.
Was wäre eine Fußball-WM, bei der der Präsident des ausrichtenden Verbandes selbst nirgends zu sehen ist? In etwa so belanglos wie Spiele von Argentinien ohne Lionel Messi.
Jörg Leopold
Andererseits: Was wäre eine Fußball-WM, bei der der Präsident des ausrichtenden Verbandes selbst nirgends zu sehen ist? In etwa so belanglos wie Spiele von Argentinien ohne Lionel Messi. Womöglich würden dieselben Journalisten dann fragen: Wo ist eigentlich Gianni Infantino bei diesem Turnier? Weil wir Pressemenschen immer ein Haar in der Suppe suchen müssen, lautet die Frage nun eben: Wo ist Gianni Infantino bei diesem Turnier nicht?
Richtig verrückt wird diese Glosse aber erst jetzt, denn es gibt bereits eine abschließende Antwort auf die zuvor gestellte Frage: Der Fifa-Präsident besuchte nämlich kein einziges Spiel der deutschen Mannschaft. Ist das seine späte Rache für Katar und die unsägliche Regenbogen-Debatte? Und was bitte schön haben sich Jordanien und der Senegal zu Schulden kommen lassen? Auch die hat Infantino nämlich bei dieser WM komplett ignoriert. Aber sonst war er immer und überall.
Immerhin: Jetzt, da Deutschland ausgeschieden ist und Jürgen Klopp alles richten wird, schlafe ich wieder mehr und besser. Der Druck ist vom Kessel und das tut auch den eigenen Träumen gut.
Wobei, da fällt es mir wieder ein! In der Nacht nach dem Nagelsmann-Desaster gegen Paraguay fand ich einfach keine Ruhe. Das frühmorgendliche Gezwitscher eines Vogels vor meinem Balkon quälte mich derart, dass ich mich immer wieder von einer Bettseite zu anderen warf. Das Tier wollte einfach nicht aufhören und wiederholte den gleichen Gesang in Dauerschleife.
Also ging ich zum Fernseher zurück und schalte pünktlich nach der Verlängerung des Duells Niederlande gegen Marokko ein. In der Pause vor dem Elfmeterschießen entdeckte ich dabei ein vertrautes Gesicht auf der Mattscheibe und dazu sang Helene Fischer „Heute Nacht“… Kann mich bitte jemand wecken? Jetzt sofort!!!