Langzeitbewohner sind auf Schweizer Campingplätzen zunehmend unerwünscht. Annäherung an eine gefährdete Lebensweise.
Langzeitbewohner sind auf Schweizer Campingplätzen zunehmend unerwünscht. Annäherung an eine gefährdete Lebensweise.
Jana Kehl und Hannes Boos (Text), Philip Frowein (Bilder)13.06.2026, 05.07 Uhr
Judith Braun könnte sich die Zähne in ihrem Wohnwagen putzen. Sie hat dort ein kleines Lavabo, fliessendes Wasser. Und doch läuft sie – jeden Morgen, bei jedem Wetter, nach drei Tassen Kaffee – zum Gemeinschaftsbad des Campingplatzes Schützenweiher in Winterthur. «Vielleicht trifft man ja jemanden zum Plaudern», sagt Braun.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Die 63-Jährige ist eine von rund 40 Dauercampern, die dort ein Zuhause gefunden haben, wo andere Ferien machen. Sie duzen sich, leben Wohnwagen an Wohnwagen, auf wenigen Quadratmetern pro Person. Am Abend trinken sie ab und zu ein Glas Röteli zusammen, am Wochenende wird grilliert. «Es sind gesellige Runden, wir reden über alles Mögliche, auch über ernste Themen», sagt Braun. Nur eine Frage werde gemieden: Wie geht es nach dem 30. September weiter?

Denn darüber können die Dauergäste am Schützenweiher nicht alleine bestimmen. Ab dem Herbst will die Stadtregierung den Campingplatz rundum erneuern. Hölzerne Miethäuschen sollen gebaut, die Uferpromenade vergrössert, das alte Betriebsgebäude ersetzt werden. Permanente Bewohner haben in diesem Konzept keinen Platz mehr. Ob der Umbau zustande kommt, entscheidet diesen Sonntag das Stimmvolk.
Der einzige Campingplatz von Winterthur liegt zwischen Waldrand, Schiessanlage und Autobahn. Das Eingangsgebäude, pastellgelb, stammt aus den 1950er Jahren. Damals nahm die Anlage ihren Betrieb auf. Im benachbarten Restaurant gibt es eine Tanzhalle und Flipperkästen, auf dem Minigolfplatz nebenan stehen überdimensionale Figuren aus Plastik – Gartenzwerge, Giraffen, eine Freiheitsstatue. Es ist ein Ort wie aus einer anderen Zeit.



Nun will die Stadt zumindest den Campingplatz in die Gegenwart holen. Die Infrastruktur sei marode und veraltet, argumentiert die Regierung, die sanitären Anlagen weder barrierefrei noch den hygienischen Standards entsprechend. Sobald im Herbst der Pachtvertrag mit den derzeitigen Betreibern ausläuft, soll ein neuer Pächter übernehmen: der Touringclub Schweiz (TCS), der als landesweit grösster Campinganbieter bereits 25 andere Plätze betreibt.
Durch die Zusammenarbeit mit dem TCS will die Stadt auf den «anhaltenden Camping-Boom» reagieren. Winterthur müsse für Touristen attraktiver werden; der neue Campingplatz soll vier statt wie bisher drei Sterne haben – komfortabler, grösser, moderner sein. Die Stadt plant, rund 7 Millionen Franken in den Umbau zu investieren, der TCS beteiligt sich mit anderthalb Millionen Franken. Die Visualisierungen des Projekts zeigen ein harmonisches Bild von diesem Campingplatz der Zukunft: Neben Wohnwagen stehen Tipi-Zelte, daneben spielen Kinder auf einer Wiese.

Doch Menschen wie Judith Braun sind nicht Teil dieser Vision. Das Gebiet um den Schützenweiher liegt in einer Erholungszone. Wohnen ist hier laut Stadt illegal. In der Vergangenheit seien die sesshaften Camper lediglich «geduldet» worden. Der Neubau biete Anlass, diese «nicht rechtskonforme Situation» zu beheben, schreibt die rot-grüne Stadtregierung in einer Weisung.
Winterthur ist kein Einzelfall. Für Dauercamper wird es schweizweit enger. Auch die Gemeinden Estavayer-le-Lac und Flims haben den Betrieb ihrer Campingplätze jüngst an den TCS übertragen. An beiden Orten wird das Angebot stärker auf Touristen ausgerichtet. In den kommenden Monaten werden in Estavayer laut Medienberichten etwa 100 Dauergäste den Platz verlassen müssen, in Flims sind es 50. «Dauercamper sind die Opfer des Camping-Booms», titelte der «Sonntags-Blick» in Bezug auf Estavayer-le-Lac.
In Winterthur fordern Politiker aus verschiedenen Parteien, dass die Stadt die Dauercamper bei der Wohnungssuche unterstützt. Doch zumindest für Judith Braun steht fest: Sie möchte gar nicht in einem Haus wohnen, sondern hier, auf ihrem Platz.
Bevor sie an den Schützenweiher zog, lebte Braun in einem Haus mit 9,5 Zimmern. Als die Töchter ausgezogen waren, wurde ihr das irgendwann zu viel. «Ich mochte es schon immer, mit vielen Leuten auf engem Raum zu leben», sagt sie. Heute ist es die Anonymität des «normalen» Wohnens, die Braun Angst macht. Dem eigenen Nachbarn zu begegnen, ohne sich «Grüezi» zu sagen, und nicht einmal zu wissen: «Wohnt der jetzt hier, oder war er nur auf Besuch?»

r
Judith Braun lebt in jenem Teil des Campingplatzes, den die Dauercamper liebevoll «Beverly Hills» nennen – woher dieser Name kommt, ist nicht ganz klar. So luxuriös wie in der Stadt der Hollywood-Stars ist es am Winterthurer Schützenweiher nicht. Und doch lebt es sich hier recht gesittet. In Brauns Campingwagen steht eine Nespresso-Maschine, die braunen Ledersessel knirschen beim Hinsetzen, im Hintergrund läuft Vintage Radio.
Draussen vor den Wohnwagen sind geometrische Bodenplatten ausgelegt, darauf stehen farbige Klappstühle und Beistelltischchen. In Plastiktöpfen blühen Rosenbüsche, ihre kleinen «Vorgärten» haben die Bewohner mit Katzen aus Keramik verziert. Alles wirkt gepflegt, ordentlich, sehr schweizerisch, eine Kombination aus Eigenheim und Schrebergarten – alternatives Wohnen mit Bünzli-Charme.
Beim Empfangsgebäude steht eine Frau und redet mit einer Gruppe von Gästen. Sie trägt ein pinkfarbenes T-Shirt, in der Hand hält sie eine pinkfarbene E-Zigarette. Caroline Euschen ist seit 2011 die Pächterin des Platzes, heute führt sie ihn mit ihrem Sohn zusammen. Sauberkeit, sagt sie, sei hier wichtig – auch bei den Wohnwagen. «Zweimal im Jahr heisst es für die Dauercamper: grosser Putztag.»
Als sie den Betrieb von der Stadt übernommen habe, sei der Campingplatz teilweise noch ein Treffpunkt für Randständige gewesen, sagt Euschen. Ältere Zeitungsartikel belegen das stellenweise. Mit «Freiheit und Lagerfeuerromantik» habe das Leben auf dem Platz nichts zu tun, schrieb der «Beobachter» 1999. «Reine Not» habe die Menschen hier zu Dauercampern gemacht.
Euschen dagegen wollte «soziale Durchmischung». Sie sagt: «Hier wohnten bereits Ärzte, Handwerker, Rentner und Studenten, auch einige Sozialfälle, die nirgendwo sonst hinkonnten.» Faktisch gebe es auf fast jedem Platz eine Art Dauercamper. Aber beim Schützenweiher seien sie regulär bei der Stadt angemeldet, zahlten Steuern, hätten eigene Briefkästen. «Mir ist wichtig, dass niemand durch die Maschen fällt.»



Für die Bewohner brauche es wenigstens eine Übergangslösung, sagt Euschen. Einige von ihnen lebten seit Jahrzehnten auf dem Campingplatz. Sie hält inne, holt ein Stück Papier aus ihrer Hosentasche, faltet es und liest die untersten Zeilen vor. Es ist ein Statement aus einem Leserbrief, den sie für die Medien vorbereitet hat: «Unabhängig davon, wie das Resultat am Sonntag ausfällt, darf es nicht zu einem abrupten Kahlschlag kommen.»
Die Abstimmung über den Campingplatz Schützenweiher hat in Winterthur zu einer Grundsatzdiskussion geführt: Wer soll in der Stadt wie und wo wohnen dürfen? Für den neuen Campingplatz ist im Stadtparlament eine seltene Allianz aus SP, Grünen, SVP und GLP zusammengekommen. Für sie ist die Sanierung ein «Aufwertungsprojekt» – für die Natur, die Stadtbevölkerung, den Tourismusstandort Winterthur.
Was die Dauercamper betrifft, argumentieren die Befürworter juristisch: In der Erholungszone zu wohnen, sei nun einmal verboten. Eine Umzonung müsste beim Kanton beantragt werden – ein langwieriger Prozess mit geringen Erfolgsaussichten. Zudem sei die Infrastruktur zu alt, um in Betrieb zu bleiben. Ohne Generalsanierung stünde die Stadt bald ganz ohne Campingplatz da.

Die Gegenseite bildet eine ebenso unübliche Allianz aus FDP, Mitte und AL. Bei der kommenden Referendumsabstimmung spricht sie sich gegen den Baukredit aus. Der soziale Preis des Projekts sei hoch, argumentieren sie, ebenso wie der finanzielle. Nicht allen Menschen entsprächen die gängigen Wohnformen – die Stadt solle auch diesen Personen eine Perspektive bieten. Zudem komme ein grosser Teil der Einnahmen des Campingplatzes von den Dauergästen. Ob der Betrieb ohne sie rentieren würde, sei fraglich.
Im Norden des Winterthurer Campingplatzes liegt eine grüne Wiese. Sie ist leer. Das «Bermuda-Dreieck» nennen die Dauergäste diesen Bereich, wo ausschliesslich Touristen übernachten.
Jean-Pierre Wollenschläger – Rentner, ehemaliger Dauercamper, Neubau-Gegner – steht neben der Wiese, die Edelweiss-Hosenträger über das T-Shirt gespannt. Er sagt: «Winterthur ist einfach keine Ferienstadt.» Voll werde es im Touristenbereich des Platzes nur während weniger Grossanlässe, etwa der Musikfestwochen. Sonst kämen hierher vor allem Durchreisende, die schnell wieder verschwänden. Darum auch der Name: Bermuda-Dreieck. «Wieso sollte gerade hier jemand zwei Wochen Ferien auf einem Luxus-Campingplatz machen?», sagt er.

Auf Anfrage schreibt der TCS: Winterthur und das «Stadtcamping mit Nähe zur Natur» seien ideal gelegen für Personen, die durch die Schweiz reisten. Mehr Menschen sollen laut dem Verkehrsklub in Zukunft von der «aussergewöhnlichen Lage» profitieren.
Die Preise sollen etwa jenen beim Campingplatz in Bern Eymatt entsprechen. Ein Blick auf die TCS-Website legt nahe: Die Gäste würden am Schützenweiher künftig wohl ungefähr einen Drittel mehr bezahlen, als dies jetzt der Fall ist. Der TCS schreibt auf Anfrage: «Die Veränderungswünsche der Stadt Winterthur entsprechen dem Marktbedürfnis der heutigen Campinggäste.»
Stichprobe bei einem deutschen Paar, das in diesem Moment aus seinem Wohnwagen steigt. Mit Freunden aus Ungarn seien sie auf der Durchreise nach Lugano, sagen sie. Wie sie den Campingplatz am Schützenweiher finden? «Es ist sauber, ordentlich, vernünftig, nett hier», sagt der Mann. «Genügend Luxus für uns.» Und die Frau ergänzt: Höhere Preise könnten sie sich sowieso nicht leisten.
