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Grün statt Grau und sieben Grad kühler: Die Asphaltknackerinnen bringen die Hitzeinseln zum Verschwinden

Дата публикации: 27-06-2026 03:03:00

Parkplätze, versiegelte Vorgärten oder die Zürcher Europaallee: An heissen Tagen heizen sich Betonflächen stark auf. Die «Asphaltknackerinnen» helfen dabei, versiegelte Flächen umzugestalten – und sie bekommen immer mehr Anfragen.

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Parkplätze, versiegelte Vorgärten oder die Zürcher Europaallee: An heissen Tagen heizen sich Betonflächen stark auf. Die «Asphaltknackerinnen» helfen dabei, versiegelte Flächen umzugestalten – und sie bekommen immer mehr Anfragen.

Isabella Sedivy steht in der sengenden Sonne auf dem Europaplatz neben einem Bagger, um sie herum liegen einige Asphaltschollen. Sie setzt den blauen Spaten mit Schwung in den Sand und schippt diesen in einen schwarzen Eimer. Die Bewegung wirkt routiniert – doch heute ist sie nur symbolisch, für einen Fotografen.

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Der Untergrund in der Europaallee besteht hauptsächlich aus Beton, der Sand, auf dem Sedivy steht, liegt in einem Sandkasten. Doch der Europaplatz bei der Sihlpost ist ein perfekter Ort, um zu unterstreichen, was die 47-jährige Biologin bewegt – erst recht in diesen Tagen, da in Zürich Temperaturen von 35 Grad und mehr gemessen werden und es auch in der Nacht kaum abkühlt.

Der Platz beim Hauptbahnhof und das angrenzende Europaviertel sind sogenannte Hitzeinseln: Es gibt viel Beton und reflektierendes Glas, wenig Grün und fast ausschliesslich versiegelten Boden. Isabella Sedivy mag das nicht besonders. Aber sie darf den Bagger mit dem Hydraulikhammer nicht bedienen – auch wenn sie das könnte: Sie ist Asphaltknackerin und weiss mit Presslufthämmern umzugehen.

Zusammen mit mittlerweile fünf Mitstreiterinnen hilft sie Privatpersonen dabei, unnötig versiegelte Flächen zu beseitigen und umzugestalten. Die Wirkung: Das Terrain und die Umgebung werden weniger heiss, und das Wasser kann besser in den Boden sickern, anstatt oberflächlich abzufliessen. Und wenn dann noch Pflanzen oder gar eine wilde Wiese darauf wachsen, unterstützt das die Biodiversität.

Sedivy sagt, der klassische Fall seien Parkplätze oder ehemalige Vorgärten, von denen in der Schweiz viele noch asphaltiert seien. Doch eigentlich könne man das Auto auch auf eine chaussierte Fläche stellen – oder auf sogenannte Rasengittersteine, zwischen denen noch Pflanzen wüchsen.

Ein bis zwei Wochen dauere die Umgestaltung eines Parkplatzes, sagt Sedivy. Sie oder ihre Kolleginnen sind zunächst beratend zur Stelle. Sie koordinieren, vermitteln, wenn nötig, Muldentransporte oder Naturgartenbauer und packen bei der Umsetzung auch selbst an. «Den Umgang mit einem Presslufthammer lernt man schnell», sagt Sedivy. «Und es macht Spass, den Boden freizulegen.»

Für einmal nur symbolisch: Isabella Sedivy auf einem Bagger in der Europaallee. Rechts eine Lösung für die Entsiegelung eines Parkplatzes; das Auto steht weiterhin auf festem Grund, das Wasser aber kann besser versickern.

Eine Idee für den Wettbewerb

Die Idee der Asphaltknackerinnen kam Sedivy und ihrer Geschäftspartnerin Bettina Walch vor bald fünf Jahren. Im Juli 2021 gab es in Europa extreme Hochwasser, die insbesondere in Deutschland 180 Todesopfer und grosse Schäden forderten. Die beiden hatten kurz zuvor ihre Stellen als Journalistinnen aufgegeben und sich mit einer auf Natur- und Umweltthemen spezialisierten Kommunikationsagentur selbständig gemacht. Die Veränderung von grossen, meist betonierten Flächen hin zu mehr Naturnähe ist eines ihrer Hauptthemen, und das Entsiegeln ist eine der möglichen Massnahmen. Da kam der Projektwettbewerb «für Züri» mit Geldern aus der Jubiläumsdividende der ZKB gerade richtig. Sie bewarben sich 2021 mit der Idee, sich als Asphaltknackerinnen zu vermarkten – und gewannen.

Asphaltknackerinnen bei der Arbeit.

Im Herbst des darauffolgenden Jahres begannen sie mit der Entsiegelung von Flächen, wobei der Aufwand und die Entsorgung des Asphalts zwei Jahre lang aus dem ZKB-Projektfonds finanziert waren. «Wir haben aber auch viel Gratisarbeit geleistet», sagt Sedivy.

Danach gelang ihnen eine Partnerschaft mit der Mobiliar-Genossenschaft. Diese fördert im Rahmen ihres Engagements für Schwammstadtprojekte das Entsiegeln als Massnahme zur Hitzeminderung. Auch Schäden durch Starkregen sollen damit vermieden werden.

Dazu braucht es allerdings politischen Willen. Projekte für die Asphaltknackerinnen kommen dort zustande, wo Gemeinden oder Kantone ihre Bewohner dazu bewegen wollen, hitzemindernde Umgestaltungen vorzunehmen oder die Biodiversität zu unterstützen. Die meisten tun das mit finanziellen Anreizen; das Geld kommt dann zum Teil von der Mobiliar.

Winterthur gehörte zu den ersten Gemeinden, die aktiv geworden sind; seit neuestem ist mit dem Aargau auch ein Kanton dabei. Die Asphaltknackerinnen bieten Privaten in diesen Gebieten kostenlose Beratung und die Entsorgung von bis zu 100 Quadratmeter Asphalt an.

Freiwillige stellen Dutzende von Wiesenziegeln auf den Europaplatz. Manche von ihnen können von Besuchern ersteigert und zur Bepflanzung mitgenommen werden.

In Zürich läuft es dagegen etwas anders: Die Stadt hat Sedivy mit einem fixen Beratungsmandat für Private betraut. Seit 2024 unterstützt das Programm Stadtgrün Massnahmen für ein besseres Stadtklima von Hausbesitzern. Wer seine Fassade oder sein Dach begrünen, Bäume pflanzen oder Flächen entsiegeln will, bekommt 50 Prozent von der Stadt bezahlt.

Die Idee muss wirtschaftlich funktionieren

Ebenso wichtig wie die Beratung und die Umsetzung ist den Asphaltknackerinnen die Dokumentation ihres Wirkens: In kurzen Filmen und Beiträgen in den sozialen Netzwerken wollen sie zeigen, dass sich etwas verändern lässt. Sedivy legt allerdings Wert darauf, dass sie und ihre Mitstreiterinnen – in ihrer Agentur arbeiten zufällig ausschliesslich Frauen – keine Aktivistinnen seien. «Wir sind nicht politisch und auch kein Verein», sagt sie. «Das Engagement muss wirtschaftlich funktionieren.» Denn es gehe ja darum, dass Biodiversität als zentraler Bestandteil für ein besseres Leben erkannt werde.

Derzeit fliessen etwa ein Drittel der Stellenprozente der Agentur in die Asphaltknackerinnen, der Rest fliesst in Beratungen für Immobilienfirmen, Kommunikation und Workshops. «Seit dem Start des Projekts im Kanton Aargau und mit der Hitze bekommen wir etwa eine Anfrage für Entsiegelungsberatungen pro Tag», sagt Sedivy. Ausserdem gebe es weitere Kantone, die an einer Zusammenarbeit interessiert seien. Das Potenzial ist gross: In den Städten und Agglomerationen der Schweiz sind im Durchschnitt mehr als 60 Prozent der Fläche versiegelt.

Isabella Sedivy hat eine grosse Liebe zur Natur; die Biologin und frühere Journalistin schätzt, dass sie nun mit Menschen zusammenarbeitet, die etwas verändern wollen – auch ganz konkret mit dem Presslufthammer.

Sedivys Antrieb ist die Liebe zur Natur. Das wird sichtbar, wenn sie beim Gespräch plötzlich auf den im Sand badenden Spatz auf dem Boden hinweist. Oder an der Begeisterung in ihren Augen, wenn sie ihre abgeschlossenen Projekte zeigt: ein betonierter, grauer Platz neben dem Haus, der zu einem blühenden Vorgarten geworden ist.

Sedivy hat einst Biologie studiert, dann für kurze Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL gearbeitet. Schliesslich war sie 15 Jahre lang Fachjournalistin für Umwelt- und Naturthemen beim SRF, unter anderem für «Netz Natur». Den entscheidenden Unterschied zu ihrer früheren Tätigkeit sieht sie heute darin, dass sie nun vor allem mit Menschen zu tun habe, die etwas verändern wollten, sagt sie.

Sedivy sagt, dass das Bewusstsein für die Wirkung versiegelter Flächen erst langsam erwache, stark verbunden mit den Hitzeperioden, wie wir sie derzeit erlebten. So lässt sich erklären, warum es jüngere Bauprojekte mit grossen versiegelten Flächen gibt. Sedivy nennt etwa das 2015 fertiggestellte Hunzikerareal in Zürich Nord, das trotz grossem Grünanteil in der Planung nachträglich noch entsiegelt worden ist. Oder die 2020 fertiggestellte Europaallee, die Sommer für Sommer zur Hitzeinsel wird.

Vorher-nachher-Bilder: Das Ziel ihrer Einsätze wird im Vergleich deutlich.

Die Wiese wirkt

An diesem Wochenende steht auf dem Europaplatz allerdings eine wilde Blumenwiese. Für die Aktion «Züri blüht» hat eine Gartenbaufirma 2000 sogenannte Wiesenziegel angeliefert. Freiwillige haben sie auf dem Platz angeordnet, so dass sie 500 Quadratmeter Wiese bilden. Sie muss gut bewässert werden. Interessierte dürfen auf Wegen hindurchspazieren. Von Wiese umgeben ist auch der Sandkasten, in dem Sedivy mit anpackt und Kinder anleitet, die sich an der Zerkleinerung von Asphalt versuchen möchten.

Am Abend des ersten Tages schickt Sedivy eine Nachricht mit den Temperaturmessungen des Umwelt- und Gesundheitsschutzes Zürich. Sie zeigen, dass die gefühlte Hitze auf dem Platz rund um die Wiese um 2 Grad zurückgegangen ist – auf 44,7 Grad. Unter einem kleinen Baum auf der Wiese sind es sogar 7,5 Grad. Es ist das, was ihr und ihren Mitstreiterinnen wichtig ist: zu zeigen, dass sich etwas verändern lässt.

Eine Hitzeinsel wird begrünt: Auf dem Europaplatz blüht für drei Tage eine Wiese.

Eine Hitzeinsel wird begrünt: Auf dem Europaplatz blüht für drei Tage eine Wiese.

«Züri blüht» – eine Aktion von WWF, den Asphaltknackerinnen und Grün Stadt Zürich. Samstag, 27. Juni, von 10 bis 20 Uhr und Sonntag, 28. Juni, von 10 bis 18 Uhr.

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